„Ich war aber schneller!“ – wenn Kinder sich ständig messen wollen

Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wann es eigentlich begonnen hat. Dieses „höher, schneller, weiter“-Spiel bei meinen Kindern. Ständig geht es darum, wer schneller ist, wer höher springen kann und wer weiter werfen kann. Der höhere Turm muss gebaut werden und am besten noch in der schnellsten  Zeit. Dass der eine zwei Jahre jünger ist als der andere, wird dabei völlig ausgeblendet. Jeder Spaziergang wird zum Wettlauf, jeder Kletterbaum zur Herausforderung, jeder Stein zum Weitwurfcontest benutzt. Meine Kinder messen sich ständig und überall. Und es sei es auch nur dabei, wer am lautesten schreien kann. Manchmal macht es mich wahnsinnig! Es ist ja nicht nur hier zuhause so, da könnte man es als gesunde Geschwisterrivalität abtun, Training fürs weitere Leben, Ihr wisst schon. Aber auch die Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter scheinen ständig in einem Wettbewerb untereinander zu stehen. Auf dem Schulhof und im Kindergarten sind sie ständig am Rangeln, am Raufen und Wettlaufen. Woher kommt das bei Kindern, dieses ständige sich Messen in irgendwas? Ich habe es meinen Kindern ja nicht anerzogen, ganz im Gegenteil.

Um die sowieso angeborene Geschwisterrivalität nicht noch weiter zu schüren, achte ich darauf, sie so wenig wie möglich miteinander zu vergleichen (ganz abgesehen davon, dass sie eh total unterschiedlich sind). Ich sage keine Sätze wie „Schau mal, wie toll dein Bruder sich alleine die Schuhe zubinden kann“ oder „also dein Bruder hat in dem Alter ja schon seinen Namen geschrieben“. (Naja, manchmal sage ich so etwas wie „dein Bruder hat aber richtig toll mitgeholfen, den Geschirrspüler einzuräumen“. Aber das fällt in eine andere Kategorie…finde ich…) Und deshalb sind meine Jungs auch so ein gutes Team, davon bin ich überzeugt, sie halten zusammen, können unglaublich toll miteinander spielen trotz des Altersunterschiedes. Ich gehörte auch nie zu den Müttern, die die die Fähigkeiten ihrer Kinder ständig mit denen anderer Kinder abscannen. Aber, obwohl ich den Wettbewerb nicht schüre, verfallen meine Kinder immer wieder in diese Verhaltensmuster. Und ja nicht nur untereinander, sondern auch im Kindergarten oder auf dem Schulhof.

 

Sich Messen mit anderen: Ganz normal in der kindlichen Entwicklung

Dieses sich Messen scheint tatsächlich angeboren zu  sein – das haben auch mehrere Studien bestätigt und auch Psychologen sprechen davon, dass es ein ganz normaler Prozess in der Entwicklung des Kindes ist. So spricht der Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten davon, dass der Wettbewerb menschlich ist. „Entwicklung der Leistungsmotivation“ nennen Entwicklungspsychologen diesen kindlichen Ehrgeiz. Der tatsächlich auch seinen Sinn hat: Denn er ist ein Antrieb für die Entwicklung, ein Anreiz, sich weiterzuentwickeln, zu lernen. Und es ist der Motor bei der Entwicklung der Selbständigkeit. Weil das Kind mit anderen mithalten will, lernt es, sich alleine die Schuhe anzuziehen oder auf die Toilette zu gehen.

Mit dem Wissen im Hinterkopf „es ist ganz normal und fördert sie in ihrer Entwicklung“ kann ich den ewigen Wettkämpfen ein wenig gelassener zuschauen. Auch wenn einen diese kleinen Wettkämpfe manchmal echt Nerven kosten können. Denn da werden die scheinbar blödsinnigsten Dinge gemessen. Wer kann sich am längsten im Kreis drehen oder wer kann die größten Seifenblasen machen ist da ja noch das harmloseste. Wenn es darum geht, wer am lautesten Pupsgeräusche machen kann, dann gerate auch ich an meine Grenzen.

