Hölle Babyschwimmen – der Teufel trägt Schwimmwindel (Vorsicht, dieser Text ist subjektiv)

Es war einmal eine junge, engagierte Mami, die dachte, sie müsste ihrem Kind alles bieten, auch das hochgelobte Babyschwimmen. Sozusagen DIE Pflichtveranstaltung für die Kleinen. Unfassbar wichtig für die Entwicklung. Und überhaupt. Haha! Dachte sie. Und so kam diese Mama nichtsahnend in das kleine Schwimmbecken, das kleine Wesen in seiner viel zu großen Badehose vorsichtig über den rutschigen Hallenboden balancierend und fand sich wieder…in so einer Art Hölle mit militärischem Drill und Kinderlieder singenden Eltern, die ihre Babys hektisch in die Luft hoben und wieder ins Wasser tauchten. Im Takt.

BAbyschwimmen Schwimmunterricht SchwimmwindelBabyschwimmen: Unsere Erfahrungen

Und es begab sich… diese kleine Geschichte, die ich Euch heute erzählen möchte, ist schon eine Weile her. Aber irgendwie kam mir das Ganze letztens wieder in den Sinn und so möchte ich es Euch nicht vorenthalten. Meine Erlebnisse beim Babyschwimmen. Und wieso uns die Kursleiterin nach dem zweiten Mal nie wieder gesehen hat.

Babyschwimmen ist bestimmt super für die Babys.  Ich zweifel ja nicht daran. Aber mein Glauben daran, dass es ein MUSS für die Babys ist, war nach dem ersten Besuch im Babyschwimmkurs stark erschüttert. Nach dem zweiten Besuch bin ich vom Glauben völlig abgefallen.

Alle erzählten vom Babyschwimmen. Sie schwärmten in den höchsten Tönen. Dazu kamen die Zeitschriftenartikel, in den Experten die Wichtigkeit des Schwimmens für die Kleinen hervorhoben.

Was, das Kind geht nicht zum Babyschwimmen? Du meine Güte, was es da verpasst! Diese wertvollen Erfahrungen! Der Körperkontakt! Das Sinnliche! Das schult die ganze Wahrnehmung! Ach Quatsch, es schult einfach ALLES. Das Baby. Den zukünftigen Erwachsenen. Das Baby war noch nie beim Babyschwimmen?! Du meine Güte, das geht aber gar nicht! Wie soll das Kind denn jemals Laufen lernen? Oder das Seepferdchen machen? Ohne Babyschwimmkurs – keine Chance. Diese Zeitfenster, die sich schließen, Ihr wisst schon, oh oh oh.

Der richtige Zeitpunkt fürs Babyschwimmen

Mein heute Vierjähriger war ein halbes Jahr alt, als ich langsam ein schlechtes Gewissen bekam, weil ich ihm diese wertvolle Sinneserfahrung vorenthielt. Was, wenn das Zeitfenster jetzt schon halb geschlossen war? Auf Kipp stand und beim nächsten Windzug einfach zufiel? Sollte dieses kleine proppere Baby dann niemals Schwimmen lernen? Sollten seine Synapsen unverbunden verkümmern, weil ich Rabenmutter einfach keine Wasserratte bin? „Wir gehen schon zum Schwimmen seit unser Kleiner 3 Monate alt ist“, schallte es in meinen Ohren.

Ich muss dazu sagen: Ich kann schwimmen. Ja. Aber ich bin ein Warmbadetag-Schwimmbadbesucher. Und selbst da ist es mir eigentlich noch zu kalt. Als ich in der Karibik war, habe ich einen Fuß ins Wasser gehalten und mich bibbernd an den Strand zurückgezogen. Ich bin nunmal keine Wasserratte. Aber ich soll ja auch kein Maßstab sein und da wir hier am Meer leben und um uns herum überall Wasser ist, sollen meine Kinder so früh wie möglich Schwimmen lernen.

Und wenn das scheinbar ohne Babyschwimmen zumindest arg in Gefährdung ist, hieß es also eines schönen Samstagmorgens: Auf zum Babyschwimmen.

Aufs Wasser starren und im Sand spielen - gerne! Ins Wasser kriegt man mich eher selten.

Aufs Wasser starren und im Sand spielen – gerne! Ins Wasser kriegt man mich eher selten.

Mein Mann kam mit. Er ist schon eher der Wassermann bei uns, freute sich sogar, etwas mit seinem Sohn zu unternehmen. Samstags um neun sollte der Babyschwimmkurs starten – egal, das Baby weckt uns ja eh früh auf, redeten wir uns das Ganze schön.

