Lasst den Kindern die Zeit, die sie brauchen!

Ich hatte ja schon mal geschrieben, dass ich kein Fan von übermäßigen Frühförderangeboten für Kinder bin. Denn ich bin der festen Überzeugung: Kinder lernen am besten durchs freie Spielen. Was auch durch mehrere Studien belegt wurde. Kinder sollen die Chance haben, Kinder zu sein, so lange es geht. Sie sind so wissbegierig, sie lernen so schnell – und brauchen dafür keine ausgeklügelten exotischen Kurse. Vor allem brauchen Kinder Zeit. Freie Zeit. Zeit für sich. Zeit fürs Spielen. Und Zeit genug, ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Ohne dass wir sie drängen, dass wir sie dabei beschleunigen wollen. Lasst den Kindern doch die Zeit, die sie brauchen! Lasst sie ihre eigenen Erfahrungen machen – in ihrem eigenen Tempo. Denn jedes Kind ist gut, so wie es ist. Und auch wenn wir Eltern manchmal ungeduldig werden: In den meisten Fällen kommen die Entwicklungsschritte ganz von selbst. Wir brauchen nur Geduld.

Ich werde nie vergessen, wie ein Vater damals, als mein Großer ein Jahr alt war, mit seinem ebenfalls einjährigem Sohn, den ganzen Nachmittag auf dem Spielplatz herumlief. Der Kleine konnte noch nicht alleine laufen. Deshalb hielt der Vater seinen Sohn an den Armen und lief mit ihm herum. Zwei Stunden lang, drei Stunden lang, vielleicht auch länger, wir sind dann nach Haus gegangen. Der Kleine sollte laufen lernen. Und der Vater dachte, er trainiert es mal mit seinem Sohn. Es war nicht der einzige Nachmittag, an dem er diese „Trainingseinheit“ absolvierte. Der Sohnemann wollte aber lieber krabbeln. Er lernte mit 18 Monaten alleine laufen, wie mir die Eltern später mal erzählen. Ein Zeitpunkt, der durchaus noch normal ist und kein Grund zur Besorgnis. Aber da im Umfeld alle anderen Kinder schon früher laufen konnten, dachten die Eltern, mit diesem „Training“ die Entwicklung zu beschleunigen.

Ich glaube, der Sohnemann hätte  mit oder ohne „Lauftraining“ mit 18 Monaten laufen gelernt. Denn wie auch die Wissenschaft bestätigt: Der Zeitpunkt, an dem Kinder alleine laufen lernen, kann eigentlich nur ganz gering durch unser elterliches Zutun verändert werden. Es ist einfach im „Entwicklungsprogramm“ der Kinder individuell ein Zeitpunkt vorgesehen.

Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Erziehung entspannter angehen - nnicht vergleichen, sondern in die Entwicklung und Fähigkeiten unserer Kinder vertrauen.

Wie bei so vielen Dingen, haben wir Eltern nicht nennenswert Einfluss darauf, wann dieser Zeitpunkt ist.

Jedes Kind hat sein eigenes Tempo

Und dennoch versuchen Eltern ständig, ihre Kinder in ihren individuellen Entwicklungsfortschritten zu beschleunigen. Wir schicken unsere Babys zu Englischkursen, um ja kein Zeitfenster zu verpassen. Nun,  ich mach das nicht, aber viele andere schon. Das ist ja nur ein Beispiel für immer mehr, immer absurdere Babykurse. Aber es sind ja nicht nur diese Kurse, durch die Eltern versuchen, die Entwicklung des Kindes zu optimieren. Es ist ja auch unser Verhalten.

Und hier bin ich durchaus selbstkritisch… ich dachte nämlich auch, ich müsste unseren Großen im Selbständigwerden „beschleunigen“. Er hatte nämlich eine Phase, in der er sehr schüchtern war. Und nicht gerne auf andere Kinder zu ging. Nicht alleine beim Kindermusikmachen blieb, obwohl alle anderen Kinder in dem Alter schon längst alleine dort blieben. Ich musste auf dem Sofa im Raum sitzenbleiben. Und er wollte nicht alleine bei Kindergeburtstagen bleiben. Ich dachte, ich könnte das erzwingen. Alle anderen Kinder blieben alleine bei den Partys – nur mein Sohn wollte nicht, dass ich gehe. Ja, es nervte mich. Ja, ich wünschte mir, mein Sohn würde auch einfach sagen „bis später, Mama“. Ja, ich fragte mich, ob ich was falsch gemacht hatte. Ich redete ihm gut zu – es half nichts. Also blieb ich halt da bei den Geburtstagspartys, kam mir manchmal etwas überflüssig vor, aber ich merkte, mein Sohn braucht die Sicherheit. Bis eines Tages, ganz ohne Drängen, er zu mir sagte „bis später, Mama“ und mich an der Tür nach Hause schickte.

Weil er einfach so weit war.

Weil der richtige Zeitpunkt gekommen war.

