Wie Familien mal wieder vergessen werden. Oder: Was sind Familien der Gesellschaft wert?

Man stelle sich mal vor: Der Wirtschaftsminister tritt zurück. Drei Monate vor der Wahl. Ist ja nicht mehr lange hin, trotzdem muss ja jemand seinen Job machen. Ist ja wichtig. Und da lässt man einfach den Finanzminister seinen Job mit erledigen. Das kann man ja so nebenher machen, statt einem Ministerposten macht man eben zwei gleichzeitig. Kann man sich nicht vorstellen? Tja. Genau das ist geschehen, nur dass es die Familienministerin war, die zurückgetreten ist und die Justizministerin ist, die nun parallel noch das Amt der Familienministerin mit übernimmt. Ich bin mir ziemlich sicher: Bei einem zurückgetretenen Wirtschaftsminister hätte man den vakanten Posten nicht so gelöst. Denn Wirtschaft, das ist wichtig. Was im Umkehrschluss zeigt, wie unwichtig Familienpolitik ist – in den Augen der Verantwortlichen. Was hatten wir uns damals über Schröders Zitat „Familie und Gedöns“ aufgeregt. Lange ist es her. Leider muss ich feststellen: Es hat sich an der Einstellung nicht viel geändert. Was eben die Geschehnisse von gestern zeigen. Und was die ganze Coronapandemie uns zeigt, in der man uns Familien einfach mal alleine gelassen hat. Die bekommen das schon hin! 150 Euro pro Kind haben sie doch bekommen, sollen sich mal nicht so anstellen. Das man mit diesen 150 Euro gerade mal so die Kosten von den Druckerpatronen bezahlen kann, die man fürs Homeschooling verbraucht hat, interessiert keinen.

Was den Stellenwert der Familien in der Politik, ja, in der Gesellschaft zeigt.

In Berlin, so habe ich gelesen, wollen sie die Schulen vor den Sommerferien nicht mehr öffnen, weil, sind ja eh bald Sommerferien, da lohnt es sich nicht mehr. Dann haben die Kinder halt mal ein ganzes Halbjahr nicht gehabt. Sind ja eh bald Ferien!

Bitte, was?! Was für eine Arroganz, was für eine Ignoranz, was für eine völlige Frechheit!

Es lohnt sich jeder einzelne Tag. Für die Kinder, die ihre Freunde brauchen, ihre sozialen Kontakte, einen Rhythmus. Einen Schuljahresabschluss. Für die Lehrer, für die Homeschooling oft auch eine zusätzliche Belastung ist und die sich auf ihre Schüler freuen. Und für uns Eltern, die über jeden einzelnen Tag froh sind, den sie eben nicht in diesem Spagat Homeschooling-Homeoffice-Kinderbetreuung stecken! Meine Kinder waren 2020 5 Monate NICHT in Schule und Kindergarten. Und 2021 auch. Also 10 Monate. Meine jüngste Tochter ist 3 Jahre alt. Es ist ein Drittel ihres Lebens. Mein Mittlerer hat 2020 sein letztes halbes Jahr im Kindergarten verpasst, den Vorschuli-Rausschmiss und all das. Und von seiner ersten Klasse hat er noch nicht mal ein ganzes Halbjahr im Präsenzunterricht gemacht. Seit Montag ist er – nach 5 Monaten- wieder im Präsenzunterricht. Für ihn ist Schule bisher das Bearbeiten von Arbeitsblättern und das Rumgestreite mit mir, die neben der Rolle der Mutter in die Rolle der nervigen Lehrerin geschlüpft ist.

Für uns zählt jeder einzelne Tag, der wieder in Kindergarten und Schule verbracht wird.

Und da sagen die in Berlin mal so eben „lohnt sich nicht“. Und da ersetzen die einfach mal die Familienministerin nicht, sondern lassen es nebenbei die Justizministerin machen. Lohnt sich ja nicht.

Das zeigt, was Familien der Politik wert sind.

Anscheinend nichts.

Man vergisst uns einfach. Und wenn man uns nicht vergisst, behandelt man uns wie so ein lästiges Anhängsel, das mit mit Kuchen in Form von 150 Euro ruhigstellen kann.

Ach was, Schulen öffnen! Hauptsache, die Erwachsenen können wieder ins Kino! Vielleicht sollte ich meine Kinder da dann auch einfach abgeben, wenn die Schulen wieder zumachen sollten.

Es ist zum Kotzen.

Ich mag keine vulgären Wörter, aber in diesem Fall trifft es das leider sehr gut.

Zum Kotzen.

Zum Heulen.

Zum Verrücktwerden.

Und es geht ja noch weiter. Jetzt, im Mai 2021 (!) diskutiert man über Luftreiniger in den Schulklassen. Immer noch. Seit mehr als einem Jahr also. Ohne Lösung. Man hat es nicht mal geschafft, dass in allen Klassenräumen die Fenster zum Lüften geöffnet werden können. Man kann die Schulen ja einfach schließen, Homeschooling ist doch prima, wozu dann der Aufwand?! Hatte ich erwähnt, dass es zum Kotzen ist?

