Blick in die Welt: Kinderarbeit in einer Goldmine in Tansania

Ich nehme Euch ja immer wieder mit auf meine Reisen um die Welt, die ich als Journalistin mache. Zum heutigen Tag der Kinderarbeit möchte ich Euch mit nach Tansania nehmen, wo ich eine illegale Goldmine besuchte und dort zum Thema Kinderarbeit recherchierte. Eine der erschreckendsten Recherchen, die ich bisher machte, denn, was ich dort sah, nahm mich sehr mit. Ich schrieb diese Reportage für einige Tageszeitungen. Ich finde dieses Thema einfach zu wichtig – und möchte Euch deshalb mitnehmen auf diese Reise und zeigen, wie diese Kinder dort leben. Aber lest selbst…

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Rund um die illegale Goldmine hat sich eine kleine  Stadt aus Bretterbuden gebildet.

Das schmutzige Gold

Man muss schon sehr genau schauen, wohin man tritt. Über einige Löcher führen schmale Holzbretter, einige sind mit rostigen Fässern gekennzeichnet, andere Gruben tun sich einfach auf, mitten auf dem Weg. Wenn man das, was durch die Goldmine führt, überhaupt als Weg bezeichnen kann. Denn es erschließt sich kein System, jedenfalls nicht auf den ersten Blick, wie diese Gruben und Fließbänder miteinander verbunden sind.

In einer großen Trommel werden Gesteinsbrocken zerkleinert, ein unglaublicher Krach, als seien hier zehn Presslufthammer gleichzeitig am Werk. Frauen und Kinder schleppen diese Steine heran, balancieren sie in ausgefransten Säcken auf dem Kopf wie der 15-jährige Jonathan. Seit eineinhalb Jahren macht er diese Arbeit, sagt er kurz und knapp, kaum zu verstehen ob des Lärms rundherum. Kopfhörer trägt hier keiner, auch nicht die Männer, die dem Besuch erklären wollen, wie man Gold gewinnt. Als er noch zu klein zum Steineschleppen war, hat der Junge jahrelang das zertrümmerte Gestein ausgewaschen, ein Gemisch aus Wasser, Steinen und Quecksilber. Nun muss er weiter, die Trommeln verlangen Nachschub. Unermüdlich drehen sie sich in der prallen Sonne, 12, 14 oder 16 Stunden am Tag, so lange wie die Schicht hier dauert.

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Hier wird Gold gewaschen – eine illegale Goldmine.

Die Welt will Gold – doch um welchen Preis?

Die Welt will Gold. Auch wenn der Goldpreis 2013 und 2014 sank, erwarten verschiedenste Experten, dass die Nachfrage in diesem Jahr wieder steigen wird. Tansania ist mit etwa 40 Tonnen pro Jahr nach Südafrika, Ghana und Mali der viertgrößte Goldproduzent Afrikas, so die tansanische Handelskammer. Doch die Goldgewinnung ist vielerorts ein schmutziges Geschäft.

Damit ist nicht nur der unvermeidliche rote Staub und Schlamm gemeint.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird in der Region Geita unweit des Victoriasees Gold abgebaut. Zum Beispiel in Tansanias bekanntester Goldmine vom südafrikanischen Betreiber AngloGold Ashanti. Aber auch in kleinen Minen, wie dieser hier. Eine von unzähligen, illegal errichteten Minen, die einfach in die Landschaft gesetzt werden. Rund um die schlammigen Gruben ist eine kleine Stadt entstanden, ein Gewirr aus Wellblechhütten und Zelten aus schwarzen Plastikplanen, in denen die Arbeiter mit ihren Familien leben. Sie haben ihre Felder verlassen, suchten ein besseres Leben – und landeten hier, in einem Slum, wo der Lärm der Stone-Crusher einen selbst in den Schlaf verfolgt.

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Man muss ganz genau schauen, wo man hintritt in diesem Wirrwarr aus Gruben.

Schutzbrillen, Ohrenschützer, Arbeitsschuhe? Nicht an diesem Arbeitsplatz

Für umgerechnet einen halben Dollar am Tag arbeiten die Männer hier, der Durchschnittslohn in Tansania liegt bei 400 Euro im Monat. Frauen und Kinder bekommen weniger, berichtet eine Frau, die mit einer Spitzhacke Steine zerklopft. Ganz ohne Schutzbrille, barfuß wie alle Arbeiter auf dem Gelände, nur mit einem langen Rock und einem T-Shirt bekleidet. Neben ihr sitzt ihre fünfjährige Tochter und wäscht die Steine in einer Schüssel.

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Über allem liegt roter Staub und der Lärm der Stone-Crusher.

Etwa 130 000 Kinder leben nach offiziellen Angaben der tansanischen Regierung in der Region Geita. 90 000 von ihnen arbeiten in den illegalen Minen. Viele den ganzen Tag. Einige nur vor und nach der Schule. So wie die elfjährige Limi, die mit ihrer Mutter und dem zweijährigen Bruder Oscar in einem selbstgebauten Zelt aus Plastikplanen und Stöckern unweit der Schlammgruben lebt. Zwei Stunden hilft sie ihrer Mutter beim Steineklopfen in der Goldmine, bevor sie zum Unterricht geht. An den Wochenenden ist sie auch hier, die Mutter braucht jeden Schilling, um die dreiköpfige Familie durchzubringen. Nicht immer sitzt Oscar so geduldig neben seiner großen Schwester und spielt mit den Steinen. Oft strolcht er umher, aber was soll man machen, sagt Limi, die Arbeit muss erledigt werden.

