Bin ich nur eine gute Feministin, wenn …?!

Ich weiß, ich bin spät dran, der Frauentag ist ja schon vorbei. Aber trotzdem will ich noch was loswerden zu der Diskussion um Frauenrechte, Gleichstellung, Feminismus und all dem, was am Freitag durch die Medien geisterte. Immer wenn ich die Diskussionen im Internet lesen, wenn ich Zeitungsartikel lese, wenn ich Argumente von Frauen-Demo-Teilnehmerinnen höre, dann stellen sich mir ein paar Fragen, allen voran die: Wann ist eine Frau emanzipiert? Oder anders ausgedrückt: Wann bin ich eine gute Feministin? Oder noch anders ausgedrückt: Was macht eine Frau zur Feministin? Und gibt es etwas, das sich damit ausschließt? Kann ich auch als teilzeitarbeitende Frau in einem typischen Frauenberuf eine emanzipierte Feministin sein?! JA KLAR. Wenn es mein eigener Weg ist!

Ich komme aus einem aufgeklärten Elternhaus. Mein Vater hat immer im Haushalt mitgeholfen und macht es auch heute noch. Meine Eltern haben mir nie in meine Berufswahl reingeredet.  Genauso wenig wie sie mir in meine Spielzeugwahl hineingeredet haben. Ich habe mit Puppen genauso gespielt wie mit Legos und habe die Nachmittage mit anderen Kindern tobend im Garten und Wald verbracht. Ich habe einen Studiengang gewählt, in dem es mehr Männer als Frauen gab (BWL). Und habe mich dann aber – typisch Frau?! – dafür entschieden, trotz BWL-Diplom und gar nicht mal so schlechten Noten in Controlling, Unternehmensführung und Einkommenssteuerrecht dazu entschieden, Journalistin zu werden. Ein Beruf, in dem man (in den meisten Fällen jedenfalls) eher weniger verdient als in den Chefetagen als BWLer. Und dann habe ich noch nicht einmal eine Karriere als Ressortleiterin oder gar Chefredakteurin angestrebt, sondern mich schnell entschieden, freiberuflich zu arbeiten – und das auch noch im Themengebiet „Frauen- und Mädchenrechte„. Und dann, um dem ganzen auch noch einen drauf zu setzen, habe ich als mein erstes Kind auf die Welt kam, bereitwillig meine Arbeitsstunden reduziert und bin seitdem mehr als zufrieden in Teilzeit. Und noch das I-Tüpfelchen: Ich will gar nicht zurück in Vollzeit!

Tja. Das Ganze lässt sich noch toppen: Mein Mann hat nicht etwa auch reduziert, sondern sich für die Vollzeit entschieden – und ich habe mich entschieden, mehr als er im Haushalt zu machen, eben weil er ja viel länger arbeitet als ich. (immerhin habe ich mich entschieden, bei der Hochzeit meinen Mädchennamen zu behalten, check) Außerdem liebe ich es zu Backen und zu Kochen und tatsächlich ziehe ich meiner Tochter ab und zu ein Kleidchen an und nicht nur die alten Sachen von ihren großen Brüdern.

Uff.

Bin ich nun keine Feministin? Bin ich nun keine emanzipierte Frau? Bedeutet mein Werdegang, dass ich all die Errungenschaften des Feminismus weggewischt habe? Und eine rückständige, unemanzipierte Frau bin?

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Nach dem, was ich rund um den Frauentag las, konnte ich den Eindruck bekommen. Nun teilweise jedenfalls.

Habe ich aber nicht. Denn mir stellten sich folgende Fragen:

  • Bin ich nur eine Feministin, wenn ich einen Männerberuf wähle? (naja, wenn ich mir die Frauen anschaue, die diese Diskussionen führen und dann lese, dass sie Soziologie studiert haben oder so, dann beantwortet sich die Frage von selbst)
  • Bin ich nur eine Feministin, wenn ich unbedingt Karriere machen will?
  • Bin ich nur eine Feministin, wenn ich schon in meiner Kindheit nur mit den Jungs spielte und Puppen links liegen ließ?
  •  Bin ich nur eine Feministin, wenn ich Vollzeit arbeite?
  •  Bin ich nur eine Feministin, wenn ich meine Kinder in der Ganztagsbetreuung lasse?
  • Bin ich nur eine Feministin, wenn ich meinen Mann genau die Hälfte der Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen lasse?
  •  Bin ich nur eine Feministin, wenn ich genderneutrales Spielzeug zulasse und meine Kinder in neutralen Farben kleide?
  •  Bin ich nur eine Feministin, wenn ich meine Jungs ermuntere, Frauenrollen zu übernehmen und Frauenberufe zu ergreifen und meine Tochter dazu, den Hammer zu schwingen und einen Blaumann überzustreifen?

Nö.

