Gastbeitrag: Wochenbettdepression – wenn das Glücksgefühl ausbleibt

Letzte Woche erreichte mich eine Email einer Leserin, die mich sehr berührte. Und weil ich das Thema so wichtig finde und mit meinem Blog zeigen möchte „Niemand ist allein!“, habe ich sie gefragt, ob sie nicht einen anonymen Gastbeitrag schreiben möchte. Ich habe mich sehr gefreut, dass sie „ja“ gesagt hat: „Vielleicht macht es jemandem Mut. Ich habe mich damals ganz alleine gefühlt.“ Es geht es um das wichtige Thema Wochenbettdepression und regrettingmotherhood. Wusstet Ihr, dass jedes Jahr 100 000 Mütter nach der Geburt psychisch erkranken? Meine Gastautorin stellte nach der Geburt ihrer Zwillinge fest, dass das große Glücksgefühl ausblieb und sie es bereute, Mutter geworden zu sein. Heute genießt sie das Muttersein – aber lest selbst, wie die erste Zeit nach der Geburt für sie war und wie sie es schaffte, sich Hilfe zu holen.

« Als ich die Studie zum Thema Regrettingmotherhood las, war ich noch gar keine Mutter. Ich  wollte herausfinden, ob das Mutterglück naturgegeben ist oder ob es tatsächlich Fälle gibt, wo Mütter nicht im Mutterglück aufgehen. Die Diskussion um Regrettingmotherhood hatte mich erstaunt – damit hatte ich nicht gerechnet. Kurze Zeit später kamen übrigens meine Zwillinge zur Welt. Auf ihre Geburt hatte ich mich gefreut – aber als sie dann neben mir im Bett lagen, stellte ich fest:

Das große Glücksgefühl blieb aus. Ich konnte es einfach nicht entdecken.

Die ersten Monate waren hart. Meine Zwillinge haben nur geschrien. Außer, wenn Besuch da war. Und alle so: „Ihr habt aber liebe Kinder! So süße Kinder!“ Natürlich habe ich da gelächelt und so getan, als ob ich das auch so sehe. Aber in mir sah es ganz anders aus. Ich war dem Ganzen nicht gewachsen. Dem Muttersein, den Zwillingen, dem Geschreie. Alle fanden meine Kinder süß – nur ich nicht. Sie haben mich von morgens bis abends angeschrien.

Sonnenstrahl am Horizont

Graue Wolken statt Mutterglück: Wochenbettdepressionen sind behandelbar. Sucht Euch Hilfe, Ihr seid nicht allein!

„Ich bereute es, Mutter geworden zu sein“

Ich habe es so bitterlich bereut, Mutter geworden zu sein. Bald merkte ich: Ich war depressiv. Eine Wochenbettdepression, die sich über das Wochenbett hinaus zog. Ich dachte, ich wäre ganz alleine auf der Welt mit diesem Gefühl. Da habe ich mir Hilfe geholt – und ich möchte allen sagen, die in dieser Situation sind: Holt euch Hilfe. So schnell wie möglich! Sucht einen guten Psychologen, fragt eure Ärzte und Hebammen, wo ihr Hilfe bekommt. Fresst die Gefühle nicht in euch hinein.

Heute geht es mir besser. Dank der psychologischen Hilfe, die ich bekommen habe. Nein, es ist noch nicht das ganz große Glück. Aber ich habe gelernt, das kleine Glück anzuerkennen, die kleinen Momente eben. Wenn meine Kinder etwas Neues lernen und darauf stolz sind. Oder wenn sie einen Lachanfall bekommen. Dann geht mir das Herz auf. Daran halte ich fest. Heute sind sie schon älter als ein Jahr und schreien nicht mehr so viel. Sie verstehen, was ich sage. Ich freue mich, wenn sie sprechen können, denn ich kann es kaum erwarten, mit ihnen zu kommunizieren. Dass das tägliche Rätselraten „Was ist denn verdammt noch mal los!?“ ein Ende hat. Denn das hat mich belastet.

„Ich möchte Mut machen: Ihr seid nicht allein!“

Nein, ich bereue meine Kinder nicht. Sie sind laut. Und sie können ganz schön nerven. Aber sie sind etwas Besonderes und ich freue mich auf das Leben mit ihnen. Trotzdem habe ich mich oft gefragt, wieso ausgerechnet ich zur Mutter wurde – und dann auch noch von Zwillingen. Aber ich kann die Momente mit ihnen genießen. Und jeden Tag entdecke ich mehr Gefühle für sie. Das Leben mit Kindern ist schön! Und allen, die wie ich in dieser Situation sind, denen möchte ich Mut machen und mit diesem Text zeigen: Ihr seid nicht allein.»