Das hat mir gezeigt: Wir müssen unseren Kindern die Zeit lassen, die sie brauchen. Manche Kinder brauchen mehr Zeit, bis sie alleine auf einen Geburtstag gehen, andere weniger. Und es ist gut, so wie es ist. Weil jedes Kind anders ist.

Seitdem vertraue ich meinem Sohn. Er macht das schon und er sagt mir, wann er soweit ist mit seinen Entwicklungsschritten.

Schluss mit den Vergleichen - lassen wir unseren Kindern die Zeit, die sie brauchen.

Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Wir müssen einfach in unsere Kinder vertrauen.

Schluss mit den ständigen Vergleichen mit anderen Kindern!

Wir vergleichen unsere Kinder viel zu sehr mit anderen und vergessen manchmal, dass unsere Kinder Individuen sind und jedes Kind sein eigenes Tempo hat. Unsere Kinder stehen doch nicht im Wettbewerb zueinander! Das eine Kind kann mit drei Jahren ganze Sätze sprechen, das andere nur Zweiwortsätze. Das eine Kind läuft mit 12 Monaten, das andere mit eineinhalb Jahren. Das eine Kind bleibt mit drei Jahren alleine beim Kinderturnen, das andere erst mit fünf Jahren. Das eine Kind sagt mit drei beim Bäcker danke, das andere traut sich erst mit sechs. Das eine Kind schläft mit zwei Jahren im eigenen Bett, das andere erst mit sieben. Das eine Kind kann mit fünf Jahren alleine das Klettergerüst hoch, das andere Kind erst mit acht.

Und alles ist gut. Alles ist richtig. Denn jedes Kind ist anders!

Ihr kennt sicher das Sprichwort „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht„? Sprichwörter sind manchmal abgedroschen. Aber sie sind oft auch wahr. So wie dieses. Denn wir müssen nicht an unseren Kinder ziehen. Wir müssen nicht an ihnen zerren, bis sie so sind, wie es uns gefällt, wie wir gerne wollen, weil das Nachbarskind ja auch schon und überhaupt. Nein. Wir sollten unseren Kindern die Zeit lassen, die sie brauchen. Ihr eigenes Tempo. Und in sie vertrauen, in ihre Fähigkeiten vertrauen. Und aufhören mit den ständigen Vergleichen! Unser Kind ist unser Kind. Und ein Individuum, nicht vergleichbar, nicht in Statistiken pressbar. Es ist so wunderbar, wie es ist.

(Und wenn es wirklich gravierende Entwicklungsverzögerungen gibt (diese meine ich mit meinem Text aber nicht – natürlich gibt es behandlungsbedürftige und förderbedürftige Verzögerungen! Das will ich nicht abstreiten!), dann wird es Euch auffallen – und gute Kinderärzte weisen einen bei den U-Untersuchungen auf so etwas hin. Und sie sagen Euch auch, was zu tun ist und ob etwas zu tun ist. Unser Kinderarzt ist angenehm abwartend und sagt oft „das wächst sich zurecht“ – womit er auch meistens Recht hat. Aber natürlich will ich mit diesem Text niemanden verurteilen, der sein Kind aus berechtigten Gründen zur Logopädie schickt und sich aus berechtigten Gründen sorgen macht, Ihr versteht schon, was ich meine, oder?)

Aber wie oft haben wir Eltern im Nachhinein festgestellt, dass unsere Sorgen umsonst waren? Dass der lange herbeigesehnte Entwicklungsschritt unseres Kindes dann ganz plötzlich auch ohne unser Zutun kam? Lasst uns doch einfach wieder mehr in die Fähigkeiten unserer Kinder vertrauen – und vor allem: Lassen wir doch unseren Kindern die Zeit, wirklich Kinder zu sein, ohne ihre Nachmittage mit allen möglichen Förderkursen vollzuknallen.

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9 Kommentare zu “Lasst den Kindern die Zeit, die sie brauchen!

  1. ein sehr schöner Artikel!!! Leider fällt es vielen (Helikopter)Eltern schwer, Kinder Kindsein zu lassen. Im Gesellschaftstrudel von Medien, anderen Eltern, Kindern die vermeintlich weiter sind als die eigenen und unseren Ansprüchen, ist es nicht immer leicht, dagegen zu halten und gelassen zu bleiben.
    Ich selbst nehme mich da nicht raus. Gerade mein Erstgeborener muss da etwas unter mir „leiden“. Manchmal kommt es immer mal wieder durch und ich ermahne ihn: „jetzt lern doch mal“ oder „wäre das nicht was für dich???“ Aber was er dann umsetzt, muss er wissen, er ist ja schließlich auch schon 13

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  2. Verdammt, ich konnte mich nicht richtig auf den Beitrag konzentrieren, weil ich ständig auf den Regenwurm am Haken schauen musste und mir von den Fischen, die nach links und rechts schwimmen fast schon schlecht wurde…

    Ansonsten aber schöner Beitrag! 😉

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