Interview: Wieso wir eine Vaterschaftsfreistellung nach der Geburt brauchen

Mutterschaftsurlaub, klaro, kennt jeder, ist gesetzlich geregelt. Wobei, wer Kinder hat, weiß, dass das Wort „Urlaub“ in diesem Fall nicht wirklich zutrifft. Doch was ist mit den Vätern? Sie können Urlaub nehmen. Oder ihren ersten Elternzeitmonat direkt in die Zeit nach der Geburt legen. Aber eine bezahlte Freistellung für sie? Für die Zeit, in der man auch als Familie geboren wird, in der alles neu ist, die Mutter oft noch geschwächt von der Geburt, im Wochenbett, für die Zeit, in die man sich eingrooven muss – eine bezahlte Freistellung für Väter gibt es nicht. Dabei gibt es seit 2019 sogar eine EU-Richtlinie, die genau das fordert und bis August 2022 in Kraft getreten sein muss. Das Problem: Während einige Staaten die „EU-Richtlinie zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben für Eltern und pflegende Angehörige (2019/1158)“ schon umgesetzt haben, sieht Deutschland momentan keinerlei Handlungsbedarf. Eine Petition möchte das nun ändern. Die Initiatoren der Petition, unter anderem das Väterzentrum Dresden und Men’s Health Dad, fordern eine Vaterschaftsfreistellung von 10 Tagen mit Lohnfortzahlung für alle frischgebackenen Väter ab dem Zeitpunkt der Geburt. Worum es bei der Petition genau geht und welche Vorteile eine Vaterschaftsfreistellung nicht nur für die Väter, sondern auch für die Mütter, die Kinder und ja, auch die Gesellschaft hat, habe ich einmal Marco Krahl von Men`s Health Dad gefragt:

Welche Vorteile hat es, wenn der Vater von Anfang an „dabei“ ist?

Marco: Viele Mütter und Väter wünschen sich heutzutage eine gleichberechtigte Partner- und Elternschaft. Dieses Unterfangen scheitert aber oftmals schon in den ersten Lebensmonaten des Kindes, da in der Regel oft die Mutter die ersten zwölf Monate zu Hause beim Baby bleibt und der Vater im Idealfall den 13. und 14. Elternzeitmonat übernimmt, um das maximale Elterngeld auszuschöpfen. Nach dem ersten Jahr sind die Rollen dann schon so zementiert und der Wissens- und Erfahrungsschatz der Mutter so groß, dass der Vater diesen Vorsprung nur mit Mühe wieder aufholen kann. Eine 10-tägige Vaterschaftsfreistellung würden dafür sorgen, dass jedes Paar optimal in das Abenteuer Familie starten kann. Ganz zu schweigen davon, dass die frischgebackene Mutter im Wochenbett sich sicher über jegliche Art von Unterstützung von Seiten des Mannes freut und die Vater-Kind-Bindung von Anfang an auf ein solides Fundament gestellt wird. Übrigens spreche ich hier die ganze Zeit von Vaterschaftsfreistellung, meine aber eigentlich natürlich eine Partnerinnenfreistellung. Auch der Begriff Elternschutz fällt in diesem Zusammenhang oft, gemeint ist aber immer das gleich: Mutter und Vater, Vater und Vater oder Mutter und Co-Mutter bleiben ab der Geburt für 10 Tage beim Neugeborenen.

Marco Krahl macht sich für eine Vaterschaftsfreistellung stark. Foto: Philipp Gätz

Welche persönlichen Motive hast Du, Dich für die Petition stark zu machen?

Marco: Ich habe zwei Kinder, die inzwischen 12 und 15 Jahre alt sind. Als ich 2009 ein halbes Jahr in Elternzeit war, hatte ich die Idee für ein Väter-Magazin – Men’s Health Dad war geboren. Seitdem erscheint das Magazin zweimal im Jahr, flankiert von einem Webauftritt (www.dad-mag.de) und einen Instagram-Kanal. Zudem gibt es seit zwei Jahren den 14-tägigen Podcast „Echte Papas“, durch den ich mit meinem Co-Host Florian Schleinig führe. Ich stecke also ziemlich tief drin im Thema und ahne, dass wir einen neuen Impuls von der Politik benötigen, ähnlich der Einführung von Elterngeld und Elternzeit im Jahr 2008, um das Thema Vaterschaft weiterzudrehen. Ein 10-tägiger Elternschutz käme da genau richtig. Genau das hätte ich mir übrigens auch bei der Geburt meiner beiden Kinder gewünscht. Stattdessen habe ich Teile meines  Jahresurlaubes genommen – und ich muss wohl niemanden hier erklären, dass die erste gemeinsame Zeit als Familie zwar wunderschön ist, aber mit Urlaub nicht viel zu tun hat.

Es ist ja eine EU-Richtlinie, die aber in Deutschland nicht umgesetzt wurde. Weshalb wurde sie in Deutschland bisher nicht umgesetzt?

