Wir sehen immer nur einen Ausschnitt und wissen nicht, was außerhalb des Rahmens ist

Ein hübsches Regal, nett dekoriert mit Jugendstil-Vorratsdosen vom Flohmarkt, Wichteln und heimeligen Tassen. Dazu ein paar nette Zeilen über die Gemütlichkeit, die im Advent Einzug hält und dazu der unvermeidliche #hygge-Hashtag. Hat die ihr Haus aber toll dekoriert! So gemütlich, so schick im Skandi-Stil, wohnt die aber toll! Nun, dass direkt unter diesem schönen Regal ein überquellender Altpapierstapel liegt, sieht man nicht auf dem Bild. Dass direkt daneben der ebenso überquellende Wäschekorb steht und der nicht abgeräumte Stapel benutztes Geschirr ebenso wenig. Denn wir sehen nur diesen Ausschnitt. Und wir wissen nie, was außerhalb des Rahmens ist.

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Der hübsch dekorierte Adventskranz in der Mitte des Frühstückstisches mit der Kaffeetasse mit perfektem Milchschaum daneben. Geben die sich Mühe beim Sonntagsfrühstück! Wie klasse! Wie gemütlich! Da gibt es bestimmt auch ein farblich abgestimmtes Obstmandala dazu, einen wie im Restaurant dekorierten Aufschnittteller mit vier Sorten Käse und adrett gefaltete Servietten, die farblich zu den Frühstückstellern passen. Leider nein. Bei uns stapeln sich just neben diesem Bildausschnitt die Plastikpackungen mit der einen Käsesorte sind, das Obst (Apfel und Mandarine, andere Sorten werden verschmäht) ist kreuz und quer kleingeschnitten auf einen Teller geworfen, zwischendrin liegen ein paar Legobausteine auf dem Tisch, eine Tageszeitung und statt saisonal abgestimmten Servietten eine Rolle Haushaltspapier. Wenn drei hungrige Kinder am Tisch sitzen, bleibt keine Zeit für Obstmandalas (die sowieso nicht gewürdigt und im Nu zerstört werden) und Käse aus der Umverpackung nehmen. Klar, ich könnte eine Stunde früher aufstehen, aber ganz ehrlich: Jede Minute Schlaf ist heilig. 
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Bei mir zuhause gibt es viele kleine Ausschnitte, die wirklich repräsentativ aussehen. Man muss nur richtig ranzoomen, die Bildränder beschneiden und mit ein bisschen Bildbearbeitung strahlt dann auch alles im richtigen Licht. Das alltägliche Chaos drumherum wird einfach abgeschnitten. Oder es wird mit einem herzhaften Fußtritt in die andere Ecke des Zimmers befördert, raus aus dem Bildausschnitt. Ich sitze nett lächelnd beim Plätzchenbacken, im Hintergrund das schöne Bild auf der Wand. Familienidylle! Bullerbü! Alle so yeah! Aber zoomt doch mal aus dem Bild raus. Hinter mir stapeln sich nicht ausgepackte Kartons mit Weihnachtsdeko und Kram, der irgendwie keinen Platz hat, ganz abgesehen davon, dass ich grad die Fassung verliere und mit dem Nudelholz auf den viel zu harten Teig eindresche. Echtes Leben halt.

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Ist ja nicht nur bei der Einrichtung so. Bis zur Hüfte sehe ich super aus, aber die zwei verschiedenen Socken und die Babyschnotter auf der schwarzen Hose hab ich abgeschnitten. Mache ich ständig. Oder wascht Ihr Eure Hosen jedes Mal, wenn sie einen kleinen Fleck haben?! Ganz ehrlich, unter uns: Ich habe schon genug zu waschen, dafür fehlen mir Nerven und Zeit und die Umwelt wird auch noch geschont.

Was wir im Internet sehen, ist immer nur ein kleiner Ausschnitt. Vergesst es nicht. Es gibt immer die Welt außerhalb der Bildränder. Das, was keiner zeigen möchte. Das Spielzeugchaos vor der schicken Sofaecke. Die Stapel auf der Arbeitsfläche in der Küche mit den Dingen, von denen man nicht weiß, wo man sie sonst hinlegen soll. Die leeren Tassen auf der Treppe, die man irgendwann mal mit runternimmt in die Küche. Spätestens dann, wenn in der Küche keine sauberen mehr aufzutreiben sind.

