„Mama! Kannst du mal!“ – Protokoll des ganz normalen Wahnsinns von #coronaeltern

Der Computer fährt hoch. Währenddessen: Das Schulkind packt seine Schulsachen aus. Es geht wieder los. Home Office mit parallelem Homeschooling und Unterhalten eines Vorschulkindes und Krippenkindes. Vorhang auf!

„Mama, was ist das Gegenteil von einfach?“

„Schwer.“

„Aber das ist ja schon das Gegenteil von leicht. Ich brauche ein anderes Wort.“

Ich als Journalistin sollte hier drauf eine Antwort geben können. Während ich angestrengt nach einer Lösung für die Deutschhausaufgaben suche, kräht es vom Töpfchen „Mama, hab AA gemacht.“ Beim Töpfchenauskippen rufe ich meinem Schulkind das Wort „schwierig“ zu, während der Mittlere eine Frage zu seiner Legoanleitung hat: „Kannst du mal den Nuppsi abmachen?“

Ich hatte ja schon mal geschrieben: Home Office mit drei Kindern und parallelem Homeschooling erfordert acht Arme und neun Gehirne wie ein Krake.

In der Zwischenzeit sind vier Emails aufgepoppt. Ich schaffe es, zwei davon zu lesen, dann der Schrei: „Mama, sie hat das Wasser ausgekippt!“

„Mama, wie schreibt man desorientiert?“

„Mir ist langweilig! Immer musst du arbeiten!“ Autsch. Das saß. Da ist es wieder, das schlechte Gewissen. Das Gefühl, sich zu zerreißen.

„Mama, kommst du mit in die Küche, ich hab Durst und trau mich nicht alleine.“

„Mama, wo ist mein Anspitzer?“

„Mama, will Maus-Buch lesen.“

Die dritte Email hab ich nun auch endlich gelesen. Um Rückruf wird gebeten. Ich gebe es zu, es bahnt sich ein leicht hysterisches Lachen bei mir an. Telefonieren? Wann? Um 23 Uhr, wenn die Kinder im Bett liegen? Oder etwa jetzt? Die Entscheidung wird mir abgenommen:

„Mama, sie hat mein Auto kaputt gemacht.“

„Nein, nicht schubsen…“ will ich rufen, aber zu spät. Natürlich. Eine Prügelei fehlte ja noch.

Tränen trocknend, lese ich die vierte Email. Schnelle Antwort wird erbeten. Dringende Frage. Mit einer Hand tippe ich „sehr geehrte“ schaffe ich.

„Mama, wieso klebt Apfelmus an meinem Lineal?“

„Weiß ich nicht, wische es doch einfach ab.“

„Geht nicht, ich glaube auch, es ist ein Popel und kein Apfelmus. Mama, komm schnell, da ist ein Popel auf dem Lineal!“

Irgendwie ist die Email dann geschrieben, auf Tippfehler kontrolliere ich nicht mehr, denn ich soll dem Großen beim Aufsatz helfen „schreibe einem Freund einen Brief und schreibe mit möglichst vielen Adjektiven, was du an ihm magst.“

Praktisch, dass ich die Kleine währenddessen einfach stillen kann.

In der Zwischenzeit kamen drei neue Emails, ich schaffe es zwei zu lesen und eine zu beantworten. Die fünf Spam-Emails, die auch noch kommen, muss ich später löschen, denn ein auf Legosteine getretener Fuß muss dringend verarztet werden. Zwischen Pusten und Weiterstillen muss mal wieder der Anspitzer gesucht werden.

Endlich. Am Schreibtisch. Um meine Ruhe zu haben, habe ich die Kleinen kurzerhand vor die „Sendung mit der Maus“ geparkt. Eine halbe Stunde lang Mausclips in Dauerschleife, nur das Törö des blauen Elefanten und das Gekicher der beiden Kindergartenkinder durchbricht die konzentrierte Stille. Ich öffne mein Textprogramm und suche das Briefing für meinen Text raus. Da klingelt das Telefon. Es gibt Leute, die telefonieren noch! Pünktlich in dem Moment, wo ich großzügig sage „ja klar, es passt jetzt“ fängt die Kleine an zu schreien, weil der Mittlere an die Maus gekommen ist und der Mausclip unterbrochen wurde. Und am Schreibtisch des Großen ist nun auch das Radiergummi verschwunden.

