Gastbeitrag zum Thema Vereinbarkeit: Zwillinge und Führungsposition, das geht!

Da ich auf diesem Blog gerne so viele verschiedene Stimmen wie möglich zu Wort kommen lassen möchte, auch um zu zeigen „wir sind alle normal, auf unsere Art“, freue ich mich immer über Gastbeiträge. Heute erzählt mir Anke etwas zum Thema „Vereinbarkeit und Zwillinge„! Da ich selbst zwar drei Kinder, aber keine Zwillinge habe, finde ich das sehr spannend. Lest selbst über ihr Modell und ihre Erfahrungen:

„Ich bin seit langem ein eher stiller Fan von Nathalie alias „GanznormaleMama“. Daher freue ich mich sehr, dass ich einen Gastbeitrag machen darf. Was solltet ihr über mich wissen? Ich bin 40 Jahre alt, wohne in einer großen Stadt im Rheinmain-Gebiet und bin verheiratet. Unsere Kinder, ein Junge und ein Mädchen, sind Zwillinge, 8 Jahre alt und kommen nach den Ferien in die 3. Klasse. Seitdem die Kinder 1 Jahr alt sind arbeite ich wieder.

Heute will ich euch ein bisschen davon erzählen wo ich gerade stehe beim Thema Beruf und Vereinbarkeit mit Zwillingen. Als ich erfahren habe, dass ich schwanger mit Zwillingen bin, war ich erstmal ziemlich überrascht, aber habe mich auch schnell gefreut über dieses doppelte Geschenk. Für mich war auch immer klar, dass ich wieder in meinen Beruf zurückkehren möchte, aber trotzdem Zeit für meine Kinder haben will. Wie das funktionieren soll, wusste ich nicht genau, aber ich hatte nie Zweifel, dass es machbar ist. Als ich schwanger wurde hatte ich bereits einige Jahre in IT Projekten gearbeitet. Ein toller Job, aber auch recht anstrengend und zeitintensiv.

Die Elternzeit hatte ich mir schön vorgestellt: Mit dem Nachwuchs zum Babykurs, danach Kaffee trinken in der Stadt… Natürlich kam es anders, und ehrlich gesagt habe ich da manchmal neidisch auf die Mütter mit nur einem Kind geschaut. Ich war im Babykurs mit beiden Kindern (nicht für die „Frühförderung“ meiner Kinder, sondern damit ich mal raus komme) und danach habe ich auch Kaffee getrunken. In meiner Fantasie mit zwei friedlich schlafenden Babys. In der Realität hat immer mindestens eines mich beschäftigt. Teilweise war ich tatsächlich nass geschwitzt, wenn ich das Haus verlassen habe: Kaum waren beide Kinder gefüttert, gewickelt und angezogen, hatte das erste schon wieder eine volle Windel. Nach einem recht anstrengenden, schlaflosen Jahr Elternzeit habe ich wieder angefangen zu arbeiten, einige Wochen früher als geplant, weil mein alter Chef ein ganz wichtiges Projekt für mich hatte. Immerhin war ich vernünftig genug, mit nur 20 Stunden einzusteigen.

Der Einstieg war dann am Ende des Tages drei Wochen später als geplant, da meine Kinder nach 2 Monaten Kita-Eingewöhnung im Januar & Februar erstmal abwechselnd krank waren. Ihr könnt euch vorstellen, wie fit und ausgeruht ich an meinem ersten Arbeitstag war. Was ich damals komplett unterschätzt hatte war, wie oft meine Kinder in den ersten 2-3 Jahren krank werden. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass weder gleichzeitig noch hintereinander krank einen Unterschied macht: Beides ist extrem anstrengend und kräftezehrend. Dazu kam, dass mein alter Job und ich nicht mehr zusammengepasst haben. Vermutlich war ich damals auch noch nicht sicher, was ich wirklich will, außerdem war in meinem Umfeld keine einzige weitere Teilzeitkraft, nur Kollegen, die Tag und Nacht arbeiten konnten.

