Eltern als Team: Buchtipp und Interview wie Vereinbarkeit gelingen kann

Vereinbarkeit ist so eine Sache, von der man vor dem ersten Kind eigentlich kaum Vorstellungen hat. Klar, jeder weiß vor der Geburt des ersten Kindes, dass es nicht so einfach ist, Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen. Klar, man kennt die Tipps, wie man auch in der Elternzeit mit dem Beruf in Kontakt bleibt. Klar, man überlegt sich vorher, wie viel man arbeiten möchte und meistens auch, wann man wieder einsteigen möchte. Und meistens tauscht man sich auch mit seinem Partner darüber aus. Meistens. Nicht immer. Oder: viel zu wenig. Weil man denkt, man kenne den anderen. Man glaubt, man habe dieselben Vorstellungen. Und dann will man nach der Elternzeit wieder einsteigen und stellt fest, dass alles noch viel schwerer ist, als man geglaubt hat. Der Chef sieht das mit dem Teilzeitanspruch anders. Das Kind wird ständig krank. Der Partner sieht nicht ein, wieso er trotz Vollzeitjob abends noch in der Küche helfen soll oder wieso er auch mal einen Kinderkrankentag einlegen sollte, obwohl er doch mehr Geld ins Haus bringt. Vereinbarkeit ist so eine Sache, die viel Konfliktpotenzial birgt – zu vielen Seiten. Und ein Thema, das gesellschaftlich sehr relevant und auch brisant ist. Mein geschätzter Kollege Birk Grüling hat ein absolut lesenswertes Buch geschrieben, wie Vereinbarkeit gelingen kann und die wichtigste Schlussfolgerung steht schon im Titel: „Eltern als Team“. Wie wichtig es ist, gemeinsam an der Vereinbarkeit zu arbeiten, wieso Kommunikation einer der Schlüssel ist und was sich an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern muss, erzählt Birk mir im Interview. Und da sein Buch voll mit praktischen Tipps ist, gibt er auch hier einige Tipps:

Wieso war es für Dich Zeit, dieses Buch zu schreiben?

Birk: Naja, vor allem der Verlag fand das es an der Zeit war, ein Vereinbarkeitsbuch aus Vätersicht zu veröffentlichen und da stieß meine Idee von einem Buch über mehr Gleichberechtigung und aktive Vaterschaft auf offene Türen und Ohren.

Ist es ein Buch für Väter, Mütter oder beide?

Birk: Es ist ein Buch absolut für beide Elternteile. Aus meiner Sicht funktioniert nämlich Elternsein am besten im Team und das bedeutet nicht mal, dass man unbedingt zusammen sein muss. Auch getrennte Paare können als Team Eltern sein.

Was ist denn DER große Knackpunkt daran, weshalb Eltern oft immer noch nicht wirklich als Team zusammenarbeiten, wenn es um das Elternsein geht?

Birk: Ich weiß nicht, ob es den großen Knackpunkt gibt. Es gibt viele Hürden, an denen die Gleichberechtigung oder wirkliches Team-Work scheitern kann. Manchmal wollen sich die Partner einfach nicht so einbringen, wie sie es eigentlich tun sollten. Die Entscheidung für ein Kind wird noch gemeinsam getroffen, aber am Ende bleibt doch die meiste Care-Arbeit an der Frau hängen. Das geschieht manchmal aus Bequemlichkeit, das geschieht manchmal aus einfacher Nachahmung von traditionellen Rollenbildern. Natürlich gibt es auch Rahmenbedingungen, die die wirklich gleichberechtigte Teamleistung erschweren.

Wie müssen sich die äußeren Rahmenbedingungen ändern?

