Was der Corona-Lockdown mit mir macht – mein Gedankenkarussell

Und auf einmal bist Du Teil eines Filmes. Einer dieser Katastrophenfilme, in denen Menschen in Schutzanzügen auf den Straßen herumlaufen und sich niemand mehr vor die Tür traut. Es ist ja nicht so, dass es alles überraschend kam. Die Bilder aus China und Italien haben einen ja irgendwie vorbereitet. Aber das ist das Ding mit exponentiellen Kurven: Es beginnt harmlos und zack explodieren die Zahlen. Diese trügerische Ruhe am Anfang hat uns in falscher Sicherheit gewogen. Und dann überschlugen sich die Ereignisse. Die Welt, wie wir sie kannten, war auf einmal nicht mehr dieselbe. Das Tempo, in dem sich unser bisheriges Leben auf den Kopf stellte, überrumpelte mich – dabei hätten wir es ja wissen müssen: China und Italien hatten es uns ja vorgemacht. Das Virus näherte sich, Experten warnten und es wenn man ein bisschen in Mathe aufgepasst hatte, war es klar, dass die Krankenzahlen auch bei uns ganz plötzlich in die Höhe schießen würden. Trotzdem hätte ich mir diese Situation nie vorstellen können. Hätte ich in einem Endzeitthriller darüber gelesen, ich hätte gesagt: „Völlig überzogen.“ Grenzen dicht? Sogar innerhalb Deutschlands? Nie im Leben. Nicht in unserer Welt. Klopapier ausverkauft? Ich hätte dem Autor einen Vogel gezeigt. Tja. Und da sitzen wir nun. Seit drei Wochen. Und von der Welt, wie wir sie kannten, sind nur noch Fragmente übrig. Verrückt? Völlig verrückt. Und fast am verrücktesten ist, wie schnell wir uns an all diesen Wahnsinn gewöhnen.

Wenn ich im Fernsehen oder in Büchern Bilder von Menschen in Restaurants sehe, von Menschen, die in den Urlaub fliegen oder von Kindern auf dem Spielplatz oder in der Schule, dann kommt  es mir so unwirklich vor. Ist dieser Alltag wirklich erst drei Wochen her? Diese Normalität? Ist es erst drei Wochen her, dass ich mit meinem Sohn beim Schwimmkurs war? Dass mein großer Sohn in der Schule die Ergebnisse seiner Projektwoche präsentierte – mit Chorauftritt, vielen Besuchern, viel Gedrängel? Vor vier Wochen las ich in einer kleinen Buchhandlung aus meinem Buch „Afterwork Familie“ – da war das Virus schon, schon nahe, aber nie hätte ich mir träumen lassen, dass schon eine Woche später so eine Lesung gar nicht mehr möglich gewesen wäre. Dass Veranstaltungen abgesagt werden, Theater geschlossen, Schwimmbäder, überhaupt: eigentlich alles. Erst vor einem Monat war ich mit den Kindern bei meinem Vater in Finnland – und nun  sind die Grenzen dicht, auf unabsehbare Zeit und ich werde meinen Vater vorerst nicht sehen können. Nie, nie, nie hätte ich gedacht, dass man nicht mehr innerhalb Europas reisen kann. Schon gar nicht in Friedenszeiten. Und auf einmal ist das Alltag. Und man hat sich irgendwie dran gewöhnt.

Dabei sind ja sogar die Grenzen zwischen Bundesländern dicht! In unser Bundesland Schleswig-Holstein darf man nicht mehr einreisen. An der alten DDR-Grenze hinter Lübeck kontrollieren sie. Wir Schleswig-Holsteiner dürfen nicht mehr an unseren Lieblingsstrand in Mecklenburg-Vorpommern. Und wir Lübecker dürfen nicht in unsere Zweitwohnung nach Maasholm an der Schlei reisen, nicht mal innerhalb des Bundeslandes ist es erlaubt. Das ist doch völlig verrückt! Es ist eigentlich nicht zu fassen.

Und doch haben wir uns irgendwie damit arrangiert.

Weil es nicht anders geht.

Weil es das einzige ist, was uns vor noch Schlimmeren schützt.