Professionelle Hilfe bei Wochenbettdepression

Danke, liebe Leserin! Ich freue mich über Dein Vertrauen und Deine Offenheit, dass ich diesen Text veröffentlichen darf. Und ich freue mich, dass es Dir heute wieder besser geht. Ich finde das Thema Wochenbettdepression und auch Regrettingmotherhood einfach zu wichtig, denn ich glaube, dass viele Mütter mit ihren Gefühlen in ihrer Umgebung auf Unverständnis stoßen und sich auch oft nicht trauen, darüber zu sprechen. Der Erwartungsdruck, der auf die Mutter von heute lastet, macht es nicht besser, die rosaroten aufgepimpten Instagrambilder der Superstars und die heile Familienwelt in Werbeclips.

Wenn Ihr  merkt, dass Ihr unter eine postpartalen Depression, wie die Wochenbettdepression auch heißt, leidet, wendet Euch an Eure Hebamme. Die weiß, wo es Rat und Hilfe gibt. Auch Frauenärzte wissen, wo man schnell professionelle Hilfe bekommt. Viele Informationen, weitere Links, Broschüren zum Download, Selbsttests und Anlaufstellen für Hilfe findet Ihr auch auf der Webseite von Schatten & Licht e.V.

Was eine Wochenbettdepression vom „Babyblues“ unterscheidet? Der Babyblues kommt hormonell bedingt, kurz nach der Geburt, meist um den Milcheinschuss herum, vergeht aber nach einigen Tagen wieder. Bei einer Wochenbettdepression bleiben die Gefühle länger, meist länger als 14 Tage, sogar mehrere Monate lang. Wer merkt, dass es einer Freundin so geht und sie sich keine Hilfe holt (oft fehlt den Müttern die Kraft, sich selbst Hilfe zu suchen!), sollte die Freundin entlasten so gut es gut und die Initiative ergreifen und für sie Hilfe organisieren.

Denn mit professioneller Hilfe ist die Wochenbettdepression gut behandelbar!

 

3 Kommentare zu “Gastbeitrag: Wochenbettdepression – wenn das Glücksgefühl ausbleibt

  1. Hallo, ich finde den Beitrag ganz große Klasse und sooo wichtig. Mir ging es damals ganz ähnlich. Ich vermute, ich hatte nur eine leichte Depression, aber ich kenne im Ansatz dieses befremdliche Gefühl, dass das große Glücksgefühl nach der Geburt ausbleibt. Ich bin ein eher sachlicher Typ und mir war deshalb klar, dass ich dieses Kinder-Kuschel-Wuschel-alles-Palletti-Gefühl nie haben würde. Trotzdem war ich überrascht davon, dass ich mich plötzlich als Mama so verdammt einsam gefühlt habe und in den ersten Wochen krampfhaft darüber nachgedacht habe, warum ich Mama geworden bin. Ich habe den kleinen Wusel neben mir im Bett geliebt, aber ich habe mich auch gefragt, ob diese Entscheidung für mich und den Wusel wirklich so gut war oder ob ich nicht besser ohne Kind geblieben wäre. So blöd es klingt, aber auch mit meinem dritten Kind habe ich später auch wieder wochenlang gehadert. Obwohl es geplant, gewünscht und geliebt war. Zum Glück kannte ich mich inzwischen schon gut und wusste, dass dieses Gefühl vorübergeht, dass das auch die Hormone sind, dass ich so der Typ bin, der für manche Veränderungen länger braucht. Mir geht es jetzt gut und ich bin jedes Mal nach ein paar Wochen aus diesem Loch wieder heraus gekommen (mit Hilfe meines Mannes, meiner Mama und auch meiner Hebamme) aber ich kann jede Mama sehr gut verstehen, der es genauso oder auch noch anders geht. Ich will Mut machen und ich will sagen, nehmt jede Hilfe an. Lieben Gruß, Martamam

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  2. So schön geschrieben. Danke liebe Leserin, dass du dich getraut hast, den Gastbeitrag bei Natalie zu veröffentlichen. Ich finde das Thema so wichtig ,ich selbst war nicht betroffen, aber eine enge Freundin. Es hat wehgetan zu sehen, dass viele ihre Gefühle nicht ernstgenommen haben. Denen bätte ich deinen Text gerne gezeigt. Und danke Natalie, dass du diesem Thema einen Platz auf deinem Blog einräumst. Ich mag deine witzigen Texte sehr – aber ich finde es toll, dass dein Blog auch Platz für solche Themen hat!

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  3. SUPER BEITRAG schön das auch andere Mütter das Thema aufgreifen! Ich selbst habe auch vor kurzem 2 Beiträge darüber geschrieben. Es ist so wichtig das das Thema mal ernst genommen wird !!!! Schaut mal bei mir vorbei . Bin selber betroffen gewesen . Ich wollte mit meinen Beiträgen Mut machen denn es betrifft so viele.Alles gute liebe Leserin du schaffst das ! Lg Missionmom

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