Birk: Oh, da gibt es einiges. Es gibt nicht genug Betreuungsplätze. Oft passen Betreuungszeiten und Arbeitszeiten nicht zusammen. Es wird nicht genug in frühkindliche und schulische Bildung investiert. Auch in der Wirtschaft gibt es großen Nachholbedarf. Eltern dürfen nicht dafür diskriminiert werden, dass sie Kinder haben und mit ihnen Zeit verbringen wollen. Arbeitsmodelle und -zeiten müssen viel flexibler und familienfreundlicher werden, So braucht es zum Beispiel mehr Führungspositionen in Teilzeit oder angemessene Bezahlung in den Care-Berufen, die oft von Frauen gemacht werden. Von der Überwindung der Gender Pay Gap ganz zu schweigen. Wenn Frauen und Männer gleich gut bezahlt werden, fällt die berufliche Gleichberechtigung leichter und bleibt kein Luxus von Akademikern in der Großstadt. Außerdem gibt es immer noch genug steuerliche Anreize, die eine „Gleichberechtigung“ in Erwerbsarbeit eher bestrafen als fördern – ich sage nur das Ehegattensplitting. Und als Gesellschaft tun wir uns noch schwer mit überholten Rollenbildern von der Super-Mutter und väterlichem Ernährer.

Ja, das ist ja auch eine Art Dauerthema bei mir auf dem Blog… Was müssen Mütter ändern? Und was Väter?

Birk: Die Mütter müssen vielleicht lauter werden und radikaler Gleichberechtigung einfordern. Auch etwas weniger Mom-Shaming und mehr Solidarität wäre toll. Und die Väter müssen sich einfach mehr einbringen, mehr Aufgaben übernehmen, präsent sein, selbst zurückstecken für die Karriere der Partnerin und die Care-Arbeit in der Familie. Und gemeinsam müssen mehr Eltern in die Teamarbeit und Gleichberechtigung gehen.

Du hast für dein Buch mit vielen Experten gesprochen, für ein Kapitel auch mit mir. Gibt es etwas, was Dich bei der Recherche überrascht hat?

Birk: Ich hätte nie gedacht, dass es so wichtig ist, schon vor der Geburt über die Rollenbilder und die zukünftige Aufgabenverteilung zu sprechen. So lassen sich viel Frust und Konflikte zu unausgesprochenen Erwartungen und Vorstellungen in der ersten Zeit verhindern. Wir sprechen doch vor der Geburt über so viel, am Ende nur nicht über unsere zukünftige Familienrolle. Dieser Ratschlag eine Familienvision zu entwickeln, empfand ich wirklich hilfreich für werdende Eltern. Deshalb habe ich ihm ganz am Anfang des Buches einen prominenten Teil eingeräumt. Aber auch sonst gab es quasi in jedem Gespräch kleine und große Überraschungen und die meisten davon sind als Tipps im Buch gelandet. Zum Beispiel empfand ich deine Tipps für die Entschleunigung des Elternalltags auch als sehr erhellend und sehr praktisch.

Gibt es einen Aspekt, den alle Interviewpartner angesprochen haben?

Birk: Ja, ständige Kommunikation zwischen den Partnern ist immens wichtig. Darin waren sich alle einig. Das gilt nicht nur für die Verteilung von täglichen Aufgaben oder dem Update aus Kita und Schule, sondern auch für die „großen Dinge“. Nur wer über seine Vorstellungen und Bedürfnisse spricht, hat die Chance etwas zu verändern oder auf Herausforderungen zu reagieren. Außerdem geben regelmäßige Gespräche die Chance im Gefühl füreinander zu bleiben.

Was mir an „Eltern als Team: Ideen eines Vaters für gelebte Vereinbarkeit“ sehr gut gefällt, sind die vielen praktischen Tipps. Es ist sehr praxisnah und tatsächlich auch realistisch umsetzbar. Kannst Du die wichtigsten Tipps zusammenfassen?

Birk: Vielen Dank für das tolle Kompliment, ich versuche mein Glück 1. Bleibt im Gespräch über Gefühle, Erwartungen, tägliche Aufgaben und Vereinbarkeit 2. Sucht euch Vorbilder für die Umsetzung und habt Mut für eigene Wege 3. Setzt Prioritäten im Alltag – 100 Prozent Beruf, 100 Prozent Eltern, 100 Prozent Bilderbuch Beziehung und Ich mit vielen Hobbys geht nicht. Es muss in allen Bereichen Abstriche geben, nur so gelingt eine umsetzbare Vereinbarkeit 4. Nehmt Hilfe an und holt sie euch auch 5. Seid offen immer wieder nachzusteuern, wenn es das Modell überholt ist.