Nach dem halbwegs verständlichen Telefonat beschließe ich, das Telefon stumm zu stellen. 13 Minuten telefoniert, drei neue Mails und ein Pöbelkommentar auf meiner Facebookseite, den ich so nicht stehen lassen kann. Immerhin, die Mausclips laufen wieder und das Schulkind hat seine Ausrüstung beisammen und Deutschhausaufgaben beendet.

„Mama, ich hab Hunger!“ ruft es vom Sofa. „Ich auch!“ ruft es vom Schreibtisch. Während ich die Deutschhausaufgaben korrigiere, stelle ich Müsli auf den Esstisch, wische verschüttete Milch auf und helfe, die Wasserflasche zu öffnen. Wische verschüttetes Wasser weg. Hole ein Tuch für die Kleine, die den Joghurt heute mit den Händen essen will. Beantworte mit einer Hand eine Email mit einer ganz dringenden Rückfrage zu einem Text, der eigentlich schon im Druck sein sollte. Esse nebenher Joghurt, wische Joghurt auf und öffne eine neue Milchpackung, bringe die alte zum Gelben Sack. Da biste einmal kurz raus aus dem Raum und…

„Mama, sie hat mir ins Ohr gekniffen!“ schallt es durchs Haus.

„Mama, da sind zu viele Haferflocken im Müsli.“

„Muss Pipi!“ Sprint zum Töpfchen. Gerade noch geschafft.

„Ich will aber Topf ausleeren! Nein, alleine machen!“

Ich müsste jetzt auch mal auf Klo. Geht nicht. Erst noch mal…

„Mama, er hat mir die Zunge rausgestreckt.“

„Mein Löffel ist dreckig!“

„Wieso haben wir keinen Saft mehr?“

Zwischendrin eine Runde stillen. Bis „Mama, ich will jetzt Mathe machen.“

„Kannst du das nicht schon mal alleine machen?“

„Ich weiß nicht, wie das geht!“

Während ich halbschriftliche Division erkläre, erklärt mir der Mittlere nebenher, dass seine Legoburg einen Hohlraum hat. Schon wieder neue Emails. Ach Mist, die ersten drei von heute morgen habe ich noch gar nicht beantwortet Diese von gestern wie es aussieht auch nicht „Liebe Nathalie, du hast meine Email von gestern sicher übersehen…“ ja. Und nicht nur diese. Achja. Auf Klo müsste ich jetzt wirklich mal ganz dringend.

Home Office mit Kindern. Am Ende des Tages bleibt das Gefühl von Zerrissenheit. Das Gefühl, nichts und niemanden gerecht zu werden. Dem Schulkind. Dem Krippenkind. Dem Vorschulkind. Mir selbst. Ach und da wäre noch der Haushalt. In dem außer dem Nötigsten alle Arbeiten ruhen. Man muss Prioritäten setzen.  Auch beim Arbeiten. Projekte ohne Deadline schiebe ich auf. Auf wann? Irgendwann. tbd, wie man so schön sagt. Es sind mittlerweile sehr viele Projekte, die sich auf diesem to be dated-Berg stapeln.

Wie es weitergeht? Keine Ahnung. Das bringt der nächste Tag. Tag für Tag. Schritt für Schritt. Die fehlende zeitliche Perspektive macht mich wahnsinnig. Manchmal. Denn meistens denke ich nicht drüber nach. Weil die Zeit fehlt. Die Ruhe. Weil es wohl auch besser so ist.

Wir müssen da jetzt durch. Ein kleiner Trost: Es geht ja nicht nur mir so. Wir sitzen alle im selben Boot. Und brauchen doch jeder andere Hilfe und Unterstützung. Weil wir alle in anderen Situationen sind. Und doch alle kurz vorm Verzweifeln. Herausforderung ist vorsichtig ausgedrückt.

Klar ist, dass wir die Zähne zusammenbeißen müssen.

