Interview und Buchtipp: Wieso kann man es als Mutter niemanden Recht machen?

Wieso hat man als Mutter manchmal das Gefühl, man kann es niemanden Recht machen? Wieso scheinen es alle besser zu wissen, wenn es um Erziehung und Familienleben geht? Wieso haben viele Mütter das Gefühl, im Beruf und im Alltag nicht ernst genommen zu werden? Diese Fragen habe nicht nur ich mir gestellt, sondern auch Alina Bronsky und Denise Wilk, beides ebenfalls Mütter, die sich fragten, was sich an unserer Gesellschaft ändern muss, damit die Geburtenrate steigt und wir ein kinderfreundlicheres Klima bekommen und Mütter den gesellschaftlichen Rückhalt bekommen, den sie verdienen. Darüber haben sie ein Buch geschrieben: „Die Abschaffung der Mutter“. Ich habe mit Aline darüber gesprochen, wieso so viele Mütter sich zunehmend unter Druck gesetzt fühlen, wieso Mütter es niemanden Recht machen können, wieso die Welten von Kinderosen und Eltern immer weiter auseinanderdriften und was in unserer Gesellschaft fehlt. Und über einiges Spannendes mehr, was sie für ihr Buch recherchiert hat – lest selbst!

Die Autorinnen Alina Bronsky und Denise Wilk haben zusammengezählt zehn Kinder und selbst jahrelang erlebt, wie mit  Müttern umgegangen wird – und was in unserer Gesellschaft im Umgang mit Müttern schiefläuft. Sie nehmen in dem Buch „Die Abschaffung der Mutter – kontrolliert, manipuliert und abkassiert – warum es so nicht weitergehen darf“ (erschienen im DVA Verlag) die einzelnen Aspekte der Mutterlebens unter die Lupe. Von der Schwangerschaftsvorsorge, der Geburt, von den Vätern bis zur Politik und den Arbeitgebern. Der Titel ist vielleicht etwas sehr reißerisch, aber die einzelnen Kapitel sind pointiert und klug aufgeschrieben. Nicht mit allem stimme ich überein, aber doch mit vielem, und Grund zum Nachdenken gibt das Buch reichlich. Der Grundtenor: Frauen mit Kindern werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ihnen wird ständig und von allen hineingeredet, Mütter können es einfach niemandem Recht machen. Ein der Forderungen der Autorinnen: Eine Mutter ist für ihr Kind nicht zu ersetzen und verdient Respekt und Anerkennung.

Abschaffung der Mutter,  Denise Wilk und Alina Bronsky

Die Autorinnen Denise Wilk (l.) und Alina Bronsky. (Foto Gudrun Senger)

Ich habe mit Alina über das Buch und ihre Arbeit am Buch gesprochen und darüber, was sich ändern muss.

Wie kamt Ihr auf die Buchidee?

Alina Bronsky: Meine Co-Autorin Denise Wilk und ich, wir haben uns viel unterhalten über die Veränderungen, die uns über die Jahre aufgefallen sind. Wir haben beide sowohl große Kinder, die 17 bzw 20 Jahre alt sind, und auch Zweijährige in der Familie. Und dazu noch mehr Kinder dazwischen. Wir konnten also beobachten: Was war damals leichter als heute? Welcher Tonfall gegenüber Müttern, welcher Druck ist neu? Irgendwann war klar, das ergibt ein ganzes Buch.

Gab es ein Schlüsselereignis?

Bei mir persönlich war es eher die Häufung der Beobachtungen. Da kamen immer wieder neue Erlebnisse, auch neue Geschichten hinzu, die andere Mütter erzählt haben und die sich wie Puzzleteilchen ins Gesamtbild einfügten.

 Ihr schreibt im Vorwort, dass Ihr im Vorfelde gewarnt worden seid vor den Reaktionen, die so ein Buch hervorrufen könnte. Wie waren denn die Reaktionen? 

Die Erwartungen haben sich nicht nur erfüllt, sondern sind auch übertroffen worden. Es ist die ganze emotionale Palette, die uns erreicht. Regelmäßig trudeln Zuschriften von Lesern beiderlei Geschlechts ein, die sich bedanken und ihre Geschichten erzählen. Dann gibt es natürlich auch die erwarteten kritischen Stimmen, die schon die Inhaltsangabe unseres Buchs provoziert. Es reden auch sehr viele mit, die die Inhalte des Buches gar nicht kennen, sondern einfach frei irgendwas assoziieren. Die meisten möchten dabei über sich reden – bei diesem Thema scheint schließlich so gut wie jeder nicht nur betroffen, sondern auch Experte. Eigentlich ist das schön, weil sich Menschen auf diese Weise wirklich offenbaren.

978-3-421-04726-7

Ich habe auf meinem Blog auch einmal über die Parallelwelten zwischen Eltern und Kinderlosen geschrieben. Wie sind in diesem Zusammenhang Eure Erfahrungen? Driften diese Welten mit zunehmenden Alter immer weiter auseinander? 