Auch Raufereien sind bis zum gewissen Grad normal

Noch blöder, wenn dann daraus auch noch handfeste Rangeleien entstehen und sie anfangen, sich umzuschubsen, weil „der hat mir die große Seifenblase kaputt gemacht“. Aus einem anfänglich harmlosen Wettstreit wird dann auf einmal eine echte Prügelei. So schnell kannste gar nicht gucken! Eben noch Friede, Freude, Eierkuchen. Und dann paff geht die Schubserei los. Alles nur, weil der eine die Seifenblase des anderen kaputt gepiekst hat oder der andere dem einen  beim „wer geht am weitesten mit geschlossenen Augen durch den Wald“ einen Schritt voraus war. Manchmal sind es solche Nonsensgründe, dass ich nur noch schreien könnte. Urplötzlich ist die gute Stimmung hin und statt zwei friedlich spielender Kinder hat man zwei Stänkerfritzen neben sich stehen. Nun ja. Mit viel Glück stehen sie da-  meistens hauen und treten sie sich, begleitet von der entsprechenden Geräuschkulisse. Brüder halt!

Bis zum gewissen Grad überlasse ich meine Kinder in solchen Fällen sich selbst, solange keiner ernsthaft verletzt wird jedenfalls. Denn erstens schont  das meine Nerven. Und zweitens sind auch solche Rangeleien und Raufereien ganz normal. Zumindest kleine Raufereien. Wenn die Gewalt nicht ausartet. Es gibt sogar Schulen, habe ich gelesen, an denen es „kontrollierte Raufereien“ gibt. Soweit muss man ja vielleicht nicht gerade gehen, aber jede Rangelei gleich zu unterbinden, sei eher kontraproduktiv, sagen viele Pädagogen und Psychologen übereinstimmend. Viele eher spielerische Rangeleien lösen sich tatsächlich von alleine, das können wir unseren Kindern tatsächlich mehr zutrauen, habe ich beobachtet, auch bei meinen Kindern. Sie lernen und wachsen an solchen kleinen Wettkämpfen, lernen Regeln, lernen, sich mit Stärkeren zu arrangieren, sich zu verteidigen, nicht nur verbal, auch mal körperlich. Wenn sie selbst einen Streit lösen können, dann wachsen sie daran und gewinnen Selbstbewusstsein. Und um eben das zu lernen, müssen sie ja auch die Gelegenheit dazu haben!

Es fällt mir manchmal extrem schwer, nicht sofort laut „lasst das!“ zu rufen, weil es manchmal, ach was, nicht manchmal, sondern häufig (!) echt tierisch auf die Nerven geht. Das Rumgebalge, das Gestänkere. Und ich eigentlich keine Lust habe, dass die vorher noch so schöne Spielatmosphäre einfach mal so zerstört wird, nur weil der eine einen grünen Legostein anstelle eines blauen genommen hat und außerdem eh viel höhere Türme baut als der andere…

Wann ich einschreite? Wie ich sagte, sobald jemand ernsthaft verletzt wird. Und wenn das Kräfteverhältnis arg unfair ist, einer von den Streithähne stark dominiert. Oder ein Kind wirklich nicht mehr will, es nicht mehr lustig findet, aber nicht weiß, wie es das als Spiel begonnene Raufen abbrechen soll. Weshalb ich finde, dass wir die Kinder zwar bis zum gewissen Grad machen lassen sollten – aber sie dabei trotzdem im Auge behalten sollten, um eben solche Signale nicht zu übersehen. Genau sollten wir unsere Kinder ihre Wettkämpfe austragen lassen – aber auch hier ein Auge darauf haben, wann es unfair wird. Wobei bis zum gewissen Grade müssen Kinder auch lernen, mit unfairem Wettbewerb umzugehen. Hey, so ist das Leben! Und besser sie lernen es im Spiel als später im Beruf, oder?!

Nun, ich gebe es zu, das theoretische Wissen ist schön und gut, aber mich bringen diese Wettkämpfe und Rangeleien meiner Kinder manchmal trotzdem echt zur Weißglut… ich meine, wieso zum Teufel kann man nicht einfach einen Turm bauen, ohne darüber zu wetteifern, wer die Bauklötze nun schneller stapelt als der andere?!

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