Nach einem knappen Jahr habe ich dann entschieden, dass ich mir einen neuen Job suche: dieses Mal in einem familienfreundlichen Unternehmen mit kurzer Fahrstrecke, 30 Stunden (ich hatte mich auf eine Vollzeitstelle beworben), aber etwas weniger anspruchsvoll als im alten Job. Die Entscheidung war genau richtig für mich: Ich bin seitdem umgeben von vielen Kolleginnen und Kollegen, die auch zu Hause Aufgaben übernehmen und Verständnis haben, wenn mal ein Kind krank ist oder die Kita mal wieder geschlossen hat. Mittlerweile habe ich auch wieder eine Führungsaufgabe angenommen, aber mit meiner Erfahrung der letzten Jahre kann ich auch ganz anders damit umgehen, dass sowohl privat als auch beruflich immer wieder Kompromisse nötig sind. Natürlich kommt es auch im Job vor, dass mal ein ganztägiger Termin ansteht oder ich eine Dienstreise machen muss. Beides ist aber üblicherweise längerfristig planbar und lebt vom Prinzip „Geben und Nehmen“.

Ich arbeite viel und wenn es drauf ankommt, bin ich da. Dafür sorge ich dafür, dass das auch gesehen wird und habe auch kein schlechtes Gewissen, wenn ich mal an einem anderen Tag früher gehe oder die Kinder mit ins Büro bringe, weil die Schule geschlossen hat. In meiner jetzigen Position finde ich es sogar wichtig, als Vorbild für mein Team vorzuleben, dass genau das möglich ist. Was mir auch enorm hilft: Ich habe mittlerweile meine Arbeitszeit auf 4 Tage verteilt, an Tag 5 arbeite ich nicht. Das ist zumindest bis mittags „meine Zeit“, über die ich frei verfügen kann. An meinem freien Tag erledige ich Arzttermine, gehe zum Frisör, shoppen, vertrödele meine Zeit bei einem Kaffee, mache das, worauf ich Lust habe.

Das ist für mich enorm wichtig, da das Gefühl des Fremdbestimmt-Seins gerade in den ersten Jahren eine enorme Belastung für meinen Freiheitsdrang war.

Mein aktuelles Arbeitsmodell funktioniert insgesamt ziemlich gut, das eine oder andere „Fossil“ ist natürlich noch unterwegs, aber da die Mehrheit meiner Kollegen und meine bisherigen Vorgesetzten mein Modell verstehen und unterstützen gibt es relativ selten Konflikte. Üblicherweise versuche ich auf der Arbeit das Thema Familie und Kinder eher wenig zu thematisieren. Wenn ich mit neuen Kollegen zusammen arbeite geht es erstmal vor allem um die Arbeitsthemen, wahrscheinlich auch, weil ich nicht direkt in eine Schublade gesteckt werden möchte. Ich möchte zuerst als Kollegin gesehen und respektiert werden. Tatsächlich sind einige verwundert, wenn sie dann erfahren, dass ich Mutter von Zwillingen bin.

In meinem privaten Umfeld sind vor allem die Begegnungen mit anderen interessant, die mich und meine Familie nicht gut kennen. Letztes Jahr hatten wir beispielsweise Handwerker, die mich an einem ganz normalen Arbeitstag kurz vor Mittag anriefen um mir mitzuteilen, dass sie „gleich da sind“ – natürlich nicht abgesprochen. Die Armen waren völlig irritiert, als ich ihnen gesagt habe, dass ich jetzt leider nicht zu Hause bin, sondern auf der Arbeit.

Nicht erfreulich sind teilweise Begegnungen mit anderen Müttern, die auch gerne mal ungefragt mein Familienmodell in Frage stellen („Ach, die armen Kinder gehen bis nachmittags in die Betreuung?!“). Insgesamt begegnen mir die meisten Mütter außerhalb unseres Freundeskreises mit einer ​Mischung aus Skepsis, Bewunderung und Verurteilung, je nach Perspektive und Vorstellungskraft des Gegenübers. Das ist schade und auch oft übergriffig, ich maße mir auch nicht an, über das Familienmodell anderer zu urteilen, die ich gar nicht kenne. Was ich wirklich gerne tue ist mich mit anderen darüber auszutauschen, wie und warum sie ein bestimmtes Modell gewählt haben. Das reicht von Müttern, die gar nicht, wenige Stunden, mehr oder gleich wie ich arbeiten.

Was ich in den letzten Jahren bei diesen Gesprächen gelernt habe, ist dass jede Familie einfach anders funktioniert und andere Bedürfnisse hat.

Mir ist bewusst geworden, dass ich meinen Job nur deswegen machen kann, weil meine Kinder mittlerweile seltener krank sind als noch in den ersten Jahren und insgesamt sehr pflegeleicht. Wenn ich die beiden nachmittags aus dem Hort abhole sind sie bestens gelaunt und entspannt. Mir ist klar, dass nicht alle Kinder nach Schule und Hort voller Energie und guter Laune sind.