Marco: Da fragst du leider den falschen. Aber ich kann natürlich wiedergeben, was ich mit selbst angelesen habe. Nach aktuellem Stand will die Bundesregierung die Richtlinie nicht in deutsches Recht umsetzen, da die bestehenden Gesetze, die sich auf Elterngeld und Elternzeit beziehen, angeblich ausreichen. „Das Elterngeld stelle Mütter und Väter bereits besser, als es die EU-Richtlinie vorsieht“, heißt es aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Partner könnten direkt nach der Geburt schließlich gemeinsam bis zu 14 Monate Elterngeld bekommen mit maximal 1800 Euro pro Monat. Das Ministerium befürchtet sogar, die 10-tägige Vaterschaftsfreistellung könne das Ziel des Elterngeldes konterkariere, da viele Väter Elternzeit unmittelbar nach der Geburt für einen längeren Zeitraum nehmen. „Bei einem 10-tägigen Vaterschaftsurlaub ist zu befürchten, dass Väter sich dann eben nur diese zehn Tage Urlaub nehmen, um einen möglichen Konflikt mit dem Arbeitgeber zu vermeiden“, so eine Sprecherin gegenüber der Tageszeitung „Welt“. Das ist natürlich ein Unding.

Wo ist der Unterschied von Vaterschaftsfreistellung und Vätermonate der Elternzeit?

Marco: Die Vaterschaftsfreistellung wäre verpflichtend und würde alle Väter betreffen. Jeder Mann, der Vater wird, wäre also ganz automatisch die ersten 10 Tage zu Hause bei Frau und Kind ohne jegliche Diskussion mit dem Arbeitgeber anzetteln zu müssen. Elternzeit dagegen ist freiwillig und muss erst beim Chef bzw. der Chefin angemeldet werden. Man kann sie nehmen, muss aber nicht. Und tatsächlich nehmen nur ungefähr ein Drittel aller Väter diese an Anspruch. Das ist grandios, wenn man bedenkt, dass vor dem Jahr 2007 so gut wie kein Vater sich für einen gewissen Zeitraum der Kinderbetreuung widmete. Aber es bleiben immer noch zwei Drittel, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in Elternzeit gehen. Das ist schade, denn Studien haben inzwischen nachgewiesen, dass Elternzeit-Väter auch nach ihrer Rückkehr ins Berufsleben mehr Carearbeit übernehmen.

Wie hast Du es gehandhabt in Sachen Elternzeit und Urlaub?

Marco: Sehr unterschiedlich. Mein Sohn ist 2006 geboren, damals gab es die Möglichkeit in Elternzeit zu gehen, noch gar nicht, weshalb ich zur Geburt einfach ganz normalen Erholungsurlaub eingesetzt habe. Und etwas später habe ich dann ein Jahr lang statt 5 nur 4 Tage gearbeitet. Als meine Tochter dann 2008 auf die Welt kam, habe ich als sie acht Monate alt war ein halbes Jahr Elternzeit genommen und mit meiner Frau die Rollen getauscht. Später habe ich dann erst meine Arbeitszeiten nach vorne verschoben, habe also morgens für einen Magazinredakteur verhältnismäßig früh angefangen zu arbeiten, um möglichst früh am Nachmittag zu Hause sein zu können und habe dann auch noch meine Arbeitszeiten auf 90 Prozent reduziert. Das ermöglicht es mir jetzt, schon gegen 15:30 Uhr zu Hause zu sein – das ist ungefähr die Zeit, wenn auch die Kinder aus der Schule kommen. Meine Frau arbeitet im Einzelhandel, hat einen eigenen kleinen Buchladen und stößt meistens gegen 18:30 Uhr dann zu uns.

Was kannst Du werdenden Vätern empfehlen?

Marco: Sei von Anfang an dabei! So gut wie es geht. Begleite deine Partnerin zu den gynäkologischen Untersuchungen. Mach dich schlau hinsichtlich Schwangerschaft, Geburt und das erste Jahr mit Baby. Lies in ein paar Eltern-Ratgeber rein. Überlege dir, was für ein Vater du sein möchtest in Abgrenzung zu deinem eigenen Vater und sprich während der Schwangerschaft viel mit deiner Partnerin über deine und ihre Vorstellung von Familie. Ich finde, es ist egal, in welcher Farbe ihr das zukünftige Kinderzimmer streicht, aber es ist enorm wichtig, wie ihr euch die gemeinsamen Aufgabenverteilungen vorstellt. Ach ja, und lese natürlich Men’s Health Dad.

Die Petition könnt ihr unter diesem Link unterstützen – und ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr den Aufruf weiterverbreitet, damit möglichst viele mitmachen!

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Ein Kommentar zu “Interview: Wieso wir eine Vaterschaftsfreistellung nach der Geburt brauchen

  1. In Dänemark gibt es eine Woche nach der Geburt meines Erachtens, was sehr sinnvoll ist und es gibt auch keine Diskussion deshalb, macht halt (fast) jeder.
    Richtig guter Ansatz

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