Manche mehr als andere. Wir etwas mehr, da mein Mann zur Risikogruppe gehört und wir deshalb besonders aufpassen müssen. Alle Kontakte zur Außenwelt eingestampft haben, nicht mal einkaufen gehen. Und uns auch entschieden haben, die Kleinen vor den Sommerferien nicht mehr in den Kindergarten zu schicken und (wenn es denn gestattet wird, wovon ich aber ausgehe), auch den Großen nicht mehr in die Schule zu schicken, sondern zuhause weiter zu unterrichten. Um meinen Mann weiter zu schützen. Und ihn weiter bei uns im Haus zu haben, so dass er nicht völlig isoliert werden muss.

Klar. Wir können das nicht ewig so durchhalten. Nach den Sommerferien wird er dann in die Isolation ausziehen. Auch die Kinder haben irgendwann ihr altes Leben, ihre Freunde wieder verdient. Aber solange es geht, wollen wir zusammenbleiben. Ihr seht, schnelle Kindergartenöffnungen sind nicht das, was mir helfen würde. Urlaubsausgleich für Kinderbetreuung auch nicht, als Freiberuflerin muss ich weiterarbeiten, um Geld zu verdienen, Kunden nicht zu verlieren. Und will es auch, denn die Arbeit ist mein Ausgleich für all diesen Wahnsinn hier. Meine einzige Metime in diesen Tagen, auch wenn die Arbeit nur stückchenweise zwischen halbschriftlicher Division, Legotürme bauen und Milchaufwischen statt findet.

Es ist verzwickt. Es gibt keine einfache Lösung. Und niemand, niemand weiß wirklich, was zu tun ist. Die Politiker wissen keine Antwort – weil es keine einfache Antwort gibt. Weil diese Lage so noch nie da war. Weil nicht mal die Virologen eine wirkliche Antwort kennen. Weil sich die Lage immer wieder verändert. Immer neue Studien kommen. Alten widersprechen, andere bestätigen. Es gibt keine pauschale Lösung, die uns Eltern allen gleichermaßen hilft. Man könnte fast sagen, es ist hoffnungslos. Aber so fatal bin ich nicht. Irgendwo gibt es Hoffnung. Die Sommerferien. Ohne Hausaufgaben. Mit weniger Arbeit. Darauf steuere ich hin. Man braucht dieses Licht am Horizont, um nicht verrückt zu werden in diesen Tagen. Mein tägliches Akkuaufladen sind unsere Spaziergänge im Wald oder am Strand. Wenn es Arbeit und Schulaufgaben zulassen.

Noch reicht die Energie, noch tankt der Akku auf. Aber wie lange noch? Ich weiß es nicht. Da ich auch nicht weiß, wie lange diese Ausnahmezustand aushält, kann ich auch nicht sagen, ob der Akku reicht. Alles, was ich sagen kann: Ich möchte, dass wir Eltern gehört werden von den Politikern und nicht einfach hintenüber fallen. Und dass man unsere Kinder nicht vergisst, die noch weniger gehört werden als wir selbst.

Es geht weiter. Irgendwie. Jeden Tag.

Nun entschuldigt mich, mein Typ wird gefragt. „Mama, kommst du mal!“

(wie dieser Text getippt wurde? Einhändig stillend. Mit so vielen Unterbrechungen, dass ich nicht mehr mitgezählt habe)

Kennt Ihr mein Kochbuch? „Das Familienkochbuch für nicht perfekte Mütter“ – dort findet Ihr viele weitere Rezepte – unkompliziert nachzukochen und zu backen!

Kennt Ihr auch  meine anderen Bücher?

 „Afterwork Familie: Wie du mit wenig Zeit dich und deine Familie glücklich machst.“

Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder.“

Und mein Kinderbuch: Der Blaubeerwichtel

Willkommen bei der ganznormalenMama! Wollt Ihr familienfreundliche Reisetipps? Oder kinderleichte Rezepte? Oder Lustiges, Nachdenkliches aus dem Mamaalltag? Dann stöbert im Archiv und folgt mir auf Facebook, bei Instagram oder Pinterest– ich freue mich auf Euch!

2 Kommentare zu “„Mama! Kannst du mal!“ – Protokoll des ganz normalen Wahnsinns von #coronaeltern

  1. Und bei dem ganzen Stress und Wahnsinn schaffst du es noch, das Chaos samt Alltagskomik so festzuhalten, dass man trotz allem schmunzeln muss! Fühl dich umarmt! Herzliche Grüsse aus der Schweiz <3

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