Der eine oder andere fragt sich natürlich, welche Rolle denn mein Mann spielt. Grundsätzlich ist er unter der Woche eher wenig verfügbar, aber wenn ich ihn brauche, dann ist er da. Wie und warum unser Modell für uns funktioniert, wäre bestimmt nochmal ein separates Thema. Und natürlich bin auch ich ein wichtiger Faktor. Ich möchte arbeiten, selbstbestimmt sein, den Kontakt mit Kollegen, die Herausforderung. Für mich ist es befriedigend, wenn ich es schaffe, alles unter einen Hut zu bekommen, auch wenn es manchmal anstrengend sein mag.

Ist es nochmal herausfordernder, Job und Zwillinge unter einen Hut zu bringen? Ja und nein. Ich sage immer, dass ich es bestimmt auch anstrengend finden würde, wenn ich ein oder zwei Kinder nacheinander bekommen hätte, einfach weil ich gar nicht gewusst hätte, dass die Dimension Zwillinge nochmal anstrengender sein kann. Die ersten 2-3 Jahre waren in Punkto Schlaflosigkeit, Kinderkrankheiten, Trotzphase und co sicherlich ein ziemlicher Kraftakt. Dafür habe ich jetzt schon länger keine schlaflosen Nächte mehr und zwei Kinder, die sich hervorragend verstehen und die dank gleichen Alters viele Interessen teilen.

Und was hat Corona verändert? Ich arbeite bereits seit Monaten fast zu 100% von zu Hause aus, ebenso mein Mann. Zwischendurch wollten wir beide in einen „Haushaltsstreik“ treten – Haushalt, täglich kochen, Schulkinder betreuen und arbeiten ist anstrengend, das muss ich euch nicht erzählen. Von Entschleunigung keine Spur. Nach einigen Wochen haben wir uns auch daran gewöhnt: Die Kinder machen zum Glück relativ selbständig Schulaufgaben, bei Fragen haben sie irgendwann die Großeltern bei Tablet und Video angerufen, die sich mega gefreut haben, die Kinder virtuell zu sehen und helfen zu dürfen. Freitags kochen jetzt immer die Kinder für alle – auch das hat erst mit Corona angefangen. Neu war für mich, dass ich oft ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber habe, wenn ich sie dauernd vertrösten muss. Daher freue ich mich, wenn jetzt hoffentlich zumindest für ein paar Wochen wieder etwas mehr Normalität einkehrt.“

… und so wurde Anke von ihrer Tochter gemalt.

Danke für Deine ehrlichen Zeilen, liebe Anke! Ich finde es immer wieder spannend, über andere Vereinbarkeitsmodelle zu lesen, denn wir können alle voneinander lernen und uns für unseren eigenen Weg inspirieren lassen.

Weitere Gastbeiträge über Vereinbarkeitsmodelle findet Ihr hier:

Das 50/50-Modell
Die Hausfrau
Der Hausmann
Die vollzeitarbeitende Mutter

Kennt Ihr eigentlich schon mein Kochbuch? „Das Familienkochbuch für nicht perfekte Mütter“ – dort findet Ihr mehr als 80 Rezepte – unkompliziert nachzukochen und zu backen!

Kennt Ihr auch  meine anderen Bücher?

 „Afterwork Familie: Wie du mit wenig Zeit dich und deine Familie glücklich machst.“
  Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein: Das Selbsthilfebuch für gerade noch nicht ausgebrannte Mütter 

Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder.“

Und mein Kinderbuch: Der Blaubeerwichtel

Willkommen bei der ganznormalenMama! Wollt Ihr familienfreundliche Reisetipps? Oder kinderleichte Rezepte? Oder Lustiges, Nachdenkliches aus dem Mamaalltag? Dann stöbert im Archiv und folgt mir auf Facebook, bei Instagram oder Pinterest– ich freue mich auf Euch!

