Alles zu seiner Zeit: Ich habe mich nicht verloren, sondern gefunden!

Auf Instagram lese ich in letzter Zeit immer häufiger den Satz „ich vermisse mein altes Ich“. Es geht darum, sich selbst aus dem Augen verloren zu haben, in all dem Alltagswahnsinn, zwischen dem Brotboxenvorbereiten und Pflasteraufskniekleben (aber nur das mit den grünen Monstern und ja nicht das mit den roten Eulen). Ja, manchmal denke ich es auch: Wo bin ich eigentlich? Wo sind eigentlich meine eigenen Bedürfnisse? Und dann fällt mir die Antwort ein: Ich bin ja da! Ich bin mittendrin! Ich bin hier und jetzt! Ich bin die, die die Brotboxen macht. Ich bin die, die das Pflaster aufklebt. Die mit den Monstern. Oder an ungeraden Tagen die Pflaster mit den Eulen. Das bin ich – und zwar genau hier und jetzt. Nein, ich habe mich nicht aus den Augen verloren, ich sehe mich doch. Hier und jetzt. Klar und deutlich. Natürlich bin ich ein anderes Ich als vor fast neun Jahren, bevor ich zum ersten Mal Mutter wurde. Aber das ist ja auch gut so. Das habe ich ja auch beabsichtigt. Darauf hatte ich mich eingestellt. Muttersein verändert.

Natürlich war mir das Ausmaß nicht bewusst. Und gerade beim ersten Kind knallte es mir an manchen Tagen voll vor den Latz: das ständige Gefühl, fremdbestimmt zu sein. Ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwartet! Aber das haben wohl die meisten von uns nicht, oder? Wir wissen nur: Das Muttersein wird uns verändern. Aber niemand weiß, wie. Ich wusste das mit den schlaflosen Nächten. Aber ich hätte nie gedacht, was dieses permanente Müdesein mit mir macht. Und rückblickend gesehen, hätte ich in der ersten schlaflosen Zeit nie gedacht, dass man sich an diesen Zustand gewöhnen kann. Und tatsächlich irgendwie klarkommt, nach vier Stunden Schlaf (und davon nur zwei Stunden am Stück). Was ich aber vor dem  ersten Kind nie gedacht hätte: Wie sich meine Prioritäten verschieben.

Denn das haben sie. Vor dem ersten Kind reiste ich mehrmals im Jahr durch die Welt und schrieb Reportagen über Frauen und Kinder in Entwicklungsländern. Ich liebte diese Recherchen, ich liebte es, die Welt zu entdecken, dahin zu reisen, wo Touristen nicht unbedingt hinkommen, die Menschen kennenzulernen, für eine Zeit in ihre Welt einzutauchen. Ich konnte mir nicht vorstellen, das zu ändern. Nun, ich wusste, ich würde nicht mehr so oft und lange  reisen können. Aber ich hatte ja meinen Mann und der könnte ja auch einfach einmal im Jahr auf das Kind aufpassen, während ich reise. Und so plante ich noch während der Schwangerschaft die nächsten zwei Recherchereisen. Als mein Großer 14 Monate alt war, ging es 10 Tage nach Peru. Was habe ich vorher gezittert, was fiel mir der Abschied schwer, was habe ich ihn vermisst! Ich stürzte mich auf der Reise in die Arbeit, um mich abzulenken, damit die Zeit schneller vergeht. Und dann führte mich eine Recherche auch noch ausgerechnet in einen Pekip-Kurs in einem kleinen Andendorf (der Text erschien in der Zeitschrift Eltern – hier könnt Ihr ihn hier nachlesen)!

Die zweite Reise, ebenfalls vor dem Kind bereits geplant, führte mich nach Tansania (was ich dort recherchierte, lest Ihr unter anderem hier), da war mein Sohn fast 2 Jahre alt. So alt wie meine Kleine heute. Es war eine tolle, intensive Reise – und vorerst meine letzte Recherchereise. Denn danach wurde ich mit meinem zweiten Sohn schwanger. Und seitdem brachte ich es nicht mehr übers Herz, ohne meine Kinder zu verreisen. Nicht mal eine Nacht! Hätte ich die beiden Recherchereisen nicht schon vor der Geburt meines ersten Kindes fest geplant gehabt, hätte ich sie nicht gemacht. Meine Arbeit hat sich seitdem geändert, so wie ich mich selbst. Ich bin mehr und mehr Richtung Büchern gegangen, erst Unternehmensbiografien, dann Erziehungs- und Mütterratgeber. Und dieser Blog.

Ob ich meine Reisen vermisse? Diese unglaublich anstrengenden und so intensiven, faszinierenden Recherchereisen? Die vielen Begegnungen, die mir mitunter auch sehr nahe gingen?

Ja. Natürlich. Es war genau die journalistische Arbeit, von der ich immer geträumt hatte! Reisen, die Welt entdecken, Menschen kennenlernen und das, was ich sehe, erlebe, beobachte, in Worte fassen: Deshalb bin ich doch Journalistin geworden! Dann dieses gute Gefühl, wenn meine Reportagen die Menschen erreichten und ich diese positiven Rückmeldungen bekam, dass sie etwas für die Entwicklungshilfe spendeten, ihren Lebensstil überdachten. Ich bin ja auch Journalistin geworden aus diesem idealistischen Grund: Um die Welt zu verändern, zum Positiven, um die Menschen zum Nachdenken anzuregen, um auf Dinge hinzuweisen, die man sonst so vielleicht nicht gesehen hätte. Es war ein Leben, in dem ich unabhängig war, das tat, was mir Spaß brachte, in meinem Beruf aufging, der für mich immer mehr war als nur ein Beruf.

