„Und dann geht das Wasser ins Klärwerk!“ – was Dreijährige halt so interessiert

Mein Sohn hat ein neues Interesse. Halt, so neu ist es gar nicht. Es geht nun schon seit ein paar Monaten so. Und das Interesse lässt sich nicht nach. Das Interesse nach dem Weg des Abwassers. Wo landet unser Abwasser? Natürlich im Klärwerk. Das findet mein dreijähriger Sohn sowas von spannend, dass diese rhetorische Frage unseren Alltag mittlerweile … sagen wir mal… so ein bisschen dominiert.

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Kindermund: Und warum?

Mein Großer ist dreieinhalb Jahre alt und seit einiger Zeit mitten in der Warum-Phase. Warum? Warum nicht? Und was dann? Und wieso das? Und warum, warum, warum??? Es ist unglaublich, was man alles dazulernt, um die Fragen zu beantworten. Denn den Kleinen fällt so einiges auf, was für uns selbstverständlich scheint. Manchmal ganz schön verblüffend, was den Kindern so in den Sinn kommt und was in ihren kleinen Köpfen so umgeht. Ein Beispiel von heute:

Nach dem Kindergarten kommen wir an einem Kinderspielzeug-Laden vorbei, der vor kurzem gebrannt hatte. Nun hat er wieder – pünktlich zur Weihnachtszeit – aufgemacht und den Eingang zur Feier des Tages mit ganz vielen Luftballons geschmückt.

Mama, warum hängen da so viele Luftballons?“

Weil der Laden wieder aufmacht.

Ja, aber wieso hängen die Luftballons auf?

Zur Feier des Tages. Damit man sieht, dass der Laden wieder aufhat.

Und wieso soll man das sehen?

Damit die Leute reinkommen.

Und wieso?

Damit die Leute da Spielzeug kaufen.

Und warum?

Damit der Laden Geld verdient.

Aber warum denn?

Weil das der Beruf von der Frau ist: Sie verkauft Spielzeug und verdient damit Geld.

Und warum ist das ihr Beruf?

Weil ihr das Spaß bringt. Jeder sucht sich einen Beruf, mit dem er Geld verdient und der ihm Spaß bringt. (Man will das Kind ja nicht gleich demotivieren: Arbeiten bringt natürlich Spaß!)

Aber wieso will die Geld verdienen?

Damit sie mit dem Geld einkaufen gehen kann. (Kapitalismus in Kurzform)

Und warum?

Weil die Ladenbesitzerin ja auch was essen will und Kleider anziehen möchte.

Aber wieso?

Ohne Kleider ist es ja ganz schön kalt. Und ohne Essen hat man Hunger.

Und warum denn?

Ich sage nur so viel: Es ging noch eine Weile so weiter. Bis er auf dem Weg nach Hause einen Hundehaufen auf dem Fußweg entdeckte und ihm die nächste Frage einfiel:

Wieso machen denn die Hunde auf den Fußweg?

Das sind ja noch die einfachen Fragen. Manchmal wird es richtig philosophisch:

Mama, warum muss uns das Essen denn gut schmecken?

Immer diese Trödelei! Oder: Pünktlichsein mit Kindern

Früher, da ging man mal eben schnell noch mal in den Supermarkt. Oder zum Bäcker. Schuhe an, Jacke, Portemonnaie und los. Heute, da ist es jedes Mal, als ob man auf eine Weltreise geht. Schuhe an, Jacke, Handtasche um. Soweit so gut. Aber dann kommen da ja noch zwei Persönchen, die auch mitkommen. Und auch Schuhe, Jacke, Mütze brauchen. Bis man heute mal loskommt, dauert es. Es ist ein Phänomen, wie lange. Ich hätte es mir vorher kaum träumen lassen. Und es ist total egal, wie rechtzeitig man sich fertig macht. Man kommt mit Kindern immer auf den letzten Drücker.

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Dreijährige: Bespielen oder spielen lassen?

Das mit dem Spielenlassen und Bespielen ist so eine Sache. Wenn es gewünscht wird, lese ich gerne eine Stunde lang vor. Ich habe auch kein Problem damit, wenn es viermal dasselbe Buch sein soll. Duplos bauen ist auch eine feine Sache und auch die Holzeisenbahn lasse ich gerne mal im Kreis fahren. Ich schaue gerne beim Malen zu und reiche neues Papier und bewundere die fertigen Werke. Kneten finde ich auch klasse und in der Sandkiste habe ich meinen Spaß damit, den zehnten Sandkuchen zu essen. Noch lieber backe ich richtigen Kuchen und lasse meinen Gr0ßen dabei den Mixer halten. Viel Spaß haben wir zwei (und das Baby im Kinderwagen) auch damit, Einkaufen zu gehen, die Birnen und Butter aufs Band zu legen.

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Nur wenn wir sie auch mal alleine spielen lassen, lernen Kindern, alleine zu spielen.

Bespielen rund um die Uhr: Wie viel Animation brauchen Kinder?