Und nun, während alle um uns herum geimpft werden (ich gönne es jedem Risikopatienten, ganz ehrlich und finde es wichtig!), gucken wir Eltern wieder blöd aus der Wäsche. Zu jung, zu gesund, keine Priorität. Wenn es so weiter geht, werden wir noch nach den Teenagern geimpft – bei uns in Schleswig-Holstein diskutiert man, sie noch vor den Sommerferien zu impfen. Finde ich gut – aber was ist mit uns Eltern, vor allem denen von Kleinkindern, die im Kindergarten völlig ungeschützt ohne Masken sitzen?!

In der Coronazeit ist sichtbar geworden, was nichts Neues ist: Familien werden einfach mal vergessen. Sind halt immer noch Gedöns. Ab und an mal das Kindergeld erhöhen, dann werden sie sich schon nicht beschweren.

Tja. Sie beschweren sich auch nicht. Oder nur selten. Oder nur leise. Denn: Uns fehlt die Kraft, laut zu werden. Uns fehlt die Kraft und die Zeit, uns politisch zu engagieren. Wir sind gefangen in unserem täglichen Dreikampf aus Kindern-Job-Haushalt und dem Versuch, irgendwo uns selbst nicht aus den Augen zu verlieren.

Was hilft? Wir müssen sichtbarer werden. Lauter. Jede einzelne Stimme von uns ist wichtig. Damit man uns nicht vergisst. Macht ihr mit? Dann teilt diesen Text. Kommentiert ihn. Schreibt selbst solche Texte, auf Facebook, auf Insta, auf euren Blogs. Sagt es weiter. Es ist ein Anfang. Aber zusammen können wir was bewirken.

Denn so geht es nicht weiter. Wir sind doch mehr als nur ein Randthema in der Politik. Kinder sind die Zukunft des Landes. Und wir Eltern sind die, die Rente der Babyboomer bezahlen. Also. Es muss sich etwas ändern!

Mein neues Buch erscheint bald! „Das Kind wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“: Und hier könnt es jetzt schon vorbestellen!

Kennt Ihr auch  meine anderen Bücher?

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Willkommen bei der ganznormalenMama! Wollt Ihr familienfreundliche Reisetipps? Oder kinderleichte Rezepte? Oder Lustiges, Nachdenkliches aus dem Mamaalltag? Dann stöbert im Archiv und folgt mir auf Facebook, bei Instagram oder Pinterest– ich freue mich auf Euch!

9 Kommentare zu “Wie Familien mal wieder vergessen werden. Oder: Was sind Familien der Gesellschaft wert?

  1. Was für wahre Worte!!!!
    Kinder und Familie haben überhaupt keinen Wert in Deutschland!
    Das ist sehr traurig.
    Diese verlorene Zeit können die Kinder nie mehr zurückbekommen.
    Und leider wird immer wieder versprochen: „Die Kinder werden nicht verachlässig!“ / „Die Schulen/Kitas bleiben auf!“
    Kinder waren nie Vorantreiber der Pandemie und trotzdem müssen sie am meisten darunter leiden. Ihnen wird alles genommen, was sie für eine gesunde Entwicklung brauchen: Freunde, Struktur, Freiheit, Spaß!
    Immer muss man sie vertrösten!
    Das schlimmste ist, dass sie mitteweile gar nicht mehr fragen! Sie akzeptieren einfach und still alles!
    Hauptsache der Ball rollt weiter und Geimpfte/Genesene bekommen ihr Leben zurück!

  2. Vielen Dank für diesen wirklich wahren Beitrag. Es ist tatsächlich zum K…. Und es wird sich darauf verlassen, dass wir Eltern im RollenSpagat eben NICHT laut werden. Denn wenn wir in den Streik treten, wird es für unsere Kids noch schlimmer… das wollen wir natürlich vermeiden – irgendwie wird’s schon gehen, oder? Und genau diese Zwickmühle belastet uns zusätzlich – wie gesagt, zum K…

  3. Deutschland sollte sich schämen mit der Bevölkerung so umzugehen. Die Kinder sind unsere Zukunft und die werden mit Füßen getreten und werden ihr ganzes Leben damit zu tun haben.
    Die Eltern krachen am Zahnfleisch dahin um alles unter einen Hut zu bekommen.
    Viele sind in Kurzarbeit und können sich den Mund an die Tischkante hauen.!
    Hauptsache die große Industrie und Fluggesellschaften stopfen sich die Taschen voll mit CORONA Hilfen.
    Der kleine Mann / Frau kann am langen Arm verhungern.

    😠😠😠😠😠😠

  4. So ist es. Die Eltern müssten einfach mal in den Generalstreik treten und nicht mehr arbeiten unter dieses Bedingungen. Vielleicht würde sich dann mal was ändern.
    Leider wird uns wieder einmal gezeigt, welchen Stellenwert die Familie in Deutschland hat. Aber wir beschweren uns nicht, wir machen das Beste draus, für unsere Kinder

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