Wir bekommen in den sozialen Medien und auch bei vielen Bloggerkollegen nur Ausschnitte präsentiert. Das, was gesehen werden soll. Was uns, unser Haus, unsere Kinder so zeigen soll, wie wir gerne gesehen werden möchte. Alles, was diesen Schein zerstört, wird aus dem Bild geschoben, abgeschnitten. Als wäre es nicht da, nur weil es nicht im Rahmen ist. Es ist aber da, bei jedem von uns. Niemand ist nur das, was im Bildausschnitt ist. Jede von uns hat ihren kleinen Stapel, der von alleine nachwächst. Die einen haben mehr Stapel, die anderen weniger Stapel. Aber es gibt sie! 

Wisst Ihr, was an diesem Zeigen von Bildausschnitten so fatal ist? Wieso die gezeigten Bildausschnitte in den sozialen Medien uns mehr unter Druck setzen (auch unbewusst, und glaubt mir, es ist schwer, sich gegen das Unterbewusste zu wehren!) als zum Beispiel hübsche Bilder in Wohnzeitschriften? Weil wir bei den Zeitschriften wissen, dass es eine gestellte Szene ist. Selbst bei Homestories. Wir wissen, dass dort professionelle Fotografen und Redakteure alles in Szene setzen, das aus dem Bild verbannen, was nicht hineinpasst, dekorieren und ausleuchten. Uns ist klar, dass bei einer Homestory die Dame und der Herr des Hauses vorher aufräumen, putzen und das, was nicht gesehen werden soll,  in Schränke, Keller oder Abstellräume verbannen. Ich liebe es, in Wohnzeitschriften zu blättern und schöne Häuser, Zimmer und Tischdekos anzuschauen. Aber ich weiß, dass es nicht das wirkliche Leben ist, sondern eben ein arrangiertes Bild. Und das ist auch ok so! Diese arrangierten Bilder inspirieren mich für meine kleinen Deko-Inseln inmitten meines täglichen Chaos!

Aber in den sozialen Medien heutzutage wird so getan (nicht immer, aber schon oft genug), als sei es die Wirklichkeit. Als sehe es in privaten Wohn- und Kinderzimmern so aus wie in einer Hochglanzzeitschrift. Hausherrin inklusive. Und das setzt unter Druck, zumindest unterbewusst und oft genug auch bewusst. Wenn da allen Ernstes ein supersauberes, pastellfarbenes und aufgeräumte Kinderzimmer präsentiert wird. Oder, weil man ja schon etwas mehr Authentizität möchte, ganz ausgeflippt dezent ein kleiner pastellfarbender Kasten mit Holzbausteinen (aus heimisch zertifizierten ökologischen Anbau, nachhaltig, versteht sich) auf dem penibel gesaugten Teppich ausgekippt ist und dann in der Bildunterschrift steht: „Ich komme gegen das Chaos nicht mehr an, geht es euch auch so? #mehrrealittätaufinstagram“ Das sind Momente, da frage ich mich, ob es ironisch gemeint ist und stelle ernüchtert fest: Nö. Ist es nicht.

Wieso dieser Schein? Wieso nicht dazu stehen? Dass jemand in dem Haus lebt?!

Ich bin dazu übergangen, mir bei allen allzu perfekten, gestylten Fotos im Internet die Welt außerhalb des Bildausschnitts vorzustellen. Den Wäschekorb neben den Vasen, die zur Seite geschobenen dreckigen Teller in der Küche. Und schon fühle ich mich besser. Denn ich weiß: Was ich da zu sehen bekomme, ist immer nur ein Ausschnitt. Wir sehen nie alles. Wir kennen nicht die ganze Wahrheit und die wirklichen Hintergründe. Was übrigens nicht nur für Deko und Inneneinrichtung gilt. Auch von den Menschen, denen wir im Internet folgen, kennen wir immer nur einen Ausschnitt. Kennen wir nie die ganze Geschichte, alle Hintergründe. Auch wenn wir glauben, sie zu kennen. Wir bekommen nur das zu sehen, das zu lesen, was uns ein bestimmtes Bild vermitteln soll. So ist es übrigens auch bei mir, Ihr Lieben: Ich zeige Euch nur einen Ausschnitt. Es ist nicht alles für die Öffentlichkeit bestimmt, ich habe auch ein Leben jenseits des Blogs und der Instagrambilder – und Stories. Aber, da könnt Ihr Euch sicher sein: Das, was ich zeige, ist echt. Den Ausschnitt, den Ihr zu sehen bekommt, ist ein Ausschnitt aus meinem Leben. Das Drumherum kenne ich nur ich. Aber jeder darf sich vorstellen, was er will :-)

