2019: Gut, dass Du vorbei bist.

Das Jahr 2019 ist um. Endlich. Es ist gut, dass das Jahr abgeschlossen ist. Es ist Zeit, dass ein neues Jahr beginnt. Ein unbeschriebenes Blatt, das vor uns liegt, ein Jahr, das hoffentlich die Normalität, die Leichtigkeit in unseren Alltag zurückbringt. Denn 2019 war dominiert von der Krebserkrankung meines Mannes, die immer und immer wieder zurückkam, diversen Therapien trotzte. Kurz vorm Jahreswechsel erfuhren wir von seinem Rezidiv (Rückfall), das viel zu schnell kam, und uns war von Anfang an klar, was auf dem Spiel stand. 2019 war das Jahr, in dem mein Mann viel zu viel Zeit im Krankenhaus fernab der Familie verbrachte. Es war auch das Jahr, in dem die Kinder zu viel Zeit in Krankenhäusern verbrachten, in Spielecken warten mussten, bis ich aus dem Krankenzimmer meines Mannes zurückkam. 2019 war das Jahr des Wartens, Bangens, Hoffens, das Jahr, in dem der Krebs permanent bei uns war. Ein Jahr der Angst, der Prüfungen.  Und der Rückschläge und enttäuschten Hoffnungen. Zweimal war mein Mann in Heidelberg für die ganz neue vielversprechende CAR-T-Therapie, in die wir so viele Hoffnungen steckten. Hoffnungen, die nach kürzester Zeit zunichte gemacht wurden. Weil der Krebs immer wieder zurückkam. Viel zu viel Platz in unserem Alltag einnahm, auch im Alltag der Kinder, obwohl wir versuchte, so viele Momente der Normalität, so viel Familienmomente wie möglich einzubauen. Aber 2019 war auch das Jahr, in dem das Leben meines Mannes gerettet wurde. Denn die Stammzellentransplantation in Hamburg im August brachte die Wende. Der Krebs ist bisher nicht zurückgekehrt, so lange hat er meinen Mann noch nie in Ruhe gelassen. Und deshalb schaue ich trotz aller Widrigkeiten dankbar in das vergangene Jahr zurück.

Es haben viele von Euch gefragt, viele liebe Emails habe ich bekommen und deshalab möchte ich Euch auf dem Laufenden halten. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass das vergangene Jahr unser schwerstes Jahr war. Ein Jahr, das uns an unsere Grenzen brachte, jeden auf seine Art und Weise. Ein Jahr voller Sorgen und Gedanken, die man sich nicht  machen möchte. Ein Jahr, in dem ich medizinische Fakten lernte, mit denen man sich eigentlich nicht auseinandersetzen möchte. Wenn ich so zurückblicke, dann frage ich mich, wie wir das alles überstanden haben , ohne Nervenzusammenbruch, ohne Zusammenklappen, ohne den Kopf und den Mut völlig zu verlieren. Denn, das, was uns das Leben in diesem Jahr abverlangt hat, war eigentlich zu viel. Und trotzdem haben wir es einigermaßen heil überstanden. Und das auch noch, ohne den Mut und den Humor zu verlieren. Wir haben die schönen Momente konserviert, ausgekostet, damit die dunklen Momente nicht die Überhand gewinnen. Schon allein für die Kinder konnte ich meinen Kopf nicht in den Sand stecken, durfte ich mein Lachen nicht verlieren. Und wir haben unser Lachen nicht verloren. Aber: Es hat seine Leichtigkeit verloren, die ist irgendwo auf der Strecke geblieben. Wenn ich Menschengruppen sehe, die laut und herzhaft lachen, dann durchzuckt mich jedes Mal ein Stich: Denn so ein lautes, herzhaftes und ungezwungenes Lachen gab es hier im Hause viel zu lange nicht. Laut und herzhaft lachen? Das möchte ich endlich mal wieder. Und ich möchte meinen Mann endlich mal wieder so lachen hören.

Aber trotzdem möchte ich auf 2019 nicht verbittert zurückschauen. Ich bin so eine Art chronische Optimistin, ich kann nicht anders. Ich hatte die Hoffnung nie verloren, irgendwo in mir drin, war mir klar, dass es irgendwie gut ausgehen wird. Gut ausgehen muss. Denn es war ein Geschenk, dass in der Familie meines Mannes ein geeigneter Spender für die Stammzellentransplantation (früher: Knochenmarktransplantation) gefunden wurde (seid Ihr bei der DKMS registriert? Falls nicht, registriert Euch hier schnell und unkompliziert, denn viel zu viele sind noch auf der Suche nach einem Stammzellenspender!). Die Stammzellentransplantation liegt nun vier Monate zurück und bisher ist mein Mann krebsfrei. Es hat gewirkt! Die Nebenwirkungen waren wie erwartet heftig, aber das Ergebnis ist bisher so, wie wir es erhofft hatten.

