Wieso wir uns unser Dorf selbst bauen müssen: Ohne Netzwerke keine Vereinbarkeit

Früher war mehr Dorf als heute. Als ich klein war, tobten wir Kinder den ganzen Nachmittag durch die Nachbarschaft. Spielten mal in dem einen Garten, mal in dem anderen und abends um sechs liefen wir alle nach Hause zum Abendessen. Es war niemand „zuständig“ für uns, wir hatten keine Daueranimation, sondern spielten, spielten, spielten – und die besten Spiele waren die, wo sich keine Erwachsenen einmischten. Was unsere Eltern in der Zeit machten? Keine Ahnung. Sie waren jedenfalls nicht immer zuhause. Denn während wir so spielten, machten sie sich auf den Weg in den Supermarkt, zum Sport oder zu einer Freundin. Oder waren schlicht noch mal arbeiten. Dann riefen sie uns quer über die Straße zu, dass sie noch mal außer Haus sind und dass wir, wenn was ist, doch einfach bei den Nachbarseltern klingeln sollten. Und das alles ohne Handy! Es klappte. Die Eltern in der Straße und auch die Eltern befreundeter Kinder sprangen ein, holten uns auch mal vom Kindergarten ab und zum Turnverein liefen wir eh selbst ohne Eltern. Das ist die Art von Dorf, die heute viel zu oft fehlt. Wir müssen uns unser Dorf selbst bauen. Denn ohne dieses Dorf ist Vereinbarkeit nur schwer möglich.

Mütter brauchen Netzwerke. Das wird mir immer wieder in solchen Momenten klar, in denen ein Kind plötzlich über Nacht krank wird. Und man dann da sitzt mit seinem wichtigen Termin und dem fiebernden Kind im Bett. Oder wenn am Nachmittag noch etwas erledigt werden muss, der Kindergarten aber um vier zumacht und es in Hektik ausartet, um Punkt 16 Uhr in den Kindergarten zu schneien. Oder wenn man gerne abends einfach mal ausgehen möchte, eine Freundin mal ohne Kinder im Schlepptau treffen, zum Yoga möchte oder eine Runde joggen gehen möchte. In diesen Augenblicken brauchen wir ein Netzwerk. Jemanden, der sich um die Kinder kümmert. Der auch mal spontan einspringen kann. Dem wir vertrauen. Und dem die Kinder vertrauen (ganz wichtig!).

Wenn diese Netzwerke fehlen, wenn das Dorf, das wir um uns herum gebaut haben, einfach zu klein ist, dann sind wir alleine. Dann fehlt uns die soziale Hängematte, die uns auffängt, die Stress vermeidet, die uns hilft, uns selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Mütter können nicht für alles zuständig sein. Und sie müssen es auch nicht. Mütter können nicht rund um die Uhr verfügbar sein. Niemand ist eine Rabenmutter, nur weil sie ihr Kind donnerstags nicht selbst aus dem Kindergarten abholt, sondern es die Nachbarin erledigen lässt. Und niemand muss sich dafür rechtfertigen. Es ist schlicht egal, ob das die Nachbarin erledigt, weil bei der Arbeit ein Meeting ansteht oder weil die Mutter Yoga macht am Donnerstag oder weil sie donnerstags einfach gern mal eine Stunde im Café sitzt. Ja, und selbst wenn sie in dieser Zeit ihren Liebhaber trifft, wäre das doch ok! Wenn es ihr doch gut tut!

Früher war mehr Dorf als heute. Das ist einer der Gründe, weshalb die Mütter von heute unter Druck stehen, es immer mehr Mütter-Burnout gibt, die Belastungen enorm geworden sind. Früher wurde das Gewicht auf mehrere Schultern verteilt, die Last für jede von uns war geringer. Früher wohnten die eigenen Eltern oft noch in der Nähe, gab es Tanten, Cousinen, waren Nachbarn noch Ansprechpartner und die Freunde der Kinder nicht bei diversen Nachmittagskursen sondern im Garten und hatten Zeit zum Spielen. Das Netzwerk war lebendiger, es wob sich, ohne dass man sich aktiv darum bemühen musste. Es war einfach da.

Und heute?

„Ich fühle mich so einsam, seit ich Mutter bin.“

„Es ist so langweilig, sich den ganzen Tag nur ums Baby zu kümmern.“

„Manche Tagen wollen einfach nicht vergehen und da freue ich mich, wenn das Kind abends endlich im Bett ist.“

„Wenn mein Kind plötzlich krank wird, fällt das mühsam aufgebaute Kartenhaus in sich zusammen.“

„Einfach mal eine Runde Joggen gehen? Wann soll ich das alleinerziehende Mutter von einer Zweijährigen bitte machen? Ich kann doch dafür nicht für 20 Euro einen Babysitter anheuern, das könnte ich mir gar nicht leisten.“

Nur einige Zitate aus Emails, die mir Leserinnen schrieben. Sie zeigen: Wir brauchen diese Netzwerke. Wir brauchen den Support von anderen. Um nicht völlig vor die Hunde zu gehen. Um auch Zeit für uns zu haben. Um unsere Arbeit machen zu können. Um dann in anderen Momenten dafür umso bewusster für unsere Kinder da zu sein.