Kursbeginn 9 Uhr an einem Samstag: Da hätten wir hellhörig werden müssen!

Natürlich schlief das Baby an genau diesem Tag lange und der Wecker weckte uns um 7 Uhr. An einem Samstag! Frühstück, wickeln – und trotzdem kamen wir erst kurz vor neun ins Schwimmbad gehetzt. Es war Winter. Das heißt wir und das Baby waren dick angezogen. Während mein Mann den Luxus hatte, sich alleine umzuziehen, pellte ich in der komplett überbelegten Umkleidekabine ohne freie Sitzmöglichkeiten, mich und meinen Sohnemann aus den Winterklamotten. Schwimmwindeln
um, Badehose an. Abduschen. Geschrei. Lautes Geschrei. Fand mein Kleiner doof. Blöder Einstand. Aber ich wusste ja nicht, dass der eigentliche Wahnsinn uns noch bevorstand.

Bootcamp für Eltern: Unser Babyschwimmkurs war eher eine Pleite

Ich betrat das Schwimmbad, mein Mann winkte – mit leicht angenervter Miene -von einer ergatterten Badeliege, wo unsere Habseligkeiten Platz finden konnten. Samstags, neun Uhr, das Becken war voll. Babys plärrten, Mütter schimpften, Väter brummelten, alle Badeliegen waren voll, es türmten sich Schneeanzüge und Handtücher auf dem Boden, der glitschig, sehr glitschig war.

Im Becken einige Eltern, die ihre Kinder rhythmisch aus dem Wasser hoben und wieder eintauchten und dabei halbwegs verzückt ein Kinderlied sangen. Ob es unser Kurs war oder der vorher, konnte ich nicht erkennen. Am Beckenrand eine kleine Frau, die zackig das Kinderlied mitgrölte und noch zackiger im Takt klatschte.

Ich kannte das Lied, aber etwa um die Hälfte langsamer. Lied zu Ende, die Frau klatschte nochmal, forderte alle auf, das Becken zu verlassen und mir wurde klar, das war der Kurs vor uns. Wir also mit Sohnemann ins Wasser. Es sollte 32 Grad haben, mir kam es vor wie 22.

Zeit, mich an die Wassertemperatur zu gewöhnen, blieb nicht. Die zackige Frau dirigierte uns alle in einen Kreis, mit militärischem Drill, links zwo, drei, vier, umdrehen. Mein Mann hielt den Sohnemann in die falsche Richtung, es erschallte ein „Umdrehen! Umdrehen!“ und mit schuldbewusster Miene drehte er den kleinen Mann ruckizucki um. Das Baby wusste vor Schreck gar nicht, wie ihm geschah und vergaß zu brüllen.

Und nun ging es erst richtig los. Kinder hoch, Kinder runter, Lied brüllen, dann ab, ab, ab, alle Babys durchs Wasser schieben, dann als nächstes zack, zack, Babys durch den Reifen schieben, auch mal rückwärts und nun den Ball vor seinem Gesicht treiben lassen und zack, zack, zack, Abschiedslied, Kind wieder hoch, Kinder wieder runter und raus aus dem Becken.

Ehe wir uns versahen, war die Babyschwimmen-Stunde zu Ende. Wir schauten uns um, alle drängten hektisch zum Ausgang, während die nächste Gruppe unter ohrenbetäubendem Babygeschrei und lauten Instruktionen ins Becken kletterte. Fließbandabfertigung: Vier Babyschwimm-Kurse peitschte die kleine Frau mit den hektischen Handbewegungen hier jeden Samstag durch. Nahtlos gingen sie aneinander über. Nahtlos heißt in diesem Fall: nahtlos. Ohne Pause. Entsprechend hoch der Andrang im und am Beckenrand, da alle, wie wir feststellten eine halbe Stunde früher zum Umziehen kamen, um ja pünktlich ins Becken zu springen.

Beim Duschen und Umziehen begriff ich, wieso alle eine Babyschale dabei hatten. Wir waren zu Fuß gekommen und da mein Mann in der Männerumkleide war, übte ich mich im Kunststück, mir die nassen Klamotten abzustreifen, dabei parallel das nasse Baby auf einem Arm zu balancieren und anschließend ohne Bodenkontakt anzuziehen.

Nach dem Baden sagten wir erst einmal eine Weile nichts. Wir waren zu platt. Es war, als ob ein ICE über uns gefahren war. Die militärischen Rufe der Kursleiterin, das alberne schief gesungene Kinderlied und das Schreien der Babys hallte noch eine Weile nach.