Die Normalität ist damit jedoch noch nicht zu uns zurückgekehrt. Und wird auch noch einige Monate auf sich warten lassen. Nicht nur muss mein Mann erst einmal wieder zu Kräften kommen, er hat die ganze Palette an Nebenwirkungen mitgenommen, 20 Kilo verloren. Durch die Immunsuppression (unterdrücktes Immunsystem), die mit so einer Stammzellentransplantation einhergeht, sind muss mein Mann noch auf vieles achten, darf nicht alles essen, darf keine Haushaltstätigkeiten wie Staubsaugen oder Müllrausbringen machen, keine Gartenarbeit, kein Putzen, darf nicht beim Wickeln der Kleinen helfen und muss sich von den Kindern, wenn sie erkältet sind (und das sind sie zu dieser Jahreszeit eigentlich ständig…) fernhalten und darf noch nicht unter Menschengruppen, in Restaurants, ins Theater, in den Kindergarten und und und, die Liste ist lang, was beachtet werden muss.

Mit zum Chorauftritt des Großen? Darf er nicht. Zur Kindergarten-Adventsfeier? Auch nicht. Nicht ins Hotel, nicht ins Schwimmbad, nicht auf den Weihnachtsmarkt. Freunde der Kinder dürfen uns nur besuchen, wenn sie ganz gesund sind und nicht das geringste Anzeichen eines Infektes haben. Ich sehne mich danach, eine große Runde, Freunde einzuladen, mit vielen Kindern, die hier im Haus umhertoben. Ich möchte endlich mal wieder mit der ganzen Familie reisen, nicht nur mit den Kindern, endlich wieder planen, nicht mehr nur auf Sicht fahren. Wir sind ein Stück isoliert, mein Mann noch mehr als die Kinder und ich, aber diese Isolation geht auch an uns nicht vorbei. Sie zerrt an den Nerven, wiegt an manchen Tagen schwerer als an anderen, ist immer da, lässt sich nicht abschütteln. Und dann die ganze Zeit kreist bei mir im Hinterkopf der eine Gedanke „ich darf nicht ausfallen“. Und tatsächlich bin ich bisher nicht ausgefallen, aber es gab viel zu viele Tage, an denen ich einfach nur funktionierte.

Wann das Reisen, Essengehen, Freunde einladen, die Zukunft planen wieder möglich ist? Es wird noch eine Weile dauern. Desinfektionsmittel und Mundschutz sind Teil unseres Alltags und werden es noch eine Weile bleiben.

Aber: Es ist erstaunlich, wie schnell auch das alles zur Normalität wird. Und wie schnell sich Kinder an diese Umstände gewöhnen. Und, wenn am Ende der Krebs besiegt ist, dann ist es all diese verdammten Umstände wert, auch wenn sie mich oft genug an meine eigenen Grenzen bringen.

Und deshalb schaue ich ohne Bitterkeit auf 2019 zurück. Denn trotz aller Sorgen hatten wir schöne Momente, die bleiben. Momente, in denen wir lachen konnten. Und wenn ich die Fotos aus dem Jahr anschaue, dann sehe ich trotz allem viele Bilder, auf denen wir lachen. Auf denen die Kinder unbeschwert blicken und Quatsch machen. Und ja, ich finde, diese Momente braucht man. Und darf dann auch kein schlechtes Gewissen haben! Klar, manchmal dachte ich: Darf ich jetzt eigentlich so unbeschwert mit meinen Kindern lachen und Quatsch machen, während das Leben meines Mannes auf dem Spiel steht? Und beschloss: Ja. Es muss sogar sein. Was wäre unser Leben ohne unseren Humor?! Was hätte es gebracht, wenn wir das gesamte Jahr mit Trauerkloßmiene hier herumgesessen hätten? Es hätte meinem Mann nicht geholfen, wenn ich meinen Optimismus verloren hätte.

Meine Kinder haben verdammt noch mal ein Zuhause verdient, in dem gelacht wird, in dem sie Kind sein können, Quatsch machen können und Eltern, die mit ihnen lachen. Ich glaube, ohne solche Momente wären wir hier kurz über lang durchgedreht, wäre hier einiges auf der Strecke geblieben. Ich hoffe, ich konnte die vielen Sorgen und negativen Gedanken im vergangenen Jahr soweit es ging, von den Kindern fernhalten, ihnen so viele Momente wie möglich bieten, in denen sie unbeschwert Kinder sein konnten.

Es ist gut, dass 2019 vorbei ist. Dass ein neues Jahr beginnt. In das ich hoffnungsvoll blicke. Von dem ich hoffe, dass es uns nur Gutes bringt, dass wir endlich mal Glück haben, die Leichtigkeit zurückkehrt und nach und nach die Normalität wieder einkehrt. Ich habe Silvester und dem Jahreswechsel sonst nie viel Bedeutung beigemessen, für mich war es  sonst einfach nur ein neuer Tag, der begann. Aber dieses Mal sehe ich es als Wendepunkt, als Neubeginn. Ein unbeschriebenes Blatt. Wir beschreiben es neu und zwar so, wie wir es wollen. Es wird gut gehen. Es muss gut gehen. Wir lassen uns den Mut nicht nehmen. Wir haben es so weit geschafft. Und werden es nun noch viel mehr schaffen. 

 

12 Kommentare zu “2019: Gut, dass Du vorbei bist.

  1. Mir wurde gerade dieser Artikel von Dir vorgeschlagen, und obwohl ich dich nicht kenne und in diesem Artikel so viel Optimismus steckt, musste ich bitterlich weinen. Ich wünsche dir, dass du trotz allem noch genug Optimismus übrig hast um Ende des Jahres ähnlich positiv auf 2020 zurück blicken kannst.

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