Mein Tanzbereich – dein Tanzbereich! Es könnte so einfach sein.

Bis vor ein paar Jahren gab es ein Wort in meinem Sprachgebrauch eigentlich so gut wie nie: Übergriffig. Ich benutzte es nie. Ich las es nie. Es war so ein Wort, das zwar da war, aber irgendwie nicht so richtig. Es gehörte eindeutig zum passiven Wortschatz. So wie „ruchbar werden“. Liest man nie, benutzt man nie. Ist mit „ruchbar werden“ immer noch so. Mit dem Begriff „übergriffig“ leider nicht mehr. Ich kann noch ziemlich genau sagen, wann die Trendwende kam. Nämlich: Vor 9 Jahren. Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Denn bereits mit der Schwangerschaft begann ich zu spüren, was übergriffig bedeutet. Und nein, es war nicht das Kind in meinem Bauch, sondern die Umwelt. Die anfing, sich einzumischen. Nicht nur subtil und nett. Sondern ebenso, wie die Definition von „übergriffig“ im Duden ist: aggressiv, lästig, aufdringlich, lästig, penetrant, zudringlich. Die Wahl des Geburtskrankenhauses, der Inhalt meiner Kliniktasche, die Ernährung in der Schwangerschaft waren, so schien es, ein Problem der Außenwelt geworden, anstatt meine persönliche Entscheidung. Ich hatte aber keine Ahnung, wie sich das noch steigern konnte. Nämlich als das Kind dann da war!

Was du stillst noch?

Aber das Kind braucht doch eine Mütze!

Sie müssen dem Kind Wollsocken überziehen bei dem Wetter.

Ist es jetzt nicht zu alt zum Tragen?

So langsam wird es Zeit fürs Töpfchen.

Selbst gemachter Brei ist am besten.

BLW ist am besten fürs Kind.

Bloß keine Kuhmilch fürs Kind!

Jeden Tag ein Glas Milch für gesunde Knochen!

Wieso hat das Kind bei dem Wetter keinen Schneeanzug an?

Jetzt wird es aber auch Zeit fürs eigene Bettchen.

Die U-3-Betreuung schadet dem Kind.

Wenn du nicht sofort nach einem Jahr Elternzeit wieder Vollzeit arbeitest, landest du in der Altersarmut.

Plastikspielzeug schränkt die Kreativität des Kindes ein.

Die Geschichte vom Weihnachtsmann zerstört das Vertrauen des Kindes.

Ich könnte die Liste endlos weiterführen! Aber: Die meiste Übergriffigkeit begegnet mir nicht im Alltag mit den „echten“ Menschen aus Fleisch und Blut. Da kommt mal ein „Das Kind braucht doch eine Mütze“, das ich echt gut weglächeln kann (was mehr bringt als jedes Argumentieren, denn das ist eh für die Katz und kostet nur Energie, die wir dringend für andere Sachen brauchen!). Das nervt manchmal, tut aber nicht weh. Vieles im Alltag kann ich auch gut überhören. Die wahre Übergriffigkeit aber, eine hemmungslose, wie die Dudendefinition aggressive Übergriffigkeit, die begegnete mir im Internet! Was im „echten“ Leben, wenn man sich Aug‘ zu Aug‘ gegenübersteht, noch zurückhaltend formuliert wird und oft allenfalls in hochgezogene Augenbrauen und hinter dem Rücken lästern formuliert wird (wobei das auch echt nervt), wird im Internet einfach mal herausposaunt. Und zwar ohne Rücksicht. Ohne nette  Verpackung. Sondern verletzend. Besserwisserisch. Missionarisch. Aufdringlich. Aggressiv. Eben: übergriffig.

Das eigene Leben wird als Nonplusultra genommen, als absolutistisches Etwas, das das einzig Wahre ist. Und die Tatsache, dass es vielleicht weitere Wege, Wahrheiten, Möglichkeiten gibt, erschüttern das Weltbild so sehr, bringen das eigene Ego so in Schwierigkeiten, dass man mit noch mehr Absolutismus, noch mehr Übergriffigkeit reagiert. Auch als Selbstschutz. Um nicht ins Wanken zu geraten, um sich nicht vor sich selbst zu verteidigen.

Dabei könnte es so einfach sein.

Mein Tanzbereich. Dein Tanzbereich.

Wir haben alle unsere Tanzbereiche. Und die sollten wir respektieren. Genauso wie die Tanzstile der anderen. Die eine tanzt wild und schlaksig und wirbelt über die Tanzfläche. Die andere wiegt sich verträumt hin und her. Wieder eine andere hampelt von einem Fuß auf den anderen, nicht im Takt, aber glücklich. Und wieder eine andere macht erstklassige Jazzdance-Moves, während die daneben in bester Heavy-Metal-Manier ihre Haare schwenkt.

Wie langweilig wäre es, wenn wir alle dieselben Schritte machen würden. Und auch wenn mal jemand aus dem Takt ist, ist das kein Weltuntergang. Denn unser Leben ist keine Tanzformation. Die Welt ist keine Tanzwettbewerbsbühne. Wir haben alle unsere eigenen Choreographien, in denen wir uns mit unseren Kindern bewegen. Choreographien, die nicht starr sind, sondern sich immer wieder anpassen, an den Rhythmus des Lebens, an den Puls, der in uns schlägt. Mal schneller, mal langsamer, denn wir sind schließlich lebendig, das Leben bringt uns mal aus der Puste und mal zur Ruhe. So wie gute Musik.

Mein Tanzbereich. Dein Tanzbereich. Ist doch eigentlich ganz einfach. Könnte es jedenfalls sein.

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Kennt Ihr schon meine Bücher?

 „Afterwork Familie: Wie du mit wenig Zeit dich und deine Familie glücklich machst.“

Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder.“

Und mein Kinderbuch: Der Blaubeerwichtel

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2 Kommentare zu “Mein Tanzbereich – dein Tanzbereich! Es könnte so einfach sein.

  1. Liebe Nathalie,
    das klingt wirklich seeehr anstrengend. Ich finde es live schon nervig, wie muss es dann erst im Internet sein. Das tut mir sehr Leid. Verstehen kann ich es gar nicht, aber ich hoffe, dass Du darüber nicht deinen Optimismus, deinen Humor, deine Lebenskraft verlierst, die ich so schätze und so gerne hier lese. Ich möchte mir immer wieder eine kleine Scheibe davon abschneiden. Vielen Dank, dass Du dein Leben hier trotzdem mit uns teilst!

  2. Ach ja, das wird wohl ein Dauerthema bleiben und ja, es nervt mich auch tierisch… Es ist schon speziell, dass alle glauben, sie wüssten alles besser – insbesondere bei allem, was Kinder angeht. Wie kann das denn sein, wenn man keine Hintergründe kennt? Ja, Weglächeln ist oft das beste, kostet aber auch Kraft.
    Viele Grüße, Becky

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