Das sollte also die vielbeschworene Sinneserfahrung gewesen sein?! Dieses.. dieses BOOT CAMP?

Wir entschieden, dem Ganzen noch eine Chance zu geben. Vielleicht war es einfach ein schlechter Tag.

Eine Woche später beim Babyschwimmen, diesmal waren wir eine halbe Stunde vorher da – was soll ich sagen? Es war wie bei „Täglich grüßt das Murmeltier.“ Immerhin konnten wir das Lied mitsingen. Nun ja, wir versuchten es, denn das Tempo war… schnell. Also eher so Marschmusik als Kinderlied. Obwohl wir wussten, was uns diesmal beim Babyschwimmen erwartete, wurden wir erneut überrumpelt und kamen nicht hinterher mit dem Baby hoch, Baby runter, durch den Reifen, rückwärts, vorwärts, seitwärts, hinter dem Ball her und beim Abschiedslied im Kreis herum.

Was spricht dagegen, auch so ganz ohne Babyschwimmkurs in Schwimmbad zu gehen?

Was spricht dagegen, auch so ganz ohne Babyschwimmkurs in Schwimmbad zu gehen?

Nachdem der ICE über uns gerollt war, wir mit unseren nassen Haaren unter den Mützen und dem seelig schlummernden Baby in der Karre (immerhin das wirkte wie versprochen: Das Baby war müde. Wirklich ko.) vor der Tür standen, beschlossen wir: Man muss nicht alles mitmachen.

Ist Babyschwimmen gut für die Entwicklung?

Wir konnten seither nichts Nachteiliges bei unserem Sohn feststellen. Er war sogar früh dran in Sachen Krabbeln und Laufen und Sprechen (ja, ich weiß: Wer weiß, wann er sonst seine ersten Schritte gemacht hätte?!). Er badet gerne in der Badewanne. Nur duschen mag er nicht. Er geht auch ins Wasser am Strand. Das tiefe Wasser mag er nicht, trotz Schwimmflügeln. Liegt das nun am fehlenden Babyschwimmen? Ich schiebe es eher auf die Gene, die er von mir geerbt hat. Oder das schlechte Vorbild, dass ich abliefer. Mein Kleiner übrigens war nie beim Babyschwimmen. Und er stürzt sich gerne gleich kopfüber von der Wasserrutsche und hat auch keine Probleme mit tiefen Wasser. Er neigt eher zur Selbstüberschätzung. Was, die hätte er mit Babyschwimmen vielleicht nicht?! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Für uns war das nix.

Wie waren Eure Erfahrungen mit Babyschwimmen? Hatten wir nur besonders viel Pech mit dem Kurs? Der war übrigens, das will ich hier noch loswerden, einer der beliebtesten in unserer Stadt! Viel gelobt und von allen Seiten empfohlen. Aber es war einfach nicht unser Ding!

(ich will hier keinem ans Bein treten, der wirklich Spaß am Schwimmen hat. Ich will auch nicht alle Babykurse schlecht machen. Es gibt bestimmt gute Schwimmkurse. Es gibt bestimmt super Schwimmlehrerinnen. Aber für uns war das nichts. Und ja, ich zweifel gar nicht an all den guten Sachen, die das Babyschwimmen mit den Babys macht. Aber ich sage auch: Es geht auch ohne. Also, macht Euch locker, wenn Ihr einfach so wie ich eher zu den wasserscheuen Exemplaren der Gattung Mama gehört und eigentlich keine Lust auf laute Schwimmhalle habt. Und es spricht ja auch nix dagegen, mit seinen Kindern so mal Schwimmen zu gehen. Ohne militärischen Drill am Beckenrand. Oder?)

Nachtrag 2: Dieser Text ist mittlerweile etwas älter und mein Großer ist 5 Jahre alt. Nach anfänglicher Wasserscheu hat er nun sein Seepferdchen und duscht wie ein Weltmeister. Ob es mit Babyschwimmen schneller mit dem Schwimmenlernen geklappt hätte? Ich glaube nicht.

39 Kommentare zu “Hölle Babyschwimmen – der Teufel trägt Schwimmwindel (Vorsicht, dieser Text ist subjektiv)

  1. 1000 Dank für diese Worte – bei uns war es „nur“ halb so schlimm, aber ich kann das Thema klassisches Babyschwimmen kaum noch hören und freue mich auf eine freie Schwimmerfahrung :)) ohne Leistung :)) Und – ja unser 2. wird keinen Kurs machen, und er fängt sogar schon zu krabbeln an 😉 Scherz beiseite.