Natürlich fehlt es mir.

Aber nur manchmal. Ganz manchmal. Und es tut dabei nicht weh.

Denn ich habe stattdessen ein ganz anderes, so reiches, volles Leben bekommen. Das Leben als Mutter von drei wunderbaren Kindern (die wunderbarsten der Welt, wage ich mal zu behaupten). Ein Leben, was mich vom ersten Moment an, umgehauen hat. Was mehr Überraschungen bringt als jede Reise. Es ist, wenn man so will, eine Reise, die mit der Geburt des ersten Kindes begonnen hat. Eine Reise, die ganz anders ist als die Reisen, die ich vorher machte. Eine Reise, die mich manchmal an meine Grenzen bringt. Die unglaublich intensiv ist. Die unvorhersehbar ist, eine Reise, bei der ich jeden Tag mit ganz neuen Dingen konfrontiert werde. Und eine Reise, bei der ich einfach ich selbst bin.

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Ich habe mich nicht verloren. Ich habe mich gefunden.

Deshalb kann ich ganz eindeutig sagen: Nein, ich vermisse mich nicht. Ich habe mich. Gefunden, in diesem Leben, in dieser Rolle. Ich bin da! Hier und jetzt. Und ich weiß, dass ich mich nicht aus den Augen verlieren kann. Ich habe noch nie so in mir geruht, wie jetzt. Denn durch meine Kinder bin ich erst überhaupt angekommen.

Natürlich bleiben da manchmal Bedürfnisse auf der Strecke. Will ich einen Kaffee in Ruhe trinken, aber eines der Kinder hat was ganz anderes vor. Will ich mir in Ruhe einen Pullover kaufen, aber schlicht keine ruhige Minute dafür. Will ich einfach nur die Tageszeitung lesen, aber drei Kinder wollen ihr Brot geschmiert haben. Will ich einfach nur schlafen, aber irgendjemand ist ja immer um 6  wach.

Aber das sind ja alles keine Gründe, sich selbst aus den Augen zu verlieren. Deshalb bin ich ja immer noch ich.

Denn egal, wie trubelig es ist: Ich bin ja da. Und ich weiß: Es kommen die Momente, in denen ich wieder die Zeit finde. Für den Kaffee in Ruhe. Für das Ausschlafen. Für den überfälligen Friseurtermin. Für einfach nur ich selbst sein, ohne dass jemand an meinem Pulli zieht. Sie kommen stückweise wieder. Manchmal schleichen sie sich ein, ohne dass wir es merken. Aber sie kommen wieder. Und irgendwann reise ich auch wieder. Ohne die Kinder. Oder ich nehme sie mit auf eine Recherchereise, damit sie die Welt sehen, die Welt aus meinen Reporteraugen kennenlernen.

Alles zu seiner Zeit. Indem ich den Zustand einfach annehme, mich nicht aufrege, über das, was schiefläuft, sondern mich über das freue, was gut läuft, was gut tut – dadurch kann ich es akzeptieren, das andere Leben, das ich jetzt führe. Auch wenn es sich komisch anfühlt: Aber dieses turbulente Leben mit Kindern, in dem man manchmal so schnell ist, dass man nicht zum Durchatmen kommt, eben dieses turbulente Leben hat mich ruhiger gemacht.

Ich habe mich nicht verloren, ich habe mich gefunden. Und alles andere – das kommt. Zu seiner Zeit.

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4 Kommentare zu “Alles zu seiner Zeit: Ich habe mich nicht verloren, sondern gefunden!

    • Super schön geschrieben! Und absolut meine Meinung. Ich bin auch der Meinung, dass man sich nicht verliert sondern nur anders “bei sich ist“ mit Kindern als ohne. Und das man sich bewusst werden sollte, das diese Zeit so schnell vorbei ist. Dann kann man sich wieder mehr auf die eigenen Bedürfnisse konzentrieren. Aber man sollte auch im Alltag mit den Kindern den eigenen “Platz“ finden. (Innerlich“)

  1. Welch schöner Artikel. Und deine Gedanken sind tolle Anregungen, wenn ich das Gefühl habe, es wächst mir doch alles über den Kopf

  2. Ein sehr schöner Artikel <3 Ich muss sagen, dass ich gerade bei Kind 1 noch gar nicht das Gefühl hatte, mich verloren zu haben und auch als im Jahr darauf das zweite Kind auf die Welt kam, war zwar alles anstrengend, aber auch neu und spannend. Erst als die Jahre vergingen, wurde mir bewusst: das ist jetzt das Leben. Ich kann nicht mehr mit meinem Mann abends spazieren gehen und das wird jetzt noch ein Weilchen so bleiben. Hinzukommt die Erschöpfung – auch die wird erstmal so bleiben. Trotzdem fühle auch ich mich angekommen. Ich will mein Leben auch nicht auf später verschieben, wo die Kinder größer sind. Ich will jetzt leben und das mache ich, so gut es eben geht :-)

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