Rolle rückwärts in die 50er? Wie weit sind wir wirklich gekommen?

Kürzlich drüber gestolpert: „Die Hüterin der Gemütlichkeit ist die Frau, so wie sie von jeher Hüterin des Heimes und des häuslichen Herdfeuers war. Solch eine gütige Fee sollte in unserer nüchternen und märchenlosen Zeit jede Frau ihrem Mann sein, wenn sie ihm das Wunder einer stillen Dämmerstunde in warmer, ruhiger Häuslichkeit beschert. Sie kann ihm Kaffee kochen, eine Zigarette anzünden, die Polster des Lehnsessels zurechtrücken – und die Pantoffeln bereitstellen.“ Na, habt ihr heute schon dem Gatten die Pantoffeln bereitgestellt und die Kissen zurechtgerückt?! Dieses Zitat habe ich mir nicht ausgedacht, es stammt aus einer Frauenzeitschrift aus dem Jahr 1949. Als ich es las, fiel ich fast vom Stuhl. Erst vor Lachen. Das mir dann jedoch im Halse steckenblieb, so dass mein Vom-Stuhl-Fallen eher vom Entsetzen her rührte. Es hört sich an wie eine Satire, war aber seinerzeit völlig ernst gemeint. Und beschreibt ein Rollenbild, das sich in den Köpfen festzementierte. Bis 1977 konnte ein Ehemann seiner Frau nämlich noch verbieten, zu arbeiten. Denn sie durfte laut Gesetz nur dann arbeiten gehen, wenn es „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war“. Verrückt, dass sich das solange nach Studentenprotesten und Frauenbewegung hielt. In Schweden übrigens wurde schon 1939 beschlossen, dass Frauen ein uneingeschränktes Recht auf Erwerbstätigkeit hatten – und beide Eheleute hatten dieselben Rechten und Pflichten in Sachen Haushaltsführung, Familienunterhalt und Kindererziehung. Tja.

Was mich aber noch mehr verstört: Dass wir in dieser Zeit wieder eine Art Rolle rückwärts haben. Die Frau wird wieder zur „Hüterin der Gemütlichkeit“, die, die sich ums Marmelade kochen, Haus dekorieren, Basteln mit den Kindern und Socken stricken kümmert. Schaut euch doch mal die Titel der Frauenzeitschriften von heute an. Wir Frauen werden zwar nicht mehr aufgefordert, unseren Männern die Zigarette anzuzünden und die Pantoffeln bereitzustellen. Aber für die Gemütlichkeit im Haus sollen wir bitte zuständig sein. Hüterin des Heimes und des Herdfeuers – also die, die dafür sorgt, dass der schwer arbeitende Gatte seinen wohlverdienten Feierabend entspannt im aufgeräumten Haus verbringen kann und die Basteleien bewundern kann, die die Frau mit den Kindern angefertigt hat. Noch schlimmer ist es bei Instagram: Schaut euch doch mal um. Wer bastelt da mit seinen Kindern? Wer schmückt das Haus? Wer dekoriert die Kinderzimmer und backt Fondanttorten? Es sind die Mütter. Nicht nur, aber ganz ehrlich: Die Ausnahmen muss man mit der Lupe suchen und wird auch nur dann sehr selten fündig.

Es sind vor allem Frauen, die es sich im Rollenmodell „Hüterin der Gemütlichkeit“ einrichten, die ihren Job reduzieren oder ganz aufgeben, um sich um Kind, Haus und Herd zu kümmern. Statt dem Herren des Hauses eine Zigarette anzuzünden, mixen sie ihm einen grünen Smoothie, aber die Hoheit über die Adventsdeko bleibt selbstverständlich bei der „gütigen Fee“. Und dieses Aufgehen in dieses Rollenbild wird dann bei Instagram zelebriert, ja, oft sogar glorifiziert.

Klar, kann man nun entgegnen: Der Unterschied ist doch, dass die Frauen von heute es sich aussuchen. Sie machen es doch freiwillig. Und jede/r hat natürlich das Anrecht darauf, so zu leben, wie er/sie will. Und es ist nicht weniger gut oder falsch oder irgendwas, wenn man sich bewusst für eine Sache entscheidet. Versteht mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Hausfrauen und ich habe nichts gegen Gemütlichkeit.

Die Frage ist nur: Wieso? Was steckt dahinter? Wie sehr fühlen sich die Mütter von heute noch diesem alten Rollenbild aus den 50ern verwurzelt? Wie sehr geistert es noch in unseren Köpfen herum und sorgt für dieses schlechte Gewissen, wenn man früh wieder zu arbeiten anfängt oder es wagt, sich auch mal einen Tag Auszeit zu verschaffen? Wieso fühlen sich so viele Mütter unter Druck gesetzt? Der Müttermythos und Co. lassen grüßen. Ist so ein Rückfall in alte Rollenbilder und tradierte Werte eigentlich gut? Was macht das mit den Kindern? Und was macht das mit den Frauen? Wenn sie sich wieder abhängig machen von ihrem Mann, wenn sie sich aufs „gütige Fee“-Dasein reduzieren, sich darauf reduzieren lassen, sich kleiner machen als sie sind. Ich bin der Überzeugung, dass Schritte rückwärts nicht gut sind. Für keinen von uns.

Mein neues Buch ist da! „Das Kind wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“.

Kennt Ihr auch  meine anderen Bücher?

 „Afterwork Familie: Wie du mit wenig Zeit dich und deine Familie glücklich machst.“
  Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein: Das Selbsthilfebuch für gerade noch nicht ausgebrannte Mütter 

Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder.“

Und mein Kinderbuch: Der Blaubeerwichtel

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2 Kommentare zu “Rolle rückwärts in die 50er? Wie weit sind wir wirklich gekommen?

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