Mischung aus Skepsis, Bewunderung und Verurteilung, je nach Perspektive und Vorstellungskraft des Gegenübers. Das ist schade und auch oft übergriffig, ich maße mir auch nicht an, über das Familienmodell anderer zu urteilen, die ich gar nicht kenne. Was ich wirklich gerne tue ist mich mit anderen darüber auszutauschen, wie und warum sie ein bestimmtes Modell gewählt haben. Das reicht von Müttern, die gar nicht, wenige Stunden, mehr oder gleich wie ich arbeiten. Was ich in den letzten Jahren bei diesen Gesprächen gelernt habe, ist dass jede Familie einfach anders funktioniert und andere Bedürfnisse hat. Mir ist bewusst geworden, dass ich meinen Job nur deswegen machen kann, weil meine Kinder mittlerweile seltener krank sind als noch in den ersten Jahren und insgesamt sehr pflegeleicht. Wenn ich die beiden nachmittags aus dem Hort abhole sind sie bestens gelaunt und entspannt. Mir ist klar, dass nicht alle Kinder nach Schule und Hort voller Energie und guter Laune sind. Der eine oder andere fragt sich natürlich, welche Rolle denn mein Mann spielt. Grundsätzlich ist er unter der Woche eher wenig verfügbar, aber wenn ich ihn brauche, dann ist er da. Wie und warum unser Modell für uns funktioniert wäre bestimmt nochmal ein separates Thema. Und natürlich bin auch ich ein wichtiger Faktor. Ich möchte arbeiten, selbstbestimmt sein, den Kontakt mit Kollegen, die Herausforderung. Für mich ist es befriedigend, wenn ich es schaffe, alles unter einen Hut zu bekommen, auch wenn es manchmal anstrengend sein mag. Ist es nochmal herausfordernder, Job und Zwillinge unter einen Hut zu bringen? Ja und nein. Ich sage immer, dass ich es bestimmt auch anstrengend finden würde, wenn ich ein oder zwei Kinder nacheinander bekommen hätte, einfach weil ich gar nicht gewusst hätte, dass die Dimension Zwillinge nochmal anstrengender sein kann. Die ersten 2-3 Jahre waren in Punkto Schlaflosigkeit, Kinderkrankheiten, Trotzphase und co sicherlich ein ziemlicher Kraftakt. Dafür habe ich jetzt schon länger keine schlaflosen Nächte mehr und zwei Kinder, die sich hervorragend verstehen und die dank gleichen Alters viele Interessen teilen. Und was hat Corona verändert? Ich arbeite bereits seit Monaten fast zu 100% von zu Hause aus, ebenso mein Mann. Zwischendurch wollten wir beide in einen „Haushaltsstreik“ treten – Haushalt, täglich kochen, Schulkinder betreuen und arbeiten ist anstrengend, das muss ich euch nicht erzählen. Von Entschleunigung keine Spur. Nach einigen Wochen haben wir uns auch daran gewöhnt: Die Kinder machen zum Glück relativ selbständig Schulaufgaben, bei Fragen haben sie irgendwann die Großeltern bei Tablet und Video angerufen, die sich mega gefreut haben, die Kinder virtuell zu sehen und helfen zu dürfen. Freitags kochen jetzt immer die Kinder für alle – auch das hat erst mit Corona angefangen. Neu war für mich, dass ich oft ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber habe, wenn ich sie dauernd vertrösten muss. Daher freue ich mich, wenn jetzt hoffentlich zumindest für ein paar Wochen wieder etwas mehr Normalität einkehrt.

Ein Kommentar zu “Gastbeitrag zum Thema Vereinbarkeit: Zwillinge und Führungsposition, das geht!

  1. Sehr schöner Gastbeitrag, der uns beide doch etwas Mut zuspricht. Ich kann teilweise aus Erfahrung zustimmen und teilweise, stehe ich nun wieder vor diesem Punkt. Vor fast zehn Jahren wurden meine Zwillinge geboren und ich übernahm eine Führungsposition in einer Kita. Nebenbei absolvierte ich an drei Tagen im Monat noch a 8 Stunden die Weiterbildung zur Kitaleitung. Es waren harte Jahre und irgendwann gab ich den Kindern den Vorzug und wurde wieder „normaler Erzieher“ mit einer 32 Stunden Woche.

    Nun sind meine Drillinge ein Jahr alt und sie besuchen bereits am Vormittag die Kita. Seit dem laufen die Nasen ohne Ende. Im Oktober steige ich wieder ein. Erst einmal bis Weihnachten mit 40h als Leitung eines Hortes, da die Haushaltskasse nach einem Jahr zu zweit zu Hause ziemlich leer ist. Das alles wird nur mit der Unterstützung der Omas und Opas und den Freunden funktionieren. Ich hoffe auch, dass es sich vereinbaren lässt.

    Schöne Grüße aus dem Mehrlingswahnsinn =)

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