Wir brauchen dieses mehr an Dorf nicht nur für eine bessere Vereinbarkeit. Sondern auch dafür, uns selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Niemand kann rund um die Uhr verfügbar und einsatzbereit sein. Wir alle brauchen Zeiten, um unsere eigenen Akkus aufzuladen. Denn wer sich nie um sich selbst kümmert, hat irgendwann keine Kraft mehr, sich um andere zu kümmern.

Wir brauchen die Netzwerke für ein einfacheres Elternleben. Auch für unsere Kinder. Denn auch sie brauchen ein Dorf um sich herum. Sie brauchen mehr Input als den, den nur ihre Mutter oder ihr Vater ihnen geben kann. Sie brauchen andere Kinder. Und sie profitieren von dem Input von vielen verschiedenen Erwachsenen. Das Dorf bereichert unser Leben. Lasst uns eins bauen!

Aber wir können nicht einfach warten, dass sich ein Dorf um uns herum errichtet. Um Hilfe bitten ist so eine Sache, die ich erst lernen musste. Ich muss mich immer noch überwinden, wenn ich mal darum bitte. Genauso wie ich lernen musste, Hilfe anzunehmen, wenn sie mir angeboten wird und sie nicht gleich reflexartig abzulehnen. Stolz ist hier völlig fehl am Platz: Hilfe annehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern vielmehr von Stärke. Genau wie es ein Zeichen von Stärke ist, auch mal „nein“ zu sagen, wenn wir etwas nicht machen können oder wollen.

Die Nachbarin fragen, ob sie nach den Kindern gucken kann, wenn man mal schnell noch was vom Bäcker holt. Die Freundin bitten, etwas aus dem Supermarkt mitzubringen. Die Mutter der Freundin aus dem Kindergarten fragen, ob sie die Kinder mit abholen und eine Stunde auf dem Spielplatz betreuen kann. Die eigenen Eltern bitten, nicht nur zum Kaffee und Kuchen zu Besuch zu kommen, sondern wirklich einen festen Nachmittag in der Woche die Kinder komplett zu übernehmen. Das alles sind die ersten Schritte, um sich ein Netzwerk aufzubauen. Im Gegenzug sollten wir aber auch anderen Hilfe anbieten – denn Netzwerke leben von der Gegenseitigkeit.

Was habt ihr unternommen, um euch ein Netzwerk aufzubauen?

Wir brauchen diese Netzwerke, denn wir alle brauchen etwas, das uns auffängt, von Zeit zu Zeit.

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3 Kommentare zu “Wieso wir uns unser Dorf selbst bauen müssen: Ohne Netzwerke keine Vereinbarkeit

  1. so stelle ich mir das auch vor, wenn die kinder dann schulkinder sind. noch möchte mein sohn (5) noch nicht alleine bei seinen freunden sein, er war es schon mal notfallmässig, ansonsten bei den großeltern oder der großtante oder tante. ich denke alles kommt zu seiner zeit und wie gesagt wenn die kinder im schulalter sind und dann eh alleine um die häuser ziehen möchten. für uns mütter oder eltern ist ein gemeinsames beisammen sein ( bei dem die kinder eh alleine spielen ) auch toll, da wir uns dann unterhalten können. es hat also beide seiten. ich stimme dem artikel aber sehr zu. ohne dorf ist es sehr schwer und auch nicht so vorgesehen, jeder profitiert davon wenn sich nicht nur die mutter kümmert.

  2. Ich finde sehr viele, bedeutende und ehrliche Worte in deinem neuen Beitrag. Viele Gefühle von dem teile ich und ertappe mich selbst oft bei Gedanken und Erinnerungen an die eigene Kindheit. Ganz ähnlich, wie du sie hier beschreibst. DANKE.

  3. So recht hast Du! Ich frage mich oft, wie meine Mama das früher mit uns 3 Kindern das alles scheinbar mühelos gemanagt hat. Und jetzt erst wird mir bewusst: sie hatte ein Netzwerk! Ich bin auch auf dem Dorf groß geworden und habe viele Nachmittage mit Freundinnen gespielt. Natürlich konnte meine Mama in der Zeit mehr erledigen als ich heute, wenn ich nachmittags mit meinen beiden Kindern zu Hause bin.
    Vielen Dank für den Gedankenanstoß!

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