Für mich bedeutet, gleichberechtigt zu sein: Alle Chancen zu haben. Und das zu wählen, was am besten zu einem passt. Wenn man heutzutage die  Zeitung liest, dann bekommt man so oft das Gefühl, dass nun alle Mädchen unbedingt einen Männerberuf ergreifen sollen. Und die Jungs bitte umgekehrt das machen sollen, was man für einen typischen Frauenberuf hält.

Halt stopp. Ist doch Blödsinn, oder?

Es geht doch darum, dass man die Wahl hat!

Und die haben wir Frauen und unsere Töchter doch heutzutage (nun ja, zumindest in weiten Feldern, dass alles perfekt ist, will ich gar nicht bestreiten): Mädchen haben ja bekanntlich die besseren Schulnoten und somit die größere Wahlfreiheit, was die Berufswahl und Studienfachwahl betrifft. Ich hätte mit meinem Notenschnitt damals auch Maschinenbau studieren können, Medizin oder auch genauso Dachdecker werden können. Ich hatte die Wahl. Und niemand hat mir reingeredet. Ich hatte in meinem Werdegang immer die Wahl: Ich hätte auch Unternehmensberaterin werden können und damit was eher Männertypisches machen können. Und als Kind hatte ich die Wahl zwischen Legos, Holzeisenbahn, Puppen und im Matsch toben und hab ganz selbstverständlich alles gemacht, gedrängt hat mich keiner.

Genauso wie ich auch hätte Vollzeit weiterarbeiten können als mein erstes Kind auf die Welt kam. In unserer Stadt gibt es eh nur Vollzeitplätze in den Betreuungseinrichtungen, ich habe mich dafür entschieden, die Kinder um 14 Uhr abzuholen und den Nachmittag mit ihnen zu verbringen. Es war allein meine Entscheidung. Genauso wie die Berufswahl, die Wahl meiner Spielzeuge und meiner Klamotten.

Und nein, ich habe nicht das Gefühl, als ob ich je zu einer Entscheidung gedrängt wurde. Ich hatte mein Leben immer selbst in der Hand.

Und das ist meiner Meinung nach wirkliche Emanzipation, wirkliche Gleichstellung: Dass ich selbst entscheide, wie ich leben möchte. 

Aber das beinhaltet eben auch, dass eine Frau sich auch für einen typischen „Frauenberuf“ entscheiden darf. Oder dafür, nur Teilzeit zu arbeiten. Ist eine Frau deshalb weniger emanzipiert? Fällt sie dadurch zwangsläufig in „alte Rollenmodelle“ zurück?

Nö.

Wenn es ihre eigene Entscheidung ist, ist doch alles bestens.

Denn die Möglichkeit, sowas selbst zu entscheiden, das unterscheidet uns Frauen von heute doch von den Frauen, die vor 100 Jahren lebten. Und sich Dinge wie Wahlrecht, das Recht zu studieren erkämpfen mussten. Bis hin zu dem Recht, zu arbeiten, ohne den Mann um Erlaubnis zu fragen (was sie erst 1977 bekamen!!!).

Genauso sollte eine Frau aber im Umkehrschluss auch nicht kritisiert werden, wenn sie sich eben für Vollzeit entscheidet. Oder dafür, nur ein Kind zu bekommen, weil sie lieber Karriere machen will. Es ist unser Leben. (die härtesten Kritiker sind übrigens oft die Frauen untereinander, ist das nicht das eigentlich Merkwürdige?! Mommywars statt Frauensolidarität.)

Und doch gibt es ein paar Steine, die uns Frauen bei unserer freien Bestimmung über unser Leben in den Weg gelegt werden: Das sind Dinge wie zu wenige Kindergarten- und Krippenplätze. Das sind Dinge wie alte Männer in Führungspositionen, die lieber einen jungen Mann einstellen als eine Mutter von zwei Kindern. Das sind die Unterschiede in der Bezahlung für ein und denselben Job. Das sind auch Personalchefs (und Personalchefinnen), die Frauen in Teilzeit von einer Führungsposition auf einen Sachbearbeiterposten verschieben. Das sind aber auch die Frauen, die über die Mütter herziehen, die sich für eine Vollzeitstelle entscheiden.  

Perfekt ist unsere Wahlfreiheit noch nicht. Ich könnte noch mehr aufzählen. Aber es hat sich so viel getan.

Denn Feminismus ist eben nicht: einfach nur die Männer kopieren. Das wäre ja zu einfach. Wir Frauen müssen doch keine besseren Männer werden. Das ist es ja, was leider so oft suggeriert wird.

Nein. Wir Frauen sollten unseren eigenen Weg gehen – und ihn auch gehen dürfen. Und wenn der eigene Weg und die eigene Entscheidung ist, sechs Jahre lang Hausfrau zu sein, bis die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind, dann ist das verdammt noch mal auch ok!

Da wir es eh nie allen Recht machen können, sollten wir es auch gar nicht versuchen. Zieht Euer eigenes Ding durch.

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6 Kommentare zu “Bin ich nur eine gute Feministin, wenn …?!