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Und übrigens, es gibt auch Bilder, da sieht es außerhalb des Rahmens so aus wie auf dem Bild. Aber das sind dann die Haushalte, bei denen ich mich ernsthaft frage, ob das abgebildete Kinderzimmer wirklich Kinderzimmer ist oder nur eine Kulisse für die Fotos und in Wirklichkeit ganz woanders gespielt wird. Ihr wisst schon, wie früher mit der guten Stube, in die man nur zu Weihnachten ging und das echte Leben sich in der Küche abspielte.

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Kennt Ihr schon meine Bücher?

 „Afterwork Familie: Wie du mit wenig Zeit dich und deine Familie glücklich machst.“

Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder.“

Und mein Kinderbuch: Der Blaubeerwichtel

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5 Kommentare zu “Wir sehen immer nur einen Ausschnitt und wissen nicht, was außerhalb des Rahmens ist

  1. Also, ich muss gestehen ich sehe so aus wie du beschriebst. Meine Klamotten werden erst nach gefühlten 100 Flecken und wenn ich merke es riecht so langsam gewaschen… *lol* ABER, das Chaos was du zeigst beim „rauszoomen“ das haben wir hier tatsächlich nur an sehr wenigen Momenten des Tages (Kinderzimmer ausgenommen, wobei auch das immer relativ aufgeräumt aussieht, sagen unsere Freunde). Aber das liegt einfach daran, dass mich Unordnung und Chaos total fertig und kirre macht. Wir leben hier und ja alle lassen ihre Sachen überall rumliegen, aber ich bin halt ständig am aufräumen… es ist so, ich gebe es zu. Das ist vielleicht ein Tick, aber anders fühle ich mich einfach nicht wohl. Also, nicht jeder hat komplettes Chaos im Haus und das dauerhaft… Bzw. mein völliges Chaos ist ein anderes als Deins. :) Aber auch das ist gut so! Und das was du mit diesem Artikel sagen willst, will ich so unterschreiben und finde es gut was du mit den Fotos ausdrücken willst.

  2. Oh mein Gott!! Du spricht mir so aus der Seele. Seit ich blogge, wird es tatsächlich immer schlimmer, weil mir immer mehr Accounts ins Auge springen, bei denen es so ekelhaft perfekt aussieht 🤣 Ich mag tatsächlich die authentischen viel lieber. Aber ich stelle auch fest, dass ich immer öfter Stühle zur Seite schiebe, Krümel rüberwische usw., damit das Foto einigermaßen „instatauglichh“ ist. Man lässt sich ja unter Druck setzen. Am schlimmsten ist übrigens die Gesichtsbearbeitung. Boah… Ich mach mich ganz verrückt und bekomme dennoch keine Follower 🤪
    Toller Artikel. Ich lese so gerne deine Beiträge. Und deine Bilder sind immer toll 💞 Eine wunderbare Mischung aus allem. Alles Liebe, Vreni

  3. Oh ja, für Zeitung, Fernsehen und Instagram wird aufgeräumt, extra arrangiert, zurechtgeschoben und ausgeschnitten. Hab ich selbst mal für ne tv Produktion mit meiner wohnung mitgemacht. Wurde gefilmt für eine makler sendung. Die 15 bereits gepackten umzugskisten wurden schnell in den keller geschleppt, leere regalfächer mit den restlichen deko sachen zurecht gerückt und hinterher gabs viele komplimente für das schöne zuhause. Dass es normal viel vollgestopfter war und häufig chaos wusste niemand… seit dem sehe ich einiges kritischer… liebe Grüße

  4. Das ist echt mal ein toller Beitrag!
    Das ist, was man sehen möchte. Menschen die sind wie du und ich.
    Klasse, dass du dich getraut hast.
    Ich wünsche eine schöne und entspannte Woche.
    Liebe Grüße vom Schokodil

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