Das Zeitgefühl verschwimmt in diesen Tagen. Welchen Wochentag haben wir? Wann ist eigentlich Ostern? Wann muss die Mülltonne vors Haus? Es spielt alles irgendwie keine Rolle mehr in diesen Tagen, die so gleichförmig ablaufen. Wir schlafen aus. Jeden Tag. (dafür gehen meine Kinder auch abends erst mit mir ins Bett) Frühstücken lange. Dann sitze ich am Schreibtisch. Irgendwie im riesigen Spagat zwischen Arbeit und drei Kindern gerecht werden. Ein Glück sind jetzt Osterferien und zumindest das Home Schooling fällt weg, so dass ich jetzt nur noch zwei Rollen habe: Mama und Journalistin. Zumindest die nächsten zwei Wochen muss ich keine Lehrerin mehr sein. Wer weiß, was dann kommt, ich glaube nicht, dass es vor Mai mit der Schule weitergeht.

Eigentlich wollte ich in den Osterferien nicht arbeiten. Denn eigentlich wären wir jetzt in Frankreich, in der Normandie. Eigentlich. Aber der Urlaub fällt flach und da ich in den letzten Wochen wegen besagten Spagats zu nicht wirklich viel gekommen bin, muss ich jetzt am Schreibtisch nachsitzen. Jeden Tag ein bisschen. Wobei ich ja froh sein kann, dass es noch Aufträge gibt, dass ich meine Bücher habe, an denen ich schreiben kann, die immer noch gekauft werden. Das ist schon mal was. In diesen Zeiten, wo vieles so unsicher ist. Wo vielen die Geschäftsgrundlage genommen ist. Wo man heute nicht weiß, wie es morgen, übermorgen, in drei Monaten weitergeht.

Und meine Kinder? Machen es super. Sie vermissen ihre Freunde. Der beste Freund meines Mittleren wohnt direkt nebenan. Die Kinder unterhalten sich durchs Fenster, mit dem gebührenden Abstand. Aber auch sie arrangieren sich. Da wir auch in den Ferien immer alle zusammen sind und Urlaub sowieso nie in großen Hotelanlagen sondern nur untereinander machen, ist es für sie nicht groß anders als in den Ferien. Nur ohne Essen gehen. Und da ich als Selbständige schon immer im Home Office gearbeitet habe und in den Ferien oder in den Infektzeiten den Spagat Kinderbetreuung-Arbeit bestens erprobt habe, komme ich auch damit klar. Aber: Es fehlt der Ausgleich. Die Zeit für mich. Die ist grad auf der Strecke geblieben. Wie ich mich danach sehne, einfach mal in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Ohne Unterbrechung einen Text zu schreiben. Einfach mal in einer Zeitschrift zu blättern. Oder ganz banal: zu duschen, ohne dass jemand ins Bad stolpert.

Stattdessen: Mama in der Dauerschleife. Egal, ob Papa sowieso in der Küche ist. Mama soll das Brot schmieren, Pfannkuchen machen oder bei den Hausaufgaben helfen. Der kleine Ausflug zum Altpapiercontainer 50 Meter vom Haus entfernt, ist dann fast sowas wie Wellness. Ich alleine mit den alten Tageszeitungen. Niemand, der an meinem Pulli zieht. Ruhe. Highlight des Tages. Man schraubt ja seine Ansprüche runter in diesen Tagen.

Früher habe ich vorm Einschlafen immer eine Stunde gelesen. Heute sitze ich mit den Kindern auf dem Sofa und schaue Kinderfilme. Es gibt Popcorn dazu. Gemütlich ist es. Aber wann ich das letzte Mal einen Erwachsenenfilm gesehen habe? Uff. Lange her.

Wir machen das Beste draus. Sind viel draußen. Im Wald, abseits der Wege. Ein Abenteuer für die Kinder. Machen Picknick statt einzukehren. Essen sowieso den ganzen Tag. Irgendjemand hat immer Hunger! Und ich backe fast jeden Tag. Man braucht viel Süßes in solchen Zeiten. Überhaupt Essen. Das strukturiert den Tag. Diese Tage, die alle irgendwie wie Kaugummi vorbeiziehen und trotzdem gleichzeitig  vorbeirasen.

