Immer dieses Einmischen – wenn ungefragte Ratschläge nerven

„Ach, jetzt ist sie schon so alt, dass sie ohne Mützchen raus darf?“ Es war bestimmt nicht böse gemeint, der Satz der älteren Dame. Sie fragte nett und blieb schon häufiger stehen, um meine Babymaus zu bewundern. Aber diesmal schwang ein kleiner Vorwurf mit. Mein sechs Monate altes Baby trug nämlich keine Mütze während sie in meiner Babytrage saß. Es war ein lauer Morgen, 9 Uhr, 20 Grad, kein Lüftchen wehte. UV-Strahlung gab es auch keine nennenswerte und zudem stand ich im Schatten. Aber Babys! müssen! nunmal! draußen! Mützchen! tragen! Auch wenn es draußen so warm ist wie im Haus. Wo kommen wir denn hin! Achja, die Mütze ist so ein Dauerthema. Dicht gefolgt vom Tragen. Gestern erst wieder im Zug, die ältere Dame aus der Sitzreihe vor mir „Stört es das Baby nicht, wenn es sich so gar nicht bewegen kann?“ Schon mal mit Kinderwagen Zug gefahren? Ganz abgesehen davon, dass meine Maus sehr gern getragen wird. Von all den anderen Vorteilen will ich gar nicht reden. Und außerdem: Glaubt die Dame, dass mein Baby da den ganzen Tag drinsitzt? Was weiß sie überhaupt von unsere Leben?!  

Eben nix. Sie bekommt einen kleinen Ausschnitt zu sehen. Und der reicht ihr anscheinend, um sich anzumaßen, eine leise Kritik in ihre Worte zu packen. Einen nicht ganz so stillen Vorwurf. Vielleicht ja sogar ein guter Rat, nur ungeschickt formuliert. Wahrscheinlich gar nicht böse gemeint. Meinetwegen. Soll sie es doch nur gut meinen.

Aber man mischt sich nicht ein in das Private. Das Familienleben, die Erziehung. Man tut es einfach nicht. Jedenfalls nicht ungefragt!

Was ja nicht nur für Fremde gilt. Auch Verwandte und Bekannte bekommen in der Regel nur einen Ausschnitt des Familienlebens zu sehen (von Mehrgenerationenhaushalten mal abgesehen). Und repräsentativ ist das ja nun wirklich nicht. Doch gerade Omas, Opas, Tanten, Onkel und Co. mischen sich besonders gerne in das Familienleben ein. Da ist das Kind falsch erzogen. Oder gar nicht erzogen. Oder zu laut. Oder zu leise. Da wird das eine Kind vermeintlich bevorzugt und das andere vernachlässigt. Da wird zu viel verwöhnt. Oder gar nicht verwöhnt, weshalb die Ratgebenden dann gerne selbst nachhelfen in Form von akuter Geschenkeüberhäufung. Da wird zu viel geschimpft oder wahlweise zu wenig geschimpft. Und überhaupt!

Nein, auch wenn es noch so gut gemeint ist und man glaubt, man kennt das gesamte Familienleben, weil man gerade eine Stunde zum Kaffeetrinken zu Besuch war: Diese Ausschnitte sind nicht das ganze Leben. Diese Ausschnitte sind nicht repräsentativ. Sie sind lediglich kleine Einblicke.  Einblicke in ein großes Ganzes, das so viele Facetten hat, dass es durch ein kleines Blickfenster nicht vollständig zu verstehen ist. Deshalb ist es besser, manchmal einfach den Mund zu halten. Den auf der Zunge liegenden Spruch hinunterzuschlucken. Es steht uns einfach nicht zu, über andere zu urteilen und egal wie gut gemeinte Ratschläge zu verteilen.

Ich rede hier von Ratschlägen wie das fehlende Mützchen bei 20 Grad. Nicht von lebensbedrohlichen Dingen oder Kindeswohlgefährdung. Natürlich sage ich was, wenn eine Mutter ihr Baby bei 30 Grad im Auto zurücklässt. Natürlich mische ich mich ein, wenn jemand sein Kind total zur Schnecke macht oder gar schlägt. Als eine junge Mutter mir mal erzählte, dass sie ja gehört habe, dass Schütteln hilft, wenn das Baby schreit – da habe ich mich ganz gehörig eingemischt.