  1. Und warum bekommt der Mann einer Astronauten 5000Euro für die Entscheidung 1 Jahr die Kinder zu versorgen? Sicherlich ist da noch einiges aufzuholen…

  2. Das sehe ich auch so. Allerdings ist die echte Wahlfreiheit eben noch nicht erreicht. Seilschaften der Männer erschweren den Frauen oft diese Wahlfreiheit. Es geht eben auch um Akzeptanz dieser Wahlfreiheit. Die ist gesellschaftlich noch nicht durchgedrungen. Daher braucht es meiner Meinung nach tatsächlich Quoten etc. um das Gesellschaftsbild breiter zu machen und Vorbilder und Sogwirkung zu generieren.

  3. Bin ich nur eine Feministin, wenn ich einen Männerberuf wähle? (naja, wenn ich mir die Frauen anschaue, die diese Diskussionen führen und dann lese, dass sie Soziologie studiert haben oder so, dann beantwortet sich die Frage von selbst)

    Nein, aber Du bist es, wenn Du anerkennst, dass das für viele Frauen immer noch schwierig ist bzw. klassische Frauenberufe eben deutlich schlechter entlohnt werden, obwohl sie mindestens ebenso wichtig sind wie die „Männerberufe“.
    Für beide Geschlechter ist es nach wie vor schwierig, aus den vorgefertigten Mustern auszubrechen.

    Bin ich nur eine Feministin, wenn ich unbedingt Karriere machen will?

    Nein, aber Du bist es, wenn Du anerkennst, dass es für Frauen mit Kindern deutlich schwieriger ist als für Männer.

    Bin ich nur eine Feministin, wenn ich schon in meiner Kindheit nur mit den Jungs spielte und Puppen links liegen ließ?

    Nein, aber Du bist es, wenn Du anerkennst, dass Spielzeug keinem Geschlecht zugeordnet werden sollte.

    Bin ich nur eine Feministin, wenn ich Vollzeit arbeite?

    Nein, aber Du bist es, wenn Du anerkennst, dass das mit Kindern verdammt schwierig ist und Du Dich glücklich schätzen kannst, wenn Du es aufgrund der tollen Betreuungssituation in Deiner Stadt kannst. Bei vielen endet die Wahlfreiheit hier.

    Bin ich nur eine Feministin, wenn ich meine Kinder in der Ganztagsbetreuung lasse?

    Siehe eine Frage vorher.

    Bin ich nur eine Feministin, wenn ich meinen Mann genau die Hälfte der Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen lasse?

    Nein, aber wenn Du anerkennst, dass Du als Frau wahrscheinlich sehr viel mehr unbezahlte Care-Arbeit leistest – und damit meine ich nicht die Arbeit, die Du tust während er auch im Büro ist, sondern all das, was mal schnell nebenbei passiert.

    Bin ich nur eine Feministin, wenn ich genderneutrales Spielzeug zulasse und meine Kinder in neutralen Farben kleide?

    Nein, aber wenn Du Dir bewusst machst, dass bestimmtes Spielzeug bestimmte Rollenbilder eventuell verfestigen könnte und Du die Möglichkeit hast, gegenzusteuern.

    Bin ich nur eine Feministin, wenn ich meine Jungs ermuntere, Frauenrollen zu übernehmen und Frauenberufe zu ergreifen und meine Tochter dazu, den Hammer zu schwingen und einen Blaumann überzustreifen?

    Nein, aber es gehört selbstverständlich dazu, sie in diesen Dingen auch zu bestärken. Wenn sie gerne den Hammer schwingen, sollen sie das tun.

    Insgesamt ist mir Deine Antwort „Ich hab das alles selbst entschieden“ also ein bisschen zu einfach. Viele Frauen können das so nicht und zerreiben sich zwischen den Anforderungen, die an sie gestellt werden. Es sind also schon noch viele politische Stellschrauben zu drehen, um die Gleichberechtigung wirklich vollends umzusetzen.

  4. Danke für deine wahren Worte!
    Ich hab mich gegen ein Mathematik-Studium und für die Ausbildung zur Krankenschwester entschieden. Jetzt arbeite ich neben meinen 3 Jungs Teilzeit und bin sehr froh wenn ich die Nachmittage (noch – die Pubertät klopft schon laut an die Tür) mit meinen Kindern verbringen kann.
    Deine Reiseberichte haben mich übrigens zu einem Urlaub in Dänemark verführt (Finnland würde mir auch gut grfallen, aber da ist die Anreise von Österreich noch länger :( ).
    Liebe Grüße
    Julia

  5. Feministin sein – das hängt vor allem von den eigenen Überzeugungen ab und einem Blick dafür, dass es viele Steine eben noch gibt, die Frauen im Weg liegen. Oft merkt man diese Steine ja erst, wenn man Kinder bekommt oder plötzlich alleine da steht (Trennung, Todesfall). Als Paar sollte man gemeinsam ENTSCHEIDEN, was für beide Eltern das beste ist – auch mit Blick in die Zukunft.

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