Diese zeitliche Ungewissheit. Das ist es, was am meisten zerrt. Nicht zu wissen, wann unser altes Leben, wie wir es kannten, wieder zurückkehrt. Ob es überhaupt wieder so etwas wie Normalität in absehbarer Zeit gibt. Wie der Alltag aussehen wird, wenn dieser Spuk vorbei ist. Welche Geschäfte, welche Restaurants werden überlebt haben? (damit es möglichst viele sind, meine Bitte an Euch: Unterstützt sie, die vielen kleinen lokalen Händler, die Restaurants um die Ecke!!!!! Sie brauchen es und wir brauchen sie!). Ich habe Angst vor der größten Wirtschaftskrise, die es in den letzten Jahrzehnten gab, vor den Auswirkungen dieser Wirtschaftskrise, die vor uns allen nicht halt machen werden. Ich habe Angst davor, was mit unserer Gesellschaft passiert. Das Denunziantenverhalten vieler in diesen Lockdown-Zeiten macht mir Angst und weckt ungute Erinnerungen in mir. Genau wie das andere Extrem, die, die sich bewusst über die Einschränkungen hinwegsetzen und null Rücksicht auf die Risikogruppen nehmen. In der Krise zeigt der Mensch seinen wahren Charakter, sagte einst der von mir sehr geschätzte Helmut Schmidt. Recht hat er.

Ich weiß nicht, in was für einer Welt wir nach der Krise leben werden. Aber ich hoffe, dass wir die Chance ergreifen und diese Zäsur nutzen, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Aber ich mache mir auch Sorgen.

Nicht zu wissen, wie und wann es weitergeht, das macht mir zu schaffen. Ich lese viele Nachrichten in diesen Tagen und das tut nicht immer gut. Denn je mehr ich lese, umso mehr wird mir bewusst, wie wenig man weiß. Und wie ungewiss vieles ist. Und wie lange diese Ausnahmesituation noch sein kann. Und welche Folgen sie haben kann.

Die besten Tage sind die, an denen ich so wenig wie möglich aufs Handy schaue. Nur nachts, dann kommen die Gedanken. Die Sorgen.

Aber eine Gefühl, ein Gefühl bleibt aus: Das Gefühl, etwas zu verpassen. Denn es gibt ja nichts zu verpassen. Weil alle in derselben Situation sind. Weltweit. Die Welt steht still. Und irgendwie doch nicht. Aber das Gefühl, ich verpasse jetzt etwas, das kommt nicht auf.

Denn das Wichtigste, das habe ich jeden Tag um mich: Meine Liebsten. Meine Kinder, mit denen ich, egal wie anstrengend die Tage sind, egal, wie mir die Beine vom täglichen Home Office Spagat wehtun, am liebsten zusammen bin. Wir genießen die Zeit. Ich bin dankbar für die Zeit mit ihnen. Nur meine Eltern fehlen mir. Und hier und da der Kaffee mit der Freundin. Aber das wird alles nachgeholt. Ich hoffe auf den Sommer. Wenn wir uns alle jetzt zusammenreißen. Dann kommt sie irgendwann wieder die Normalität. Und wird sich merkwürdig anfühlen. Ganz zart werde ich mich wieder an sie herantasten. Und wisst ihr was? Groteskerweise freue ich mich echt auf sowas Banales wie einen Supermarkteinkauf, ganz in Ruhe, ohne Sorgen. Verrückt. Und damit sowas Verrücktes wieder möglich ist: Lasst uns jetzt zusammenhalten, indem wir uns voneinander fernhalten!

Kennt Ihr mein Kochbuch? „Das Familienkochbuch für nicht perfekte Mütter“ – dort findet Ihr viele weitere Rezepte – unkompliziert nachzukochen und zu backen!

Kennt Ihr auch  meine anderen Bücher?

 „Afterwork Familie: Wie du mit wenig Zeit dich und deine Familie glücklich machst.“

Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder.“

Und mein Kinderbuch: Der Blaubeerwichtel

Willkommen bei der ganznormalenMama! Wollt Ihr familienfreundliche Reisetipps? Oder kinderleichte Rezepte? Oder Lustiges, Nachdenkliches aus dem Mamaalltag? Dann stöbert im Archiv und folgt mir auf Facebook, bei Instagram oder Pinterest– ich freue mich auf Euch!

2 Kommentare zu “Was der Corona-Lockdown mit mir macht – mein Gedankenkarussell

  1. Danke, dass du deine Gedanken so mit uns teilst :) Es tut mir irgendwie gut zu lesen, wie andere mit der Situation umgehen. Dass jeder so seine positiven Momente findet.

    Auf einen „normalen“ Einkauf freue ich mich auch. Gerade ist das echt schlimm…
    LG Lexa

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