Wie handhabt ihr das denn bei euch privat mit der Vereinbarkeit?

Birk: Wir sind ziemlich privilegiert und damit wenig repräsentativ. Wir arbeiten nicht erst seit der Pandemie im Homeoffice und auch zeitlich ziemlich flexible Jobs. Ich arbeite etwas weniger als meine Frau und bin deshalb für Bringen und Abholen in die Kita zuständig. So können wir uns auch Hausarbeit, Erwerbsarbeit und Kind quasi gleichberechtigt aufteilen und das erleichtert auch die Vereinbarkeit, gerade in schwierigen Zeiten wie dem Lockdown. Jeder hat seine Aufgaben, die er selbstständig erledigt, damit ist auch der Mental Load ganz gut verteilt. Das ist aber ein sehr gewachsenes Modell, wir haben auch schon in klassischer Rollenverteilung gelebt, mit Frau in Teilzeit und ich in fast Vollzeit.

Wie viele eigene Erfahrungen sind in das Buch eingeflossen?

Birk: Es sind auch einige meiner eigenen Erfahrungen in das Buch eingeflossen. Es ist wahrscheinlich schwierig, ein Buch mit dem Titel „Eltern als Team“ zu schreiben und dann selbst 70 Stunden im Büro zu verbringen. Ein Schlüsselmoment war sicher die Pandemie und die Erkenntnis, dass der Politik Familien ziemlich egal sind und wir in Sachen Gleichberechtigung doch noch nicht so weit sind, wie ich eigentlich dachte. Ich glaube, deshalb müssen wir das Thema Vereinbarkeit stärker selbst in die Hand nehmen – mit unseren Partnern und als Familien laut in der Öffentlichkeit. Ich hoffe, mit meinem Buch kann ich dazu mehr Mütter und Väter animieren.

Danke, lieber Birk für das Interview und für das tolle Buch!

Eltern als Team: Ideen eines Vaters für gelebte Vereinbarkeit“ ist fundiert recherchiert, kurzweilig geschrieben und vor allem: praxisnah! Es ist kein Sachbuch, das sich in der grauen Theorie verliert, sondern aus dem jede Leserin, jeder Leser ganz persönlich für sich Tipps herausziehen kann – und zwar Tipps, die wirklich anwendbar sind. Sehr gut an dem Buch gefallen mir auch die vielen einbezogenen Experten zu den unterschiedlichsten Gebieten, die Birk zu Wort kommen lässt, das gibt dem Buch sehr viel Tiefe und noch einmal viele neue Aspekte. Unter anderem habe auch ich einige Dinge beisteuern dürfen! Das Buch möchte ich euch wirklich ans Herz legen – egal, ob ihr schwanger seid, gerade ein Kind bekommen habt oder auch schon ältere Kinder habt. Denn auch wenn die Kinder schon älter sind, ist es nie zu spät, mit dem Partner ins Gespräch zu kommen, denn das Thema Vereinbarkeit und auch die Aufteilung der Carearbeit ist einfach zu wichtig! Das hat Sprengkraft, eine Partnerschaft zu zerstören – das dürfen wir nicht vergessen. Umso wichtiger ist Birks Buch – und meiner Meinung nach war es auch längst überfällig, einmal ein Buch über Vereinbarkeit aus Vätersicht zu schreiben!

Mein neues Buch erscheint bald! „Das Kind wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“: Und hier könnt es jetzt schon vorbestellen!

Kennt Ihr auch  meine anderen Bücher?

 „Afterwork Familie: Wie du mit wenig Zeit dich und deine Familie glücklich machst.“
  Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein: Das Selbsthilfebuch für gerade noch nicht ausgebrannte Mütter 

Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder.“

Und mein Kinderbuch: Der Blaubeerwichtel

Kennt Ihr eigentlich schon mein Kochbuch? „Das Familienkochbuch für nicht perfekte Mütter“ – dort findet Ihr mehr als 80 Rezepte – unkompliziert nachzukochen und zu backen!

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