Die unerwünschten Töchter: Frauenrechte in Indien

Die ganznormale Mama ist meistens lustig. Ich bringe Euch gerne zum Lachen! Aber heute möchte ich Euch zeigen, worüber ich hauptberuflich als Journalistin schreibe. Es sind auch Frauen- und Kinderthemen: Mir liegen besonders die Kinderrechte und Mädchenrechte am Herzen. In Indien haben Mädchen wenig Rechte. Oft noch nicht einmal das Recht, auf die Welt zu kommen. Ich war vor einiger Zeit auf einer Recherchereise in Indien und habe diese Reportage über die Situation der Mädchen und die Abtreibung weiblicher Föten für eine große Tageszeitung geschrieben. Die Recherche hat mich sehr bewegt – und deshalb möchte ich Euch heute diese Geschichte auf diesem Blog aufschreiben. Und bin gespannt, wie sie Euch gefällt:

Indien, Mädchenrechte, Frauenrechte

Namaste! Mehr als jedes zehnte Kind in Indien geht nicht zur Schule sondern muss arbeiten.

Als Sarita zum vierten Mal schwanger war, fuhr sie mit ihrem Mann in die eineinhalb Stunden entfernte Stadt Uttarkashi, um einen Ultraschall machen zu lassen. Dreimal hatte sie ein Mädchen auf die Welt gebracht. Diesmal wollte sie vorher wissen, was es wird. Sie wollte endlich einen Sohn.

500 Rupien, umgerechnet acht Euro, bezahlten sie und ihr Mann für die Geschlechtsbestimmung. Sarita war überglücklich, als sie erfuhr, dass es ein Junge wird. Endlich ein Sohn! Die Wahrheit sagte der Arzt nur ihrem Mann: wieder eine Tochter, ganz eindeutig. Die Abtreibung könne er sofort vornehmen. Doch Saritas Mann wollte das nicht, wollte sein Kind bekommen, egal, ob Mädchen oder Junge. Er sagte Sarita nichts, erst nach der Geburt erfuhr sie die Wahrheit. Wenn sie es damals, als das kalte Gel noch auf ihrem Bauch war, gewusst hätte, dann hätte sie abgetrieben, flüstert die Frau im bunten Sari.

Frauenrechte in Indien

Sarita (36) hat heute sechs Töchter. Sie will keine weiteren Kinder mehr.

Heute hat Sarita sechs Töchter, die älteste ist 19, die jüngste eineinhalb. Bei den Jüngsten verzichtete sie auf den Ultraschall. Sie wollte es nicht wissen, keine Entscheidung treffen. Sarita ist 36 und ihre Mutter hofft noch immer auf einen Enkelsohn. Doch die Bäuerin will keine weiteren Kinder mehr. Sechs Kinder haben ihren Körper müde gemacht, sagt sie. Und nein, sie möchte nicht noch einmal warten und hoffen, dass es doch ein Junge werden könnte. Und nach der Geburt die Menschen im Dorf reden hören. Darüber, dass sie, Sarita, anscheinend nur Mädchen gebären kann.

Der indischen Gesellschaft „fehlen“ mehr als 40 Millionen Mädchen

Abtreibungen sind in Indien nur bei medizinischen Komplikationen bis zur 14. Woche erlaubt. Dennoch wurden laut Schätzungen der Entwicklungshilfeorganisation Plan International seit 1994 mehr als zehn Millionen weibliche Föten abgetrieben. Der indischen Gesellschaft fehlen dadurch mehr als 40 Millionen Mädchen. Die Folgen der Abtreibung weiblicher Föten lassen sich statistisch nachweisen: Kamen 1901 auf 1000 Männer 963 Frauen, waren es 2001 nach indischen Angaben 933 Frauen auf 1000 Männer.

Das Missverhältnis zwischen den Geschlechtern ist nicht nur ein Zahlenspiel, es werde auch ein gesellschaftliches Problem, warnen die Entwicklungshelfer von Plan. „Es werden immer mehr Männer ohne Frau bleiben, weil es einfach nicht genug Frauen gibt“, schlagen die Plan-Mitarbeiter Alarm. Steigende Aggression, sexuelle Übergriffe und Mädchenhandel können die Folgen sein. Auch das versuchen die Entwicklungshelfer bei ihrer Arbeit deutlich zu machen. Die Verhinderung der Abtreibungen ist einer ihrer Schwerpunkte auf dem Subkontinent.

indische Frauen

Durch die Abtreibung weiblicher Föten fehlen der indischen Gesellschaft heute schon Frauen.