    Achtet auf eure Babys und ihre Bedürfnisse – eure Beziehung zueinander ist das Wichtigste !!!!

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  2. Liebe Nathalie, was für ein herrlich beschriebener Tabubruch! Nichts für dem umsatzstarken Babyschwimmkursmarkt mit werbewirksamen Fotos von glücklich eingetauchten Kindern. Danke für die Ehrlichkeit!!!

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  3. Na das hört sich ja großartig an. Wie gut, dass wir mit unserer Motte keinen Platz beim babyschwimmkurs bekommen haben 😂😂. Da ich als Mama aber zu den Wasserratten gehöre, war ich der Meinung, dass das Kind (8 Monate) langsam mal ins schwimmbad muss. Also hab ich mir eine Freundin geschnappt und es ging los. Wir hatten Glück, es war nicht so voll, unsere kleine konnte erstmal bei Mama auf dem Arm bleiben und als sie sich an die ungewohnte Menge Wasser gewöhnt hatte, ging es auch mal hoch und runter. Aber nur in dem Tempo, indem mama und Baby Lust hatten. Also alles in allem sehr entspannt. Das werden wir ab jetzt öfter machen. Aber ohne Kurs, so kann man losfahren wann man will und aufhören, wenn das Baby nicht mehr mag.

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  4. Oh mein Gott 😱
    Meine Liebe, du sprichst mir sowas von aus der Seele…
    Bisher waren wir nur einmal beim Babyschwimmen und genau wie ihr wollen wir dem ganzen noch eine Chance geben. Aber da meine Erfahrungen ziemlich identisch mit den deinen sind, denke ich dass es sich dabei eher um eine selbsterfüllende Prophezeiung handeln wird 😦
    Während des Babyschwimmens hat Papa Fotos von uns gemacht. Und was soll ich sagen, es gibt nicht ein Foto auf dem das liebe Kind auch nur annähernd eine Spur von Freude im kleinen Speckgesichtchen zeigt.
    Irgendwann wich dem neutralen Gesichtsausdruck dann nur noch ein Schüppchen, welches Mama verkrampft versuchte zu beseitigen. Aber es half alles nichts. Das Kind war genervt, das Kind war müde und Mama auch! Ich könnte mir in den A**** beißen, nicht irgendwann die Entscheidung getroffen zu haben, das Becken einfach zu verlassen… Stattdessen war ich darauf fokussiert, das nölende Kind irgendwie im Zaum zu halten und die Kurs-Stunde (30 min.) rum zu kriegen. Im Nachhinein tat es mir total leid 😦 Ich meine, im Alltag gibt es eigentlich keine Freizeitbeschäftigung, die ich meinem 4 Monate alten Baby aufzwinge. Signalisiert sie mir, dass sie etwas als nicht so angenehm oder gar unangenehm empfindet, unterlasse ich es ja schließlich auch! Klar, es wird immer Sachen geben, die Mama besser weiß und auch mal gegen den Willen des Kindes durchsetzen muss (Hygiene, Ernährung, Gefahren und die liebe Erziehung). Aber einem Baby etwas aufzwingen, weil der Rest der Welt meint, dass es ja so so gut ist? Hmm… Ich denke unser freier Wille ist beinahe das wertvollste, was wir Menschen haben. Und den hat nunmal auch teilweise schon ein Baby. Wäre es da nicht respektvoller und gesünder, diesen zu akzeptieren? Ich empfand diese erste Stunde schon irgendwie als übergriffig 😦 Sehe ich das zu eng?
    Davon abgesehen war, wie auch du beschreibst, das Ganze drum herum die Hölle!!! Zu voll, zu warm, zu laut, zu hektisch… Spätestens beim „wieder anziehen“ war auch ich irgendwann so am Ende, dass ich mich am liebsten zu dem heulenden Baby gelegt und auch einfach los geheult hätte…
    Trotzdem möchte ich es irgendwie noch einmal ausprobieren und werde dann vielleicht einfach mehr auf meine Intuition als Mama hören. Wenn das Baby nach 10 Minuten durch ist, dann ist das so! Klar, ich kann auch verstehen, dass das u.U. die Gruppendynamik nicht unbedingt positiv beeinflusst aber wenn unsere Individualität dort keinen Raum finden kann, sind wir fehl am Platz… Ich bin gespannt…

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