Ich habe das Gefühl, diese Entfremdung nimmt weiter zu. Das liegt nicht nur an der niedrigen Geburtenrate, sondern auch daran, dass immer weniger Frauen Mütter werden – und dass viele Familien spüren, dass sie mit kleinen Kindern in vielen Bereichen unerwünscht sind. Sie merken, dass sie schon wegen der geringsten Lebensäußerung der Kinder negativ auffallen, weil ein kinderloses Umfeld so viel Leben nicht mehr gewohnt ist. Das ist eine ziemlich triste Situation, die beiden Seiten schadet.

Viele Mütter haben das Gefühl, ihre Entscheidungen verteidigen zu müssen

 Habt Ihr eine Erklärung dafür, wieso es bei allem rund um Schwangerschaft, Stillen, Kindererziehung fast schon so eine Art Missionierung gibt? Es scheint ja oft nur noch Schwarz und Weiß zu geben: Hausgebort contra geplanter Kaiserschnitt, Stillen vs Fläschchen, Tragen vs Kinderwagen, Vollzeit und Krippe ab 1 Jahr vs Hausfrau bis die Kinder 6 sind, Bindungstheorie vs Rabenmutter, usw… Und alle versuchen sie einen von ihrem Weg zu überzeugen – Graustufen scheint es gar keine mehr zu geben. Woran liegt das? Wieso können Mütter es niemandem Recht machen?

Es wird viel davon gesprochen, dass sich Frauen mit gegenseitigen Anfeindungen das Leben schwer machen. Kommt sicher auch vor, doch am meisten geht es uns um die äußeren Faktoren. Der Druck auf die Frauen ist ja enorm: Normale physiologische Vorgänge wie Schwangerschaft und Geburt werden im Gesundheitssystem pathologisiert, der Kostendruck lässt kaum eine menschliche und individuelle Begleitung zu, die Erwartungen in punkto Berufstätigkeit sind sehr hoch, auch bei der Kindererziehung können Eltern anscheinend nur scheitern. Viele Mütter, die ich kenne, haben das Gefühl, ihren Weg und ihre Entscheidungen verteidigen zu müssen, das Gefühl es niemandem Recht zu machen. Es wird aber zuwenig über die Solidarität unter Müttern gesprochen, die es selbstverständlich auch gibt. Sehr viele sind dankenswerterweise in der Lage, die Lebensentscheidungen anderer Frauen zu respektieren und sich auf Augenhöhe auszutauschen, ohne sich gleich angegriffen zu fühlen.

 Was ist Euer Fazit – was braucht unsere Gesellschaft? Was wünschen sich die Mütter, mit denen Ihr für das Buch gesprochen habt?

 Eine grundsätzlich positive, respektvolle Einstellung zu Familien könnte schon helfen. Wenn das Leben mit Kindern in all seinen Facetten als normal und bereichernd wahrgenommen wird, entlastet das viele schon sehr.

Viele Strukturen in Deutschland sind im internationalen Vergleich durchaus beneidenswert, gelten aber zum Teil als rückständig und sind damit in Gefahr, abgeschafft zu werden. Ansonsten gibt es eine ganze Liste an Vorschlägen: Wir finden, dass das freie Hebammenwesen, das in Deutschland akut gefährdet ist, dringend gestärkt gehört. Dass außenklinische Geburten ein sehr wichtiges Angebot sind und bleiben müssen. Dass stillende Mütter gesetzlich vor Diskriminierung geschützt werden sollen, wie es zum Beispiel in Großbritannien der Fall ist. Dass die Qualität der Kinderbetreuung, gerade für die Kleinsten, öffentlich diskutiert und verbessert gehört, statt nur mit Masse statt Klasse zu prahlen. Dass individuelle Entscheidungen der Familien über den Zeitpunkt des Kita-Eintritts respektiert werden müssen und dass Fürsorge für Kinder gerade für Frauen nicht zur Armutsfalle werden darf.

Ein spannendes Thema, über das ich selbst viel nachdenke – geht es Euch auch so? Wie seht Ihr das – was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit Mütter mehr Anerkennung bekommen?

Ihr wollt das Buch selbst lesen? Unter anderem bei Amazon könnt Ihr  Die Abschaffung der Mutter: Kontrolliert, manipuliert und abkassiert – warum es so nicht weitergehen darf bestellen.

Ein Kommentar zu “Interview und Buchtipp: Wieso kann man es als Mutter niemanden Recht machen?

  1. Ein toller Artikel!!! Und das Buch habe ich bei Amazon direkt in meinen Warenkorb gelegt… Finde es auch ganz schrecklich wieviel einem Menschen doch einreden können. Dachte immer, ich werde mich nur mit Mama und Schwiegermama auseinander setzten müssen. Aber nein, neben meiner (kinderlosen) Schwägerin wollen auch die Omas und Fruendinen und Nachbarinen und, und, und mit reden… es ist echt zum heulen z.T. 😦

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