Noch wartet viel Arbeit auf die Entwicklungshelfer. Denn Gesetze seien eine Sache: „Die Abtreibung weiblicher Föten und die Benachteiligung von Mädchen ist tief in den Köpfen der Menschen verankert, es wird lange dauern, bis sich das ändert“, sagt Asif. Diese Erfahrung teilt Sarita. Als Mutter von sechs Töchtern hat sie es nicht leicht in ihrem 300-Einwohner-Dorf im Himalaya: „Wenn man nur Töchter hat, ist es für andere ein Freifahrtsschein, auf einen herabzusehen.“ Abfällige Kommentare und verächtliche Blicke: Sarita ist dies gewöhnt.

„Eine Tochter großzuziehen, heißt, den Garten des Nachbarn zu bewässern“ sagt ein indisches Sprichwort

Mädchen zählen nicht viel, sagt auch die 23-jährige Durga, eine Freundin von Sarita und Mutter eines Sohnes. Mädchen müssen ihren Müttern helfen, werden von ihnen auf die Rolle als Ehe- und Hausfrau vorbereitet. Spielen, mit anderen Kindern toben, zur Schule gehen, eine ganz normale Kindheit eben, das ist oft nur den Jungen vorbehalten. „Mädchen sind wie das Eigentum eines anderen, auf das die Eltern nur vorübergehend aufpassen“,  murmelt Durga. So lange, bis die Mädchen verheiratet werden und für die Mutter des Ehemannes arbeiten. „Eine Tochter großzuziehen, heißt, den Garten des Nachbarn zu bewässern“, sagt ein indisches Sprichwort. Wieso Geld und Zeit in eine Tochter investieren, die eh heiratet, zu einer fremden Familie zieht und für diese arbeitet? Söhne hingegen bleiben bei den Familien und unterstützen ihre Eltern.

Indien, Himalaya

Das Heimatdorf von Sarita liegt im Himalaya.

„Lieber 500 Rupien für eine Abtreibung als 50 000 für eine Mitgift“ werben indische Arztpraxen

Dann ist da noch die Sache mit der Mitgift, erzählen die Frauen. Sie kennen Frauen, die abgetrieben haben, weil sie sich keine weitere Tochter leisten konnten,  die Familie kein Geld für eine Mitgift aufbringen konnte. „Lieber 500 Rupien für eine Abtreibung bezahlen, als 50 000 für eine Mitgift“, werben Arztpraxen in großen Lettern.

Abtreibungen sind ein offenes Geheimnis. Jede Frau kennt eine Frau, die schon einmal abgetrieben hat, aber niemand redet offen darüber. Schließlich ist es verboten. Wenn die Frauen zusammen in den kleinen Lehmhäusern sitzen, an der Feuerstelle Brotfladen backen, weit weg von den Männern, tauscht man sich aus.

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Die Hebamme Kalawati wird immer wieder gefragt, ob sie die Schwangerschaften nicht beenden könnte.

Auch die Hebamme Kalawati wird oft gefragt, ob sie den Frauen nicht etwas geben kann, um die Schwangerschaft zu beenden. Immer wieder hat sie Patientinnen, die nach einem Ausflug in die Stadt auf einmal nicht mehr schwanger sind. Die Hebamme kennt die Last auf den Schultern der Frauen aus eigener Erfahrung: „Wir Frauen werden dafür verantwortlich gemacht, wenn es ein Mädchen wird.“ Mit moderner Wissenschaft und XY-Chromosomen können auf den Dörfern nur wenige etwas anfangen.

Wenn das Kind ein Mädchen wird, werden meist die Frauen dafür verantwortlich gemacht

Als Hebamme ist Kalawati diejenige, die den Männern die Nachricht überbringt, ob es ein Junge oder ein Mädchen geworden ist. Unzählige Male hat sie schon in enttäuschte Gesichter geschaut. Auch sie hofft jedes Mal, dass es ein Junge wird. Denn dann bekommt sie mehr Geld.

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Ein Tempel auf dem Weg in Saritas Dorf.

