Happy Family, kein Müll, keine Rotznasen: Familien in der Werbung

Ich habe es gestern nach langer Zeit mal wieder geschafft, fern zu schauen. Kommt nur selten vor, denn allzu oft schlafe ich einfach mit ein, wenn ich die Kinder ins Bett bringe. Gestern also mal wieder. Mit Werbepausen. Werbespots, die mir von einem schönen Familienbild erzählten. Fröhliche Familien, rotwangige Kinder mit Zöpfchen und frechen Daunenwesten im Grünen, fesche Mamas mit Modelmaßen, verständnisvolle Papas, die sich das Frühstücksbrot schmieren, glänzenden Autos und noch viel besser: glänzenden Haushalten!

Da blitzt der Glastisch (welche Familie mit Kleinkindern hat einen Glastisch?!), da scheint die Sonne durch streifenlose Fenster, da hat die Waschmaschine die Möhrenbreiflecken restlos aus dem unverfärbten strahlendweißen Body gewaschen, da gluckst das Baby satt und zufrieden in seinem Bett nachdem es 12 Stunden durchgeschlafen hat, da lässt sich das Baby anschließend ohne Zappelei mit einer frischen Windel versorgen.

Wieso wird das Familienleben in der Werbung so unrealistisch dargestellt?

Brave New World! Happy Familiy in der Werbung. Die Haushalte sind piccobello aufgeräumt, da liegen keine Gummistiefel im Weg, da hat kein Kind den Spielplatzsand aus den Schuhen im Wohnzimmer ausgeschüttet, da ist kein Brei neben dem Hochstuhl gelandet, da kann man vom Boden essen!

Kann man bei uns auch, findet zumindest unser Baby. Liegt ja genug da. Wenn da Brotkrümel, Reis von vor drei Tagen und Spielplatzsand ein fröhliches Ringelreihen tanzen (über das Thema bodenloser Haushalt hatte ich ja bereits hier geschrieben…) Seit wir Kinder haben hat der Ausdruck „da kann man vom Boden essen“ eine neue Bedeutung erlangt.

SONY DSCUnd die Kühlschränke sind immer so klasse aufgeräumt und sortiert, frisch geputzt und voll mit Biogemüse. Da stehen bestimmt keine abgelaufenen Grillsaucen rum. Das Cerankochfeld vom Herd blitzt und blinkt, die Betten sind gemacht, das Kaminfeuer knackt und kein noch so kleines Stäubchen liegt vor der Feuerstelle.

Schöne heile Welt im Kinderzimmer

Dann die Kinderzimmer in der Werbung! Alles ist der Größe nach sortiert und lagert natürlich noch im Regal, an den Wänden lustige Wandtattoos statt Fingerabdrücke, der Teppich ist bunt – und man kann die einzelnen Farben sogar noch erkennen. Diese Kinder nehmen sich nur das, was sie gerade brauchen. Anschließend stellen sie es zurück. Hier wird doch nix ausgekippt! Selbst die Duplosteine werden der Farbe nach sortiert und fein säuberlich wieder eingeräumt.

Und die Kinder selbst! So adrett angezogen. Dass so ein Kleidchen unpraktisch beim Bäumeklettern ist, stört hier keinen. Diese niedlichen Hosen und die niedlichen Mützen! Die komischerweise auch nie vom Kopf gezogen und aus dem Buggy geworfen werden. Die Socken zieht sich hier auch niemand einfach so mal aus bei 10 Grad und Regen. Die Gesichter so sauber, so proper, kein Rotz, keine Popel, keine Breiflecken. Frisch gewaschene Haare – diese Kinder lieben es ja auch, die Haare zu waschen. Da brennt nix, da gibt es kein Theater!

Und die Mütter in den Werbespots! Auch sie haben keine Rotzflecken an der frisch gebügelten Bluse (Bügeln? Wo war noch mal unser Bügeleisen?!), keine Kotze am Revers. Sogar die Schuhe sind geputzt, die Haare schmiegen sich offen auf die Schultern (offene Haare? Das letzte Mal vor drei Jahren! Regel Nr. 1 – bloß nie eine Haarsträhne in die Hände von Babys, wenn man seine Post-Schwangerschafts-Strähnchen noch behalten will). Die Werbemütter tragen Make Up! Und haben keine Augenringe. Sie tragen Bikini! Ihnen wird hinterhergepfiffen! Und den Kindern ist es noch nicht einmal peinlich, wenn ihr Papa der Mama hinterherpfeift!

In der Werbewelt haben alle gute Laune – immer!

Achja. Die Papas. Die helfen der Mama im Haushalt, die kommen selbst im Winter bei Tageslicht zum Abendessen nach Hause, auch bei ihnen sieht man keine Anzeichen von Übermüdung. Man scherzt, man lacht, die Kinder sind artig, keiner wirft mit Essen, keiner meckert, man macht fröhliche Kissenschlachten vor dem Schlafengehen (kenne ich auch, nur ist das irgendwann nicht mehr fröhlich). Geschwister spielen friedlich miteinander, natürlich ohne dabei Spielzeug auf den Boden zu werfen.

Die Kinder in der Werbung kommen auch nie mit einem Popel am Finger auf ihre Mamas zu und wollen sie in der Hose abwischen.

Man fährt tolle Autos – und was noch toller ist an diesen Autos: Da klebt kein Bonbon an den Sitzpolstern geschweige denn an den Kindersitzen. Bei unseren Kindersitzen habe ich die ursprüngliche Farbe schon vergessen. Unter Kekskrümeln und Kotzeresten ist das nicht mehr so richtig zu erkennen. Ich glaube, der eine war rot, der andere blau. Oder war es umgekehrt?

Man hat das Gefühl, nur Supermodels sind Supermamas

Ach, die Familien in der Werbung. Sie haben es ja so gut. Die Muttis können noch richtige Kuchen backen. Sogar die Papas! Und die Kinder helfen so artig. Da hat keines einen Trotzanfall, weil es doch die Eier in den Teig machen wollte und nun hat doch die Mama das schon gemacht.

Und nach dem Backen sieht es nicht so aus, als habe ein Elefant den Schrank ausgeräumt und dabei in die Mehltüte geniest.

Ich frage mich, muss das sein? Brauchen wir diese Werbung? Diese Bilder, die uns an unsere eigene Unzulänglichkeit erinnern? Mal ehrlich. Bei wem sieht es so proper aus wie in der Werbung? Bitte melden! Samt Fotobeweis. Wieso zeigen uns die Werbespots diese heile Welt? Mit Models, die wahrscheinlich gar keine Kinder haben, aber dann für 30 Sekunden in die Rolle der Familienmanagerin schlüpfen. Ich hätte gerne ein bisschen mehr Authenzität. Ein bisschen mehr normales Leben.

Eine ganz normale Mama eben!

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14 Kommentare zu “Happy Family, kein Müll, keine Rotznasen: Familien in der Werbung

  1. Was hab ich gelacht! 😀 Toller Artikel! Du hast noch vergessen, dass die Kinder natürlich ganz lieb und ohne streiten miteinander spielen und bei Hunger nicht einfach selber an den Kühlschrank gehen, sondern ganz lieb die Mama bitten, ihr die vollgezuckerte Milchschnitte rauszureichen. Quasi wie bei uns! 😉

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