Das sind Situationen, wo man sich natürlich einmischen darf und sollte – und wo ich das auch mache.

Aber diese ganzen Alltags-Einmischereien, die nerven! Aber sowas von! Mir fallen leider immer erst im Nachhinein wirklich gute Konter ein in dem Moment selbst bin ich immer nur sehr höflich. Und eigentlich viel zu nett. Wobei – in den meisten Fällen wird auf Gegenargumente ja eh nicht gehört und es wäre verschwendete Energie, Dinge auszudiskutieren. Die Energie spare ich mir doch lieber für wirklich wichtige Dinge auf und bleibe beim höflichen Lächeln (wenn  Ihr darüber mehr wissen: In meinem neuen Buch gebe ich Tipps dazu.)

ungefragte Ratschläge an Eltern - einmischen in Erziehung

 

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Und wusstet Ihr, dass mein neues Buch Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein: Das Selbsthilfebuch für gerade noch nicht ausgebrannte Mütter auf dem Markt ist?  Und natürlich immer noch erhältlich ist mein Ratgeber zum Thema zweites Kind: „Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder.

 

 

5 Kommentare zu “Immer dieses Einmischen – wenn ungefragte Ratschläge nerven

  1. Ich verstehe dich so gut! Die Mützchendiskussion hatte ich bei meiner Großen ständig (hatte immer eine an, aber sehr schnell wieder ausgezogen. Irgendwann habe ich sie nicht mehr aufgesetzt). Wahlweise auch Socken. Oder Jacken. Am liebsten wawä sie halt immer nackt.
    Wobei mein persönliches Highlight die Dame war, der ich mal im Möbelhaus begegnet bin. Meine Tochter war gerade zwei Jahre alt, Winter, Gebäude schön warm, weshalb wir die dicke Jacke ausgezogen hatten. Beim rausgehen musste sie natürlich wieder angezogen werden. Man kennt ja dieses Mehlsackverhalten? Auf den Boden legen, jegliche Muskelspannung verweigern – in diesem Fall auch samt Trotzanfall. Ich versuche also einen schreienden, heulenden Mehlsack in die Jacke zu pfriemeln, da stellt sich besagte Dame als von der Polizei, Bereich Prävention vor und rät uns doch eine Erziehungshilfe in Anspruch zu nehmen.

  2. Ich habe ein 5 Monate altes baby. Und ich stille voll. Ich war beim besuch meinem Eltern. Mein Vater fragt mich jeden tag deselbe frage: Wann kann er Wasser trinken? 😕

    • Finde ich auch immer schön, gerade jetzt im Sommer. Höre ich bei meinem sieben Wochen alten, vollgestillten Baby auch immer. Direkt nach „Wann fängst du denn jetzt mal endlich an mit Fläschchen?“ (Gegenfrage: „Wann schenkt ihr mir denn endlich 3000€?“)

  3. Wie wahr, da sprichst Du mir aus der Seele! Mein Sohn ist durch seine Entwicklungsverzögerung recht impulsiv und manchmal überfordert, wenn zu viele fremde Reize auf ihn einströmen. Da kam es schon unzählige Male zu dämlichen Kommentaren unserer Mitmenschen. Bei manchen Sachen hilft die „ins eine Ohr rein, aus dem anderen Ohr raus“-Methode ;)

  4. Oh ich versteh dich so gut. Es ist einfach nur frech und abwertend in meinen Augen. Eine Mama kennt ihr Kind nun mal am Besten und weiss ob es nun eine Mütze braucht oder nicht. Meine hat die Mütze immer ausgezogen und nach dem 10 Mal an /ab hab ich sie dann eben abgelassen. Oder bei uns sind es immer die Socken. Da werfen mir die Leute vor das arme Kind habe keine Socken an, sie hat einfach immer warme Füsse. Was soll ich denn da noch Socken drüber ziehen? Aber Hauptsache sie konnten Motzen und die Mutter schlecht machen, so kommt es mir zumindest oft vor. Meine schwitz immer sobald ich sie nur etwas zu fest anziehe, sprich bei 20 Grad einen Pulli und die arme ist patsch nass. Naja die Anderen kennen unsere Kinder halt doch super gut -.- Danke für deinen Text!

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