Aber ich gebe es zu: Ich kneife. Ich kneife, wenn es heißt: „Mama, wollen wir Flugzeug spielen?“ Denn ich weiß, was dann kommt. Rollenspiele mit einem Dreijährigen! Mein Großer ist der Pilot und ich soll neben ihm sitzen. Dann geht es los, ein ohrenbetäubendes „BRRRRRRRRRUMMMMMM“. Das dauert eine Weile an. Dann landet der Flieger. Um dann wieder abzuheben. Das kann gerne ein Stunde lang dauern. Meine Stichworte kenne ich schon: „Anschnallen nicht vergessen.“ Dann heißt es, neben der Lärmquelle zu sitzen und eine gute Miene zu machen.

ROLLENSPIELE. Als Kind liebte ich sie. Heute kneife ich, wenn ich kann.

Wenn es wieder heißt: „Mama, ich bin der Autofahrer und du musst dich neben mich setzen.“ Und wir eine Stunde lang auf dem Sessel durch die Gegend heizen. Er ist der Fahrer, natürlich ein schneller und natürlich ist das Auto LAUT.

Alleine spielen: Ab wann können Kinder das?

Nein. Ich mag diese Spiele nicht. Ich bin kein geduldiger Beifahrer. Und als Co-Pilot eigne ich mich auch nur bedingt.  Ich weiß: Rollenspiele sind ganz wichtig. Besonders für Dreijährige. Sie verarbeiten dabei, was sie im Alltag erleben. Sie lernen dabei und vertiefen ihre Fähigkeiten. Ist mir alles klar. Aber sollten sie so etwas nicht mit anderen Kindern spielen? Müssen wir Eltern für alles herhalten? Sind wir überhaupt die richtigen Spielpartner?! Müssen wir Kinder ständig bespielen?

Ich habe einmal gelesen, ich glaube es war bei Remo Largo, von dem ich viel halte, weil er so herrlich undogmatisch ist, dass wir Erwachsene Kindern vor allem den Alltag vorleben sollen und sie in unseren Alltag einbeziehen sollen. Spielen sollen sie vor allem mit anderen Kindern. Um von ihnen zu lernen. Um sich zu sozialisieren. So sehe ich es auch.

Natürlich spiele ich gerne mit meinen Kindern. Es bringt mir auch Spaß. Aber doch nicht rund um die Uhr! Und brauchen Dreijährige wirklich dieses ständige Bespielen? Die Rund-um-die-Uhr-Animation?

Nein.

Wenn ich sehe, wie mein Großer auch mal im Spiel versinken kann. Wie er gedankenverloren mit einem Matchbox-Auto durchs Kinderzimmer fährt, dabei verschiedene Stimmen imitiert, sich eine Rennstrecke ausdenkt, das Auto im Stau stehen lässt und volltankt – alles ohne Stichworte und Interventionen von mir, dann bin ich fest davon überzeugt, dass es Kindern gut tut, auch einmal mit sich selbst zu spielen. Auch mal einen Moment Langeweile zu haben. Um dann auf eine neue Idee zu kommen. Man muss ihnen nicht ständig neue Spiele vorschlagen, neue Reize setzen, dazwischen reden, wenn er gerade dabei ist, in den „Flow“ zu kommen. Kinder brauchen uns nicht als Animateure und nein, wir müssen sie nicht ständig bespielen, damit sie glücklich sind.

Man muss Kinder nicht ständig bespielen

Genau dieses Reinreden beobachte ich oft auf dem Spielplatz. Da sitzt Finn-Luca im Sand und siebt konzentriert, lässt den Sand in ein Loch fallen und siebt weiter. Schon fünf Minuten lang. Doch der Finn-Lucas-Mama scheint das nicht zu reichen. „Guck mal, Finn-Luca, tu den Sand doch mal ins Förmchen und mach einen Sandkuchen.“ Finn-Luca guckt gar nicht hoch. Sie also lauter „Fi-inn-Lu-uca. Nimm doch noch das Förmchen dazu.“ Finn-Luca hört nicht. Sie kräht „Finni! Mit dem Förmchen bringt das viel mehr Spaß.“ Finni guckt schließlich hoch, sie wedelt mit dem Förmchen, legt ihm das vor die Nase. Widerwillig nimmt er das Förmchen, wirft es weg und steht meckernd auf. Finni hat Hunger und keine Lust mehr zu spielen. Finnis Mama seufzt: „Nie kannst du dich mal auf eine Sache konzentrieren.“

Ich lasse meinen Großen gerne in den Flow kommen. Ja, nicht ganz ohne Eigennutz. Denn dann habe ich auch mal fünf Minuten, vielleicht in der Zeitschrift zu blättern oder einfach nur den Kaffee zu trinken, Wolken anzuschauen und mal nix zu tun. Nun ja, wenn mich der Kleine lässt. Der ist nämlich immer dann im Flow, wenn der Große nicht im Flow ist. Und ist der Große im Flow, dann will der Kleine garantiert grad von Flow nix wissen. Ha! Aber der Plan steht: In einem Jahr ist der Kleine groß genug. Dann spielen sie gemeinsam und haben einen Doppel-Flow und ich einen doppelten Kaffee samt Zeitschriftenartikel.

Was meint Ihr: Dreijährige bespielen  oder auch mal langweiligen lassen? Brauchen sie diese Daueraction? Müssen wir Eltern Animateure für unsere Kinder sein und jedes Spiel mitmachen? Oder kann man sich auch mal ohne schlechtes Gewissen vorm X.Ten Rollenspiel (Polizei, Feuerwehr oder Einkaufsladen) drücken?