68 Prozent der Bevölkerung in der Region leben in extremer Armut von weniger als einem US-Dollar am Tag. Vor allem hier in den Slums rund um die Minen, wo auch noch die Subsistenzwirtschaft vom heimischen Feld wegfällt, wird jede Hand gebraucht, um den Lebensunterhalt zu sichern. Selbst nach dem Arbeitstag geht es für viele noch weiter, wie für die 14-jährige Agnes, die abends nach dem Steinetragen ihren Körper verkauft. Prostitution ist ein häufiges Zubrot der jungen Frauen hier. Wer Glück hat, findet einen Job in einer der Bars rund um die Mine, ist aber auch dort Missbrauch und Gewalt ausgesetzt.

„Viele Familien haben keine anderen Möglichkeiten, Geld zu verdienen“, sagt Jorgen Haldorsen, Länderdirektor von Plan Tansania. Die NGO versucht den Teufelskreis aus Armut, fehlender Bildung und mangelnder Aufklärung zu durchbrechen. Denn oft wissen die Menschen nicht, wie schädlich diese Arbeit in den Minen ist. Fallende Steine zerbrechen die Füße, das Quecksilber verätzt die Finger, Steinsplitter verletzen die Augen, die Dämpfe der Chemikalien reizen die Atemwege. Um das Gold aus dem Erz zu lösen, wird es mit Quecksilber gemischt, das daraus entstehende Gemisch wird verbrannt.

Eine lebensbedrohliche Tätigkeit, sagt Haldorsen. Arbeitsschutz ist etwas, das in diesen illegal errichteten Minen eine untergeordnete Rolle spielt. Auf den Ertrag kommt es an. Die Gruben werden nur notdürftig mit Stöcken gesichert, wenn überhaupt. Erst Mitte April letzten Jahres starben 19 Bergleute bei einem Einsturz einer Goldmine.

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Schule auf dem Lande: Bildung ist der Schlüssel zur Bekämpfung der Armut.

Dabei ist Kinderarbeit in Tansania offiziell verboten. Ab 14 Jahren dürfen Jugendliche einige Stunden am Tag arbeiten, gefährliche und körperlich anstrengende Arbeiten wie in den Minen sind ab 18 Jahren erlaubt. Während in den staatlichen Minen strenger auf die Einhaltung der Gesetze und der Arbeitsschutzmaßnahmen geachtet wird – schon am Eingang der großen Mine von AngloGold Ashanti etwa warnen große Schilder vor dem Betreten des Geländes ohne Helm und Arbeitsschuhe  – kümmert es in den vielen illegalen Minen, die sich rund um die große Geita-Mine angesiedelt haben, niemanden. Das hat auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch 2013 in einer Studie kritisiert. „Auf dem Papier hat Tansania strenge Gesetze, die Kinderarbeit verbieten. Aber die Regierung hat viel zu wenig getan, um diese auch durchzusetzen“, so die HWR-Expertin Janine Morna.

Bildung ist der Schlüssel aus der Kinderarbeit

Ein Projekt des Kinderhilfswerks Plan International, das von der Europäischen Union unterstützt wird, will diese Umstände ändern. 12 000 Kinder in elf Distrikten werden durch das Projekt erreicht, 260 000 Menschen profitieren laut Plan Tansania indirekt von dem Projekt. Ein Netzwerk für Kinderschutz auf Gemeinde- und Bezirksebene soll bei der Aufklärung helfen, erläutert Länderdirektor Haldorsen, der auch Unterstützung von der Polizei erhält, die Kontrollen in den Minen durchführt und Informationskampagnen an die Minenbetreiber richtet. Schulungen und Sparclubs sollen den Familien alternative Einkommensmöglichkeiten aufzeigen. Aber nicht zuletzt liege der Schlüssel vor allem bei der Bildung, fügt Haldorsens deutsche Kollegin Maike Röttger, Geschäftsführerin von Plan International Deutschland an: „Bildung ist die einzige Möglichkeit für die Kinder, einem Leben in Armut und der Arbeit in den Minen zu entkommen.“ Plan will die Kinder zurück in die Schulen holen, stellt ihnen die sonst für die Familien unleistbaren Lehrmaterialien zur Verfügung und hat 550 Jugendliche bei einer Berufsausbildung unterstützt.

Auch wenn das Projekt bisher bewirkt hat, dass 12 000 Kinder nicht mehr in den Minen arbeiten müssen, liegt angesichts von insgesamt 90 000 Kinderarbeitern in der Region noch viel Arbeit vor den Entwicklungshelfern. Ohne die Hilfe ihrer Tochter in der Mine könnte Limis Mutter die dreiköpfige Familie nicht ernähren. Das Mädchen schafft es dennoch, ihre Hausaufgaben zu machen und für die Schule zu lernen. Denn sie will nicht ihr Leben lang in den Minen arbeiten. Limi will Ärztin werden. Wieso? „Sie machen kranke Menschen wieder gesund.“

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