Saritas unerwünschte Tochter Nummer 4 ist heute sechs Jahre alt. Auf sie ist Sarita besonders stolz: Denn Angeeta ist Klassenbeste. Der Liebling der Familie. Sarita weiß, dass sie mehr Glück hatte als andere Frauen: Ihr Mann, ein Hindupriester stand immer auf ihrer Seite. „Die Töchter sind alles was wir haben, wir müssen sie unterstützen“, spricht der Hindupriester. Viele Männer sehen das anders. Für ihre Töchter wünschen sich die Eltern vor allem eins: „Eine gute Ausbildung und ein Job, von dem sie leben können.“

Ihre Töchter sind auf einem guten Weg: Die Älteste will Ärztin werden, eine andere Ingenieurin. Die Älteste, Reshma, hat gerade geheiratet. Eine Liebeshochzeit, erzählt das Mädchen. Eine Seltenheit in Indien, wo auch in den Städten die Hochzeiten zumeist arrangiert werden. Sie freue sich für ihre Tochter, sagt Sarita. Eine Hochzeit aus Liebe sei das, was sich viele Frauen wünschen – aber nur die wenigsten bekommen. Für die beiden jungen Eheleute ist eins sicher: Ob ihre Kinder einmal Jungen oder Mädchen werden, ist ihnen egal.

SArita, Indien

Sarita mit ihrer ältesten Tochter (l.), ihrer jüngsten und Angeeta, der Tochter, bei der sie einen Ultraschall machen ließ.

Indiens immense Unterschiede zwischen Arm und Reich

Mich hat die Reise damals sehr bewegt. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich und Stadt und Land waren so immens, wie ich es in kaum einem anderen Land gesehen habe. Und Armut schmerzt immer dann am meisten, lässt sich dann am wenigstens aushalten, wenn sie dem Reichtum direkt gegenübergestellt ist. Wenn neben dem modernen Multiplexkino, die Oberschicht Neu Delhis aus den Autos steigt und an den Menschen auf ihren Wellpappen vorbeigeht, die dort leben. Auf der Straße. In den Abgasen. Und von dem leben, was die Kinobesucher ihnen zustecken. Oder in den Müll werfen.

indien

Indien ist ein Land der Kontraste mit enormen Unterschieden zwischen Arm und Reich.

Ich habe mich auf meinen Recherchereisen oft mit Frauen- und Kinderthemen auseinandergesetzt, habe viele Geschichten über den Alltag von Kindern in Ländern wie China, Nicaragua, Ghana oder Nepal geschrieben. Ich habe Pekipkurse in den peruanischen Anden besucht (die Reportage darüber erschien zum Beispiel in der Zeitschrift Eltern) und über Kinderarbeit in den Goldminen Tansanias recherchiert.

Natürlich wird der Blog lustig bleiben und es sollen weiter die Alltagschaos-Momente und der ganz normale Wahnsinn im Vordergrund stehen. Aber gerne würde ich Euch ab und zu eine dieser Geschichten hier auf diesem Blog erzählen. Wenn Ihr mögt. Um Euch Einblicke zu geben, was Kindheit und Frausein in anderen Ecken der Welt bedeutet. Und Euch auch starke, tolle Frauen vorzustellen. Seid Ihr dabei? Ich würde mich freuen! Und wenn es Euch gefällt, freue ich mich, wenn Ihr es weitersagt 🙂

13 Kommentare zu “Die unerwünschten Töchter: Frauenrechte in Indien

  1. Danke für diesen Artikel. Ich hatte einen Kloß im Hals. Wen man hier so lebt, wo es einem so gut geht (auch rechtemäßig) kann man sich gar nicht vorstellen, dass in der heutigen Zeit, in derselben Welt solche Zustände und Ansichten vorherrschen. Gut, so etwas vor Augen geführt zu bekommen. Danke! Gerne mehr davon! Liebe Grüße!

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  2. Ich finde diesen Artikel sehr bewegend. Ich komme aus Indonesien aber in einer relativ großen Stadt aufgewachsen. Früher habe ich immer gehört, dass die Verwandten sich so sehr auf Jungen wünschen. Die Jungs tragen ja weiter die Familie. Doch langsam ändert sich die Zeit bzw. die Gesellschaft, dass ich oft von vielen Freundinnen, die schwanger sind, höre „weiblich und männlich ist doch egal, hauptsache ist das Baby gesund“ ich kann jetzt ein- und ausatmen.

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