Wenn Prioritäten setzen nicht mehr ausreicht und selbst der Autopilot streikt

Eigentlich sollte ich mich ja auskennen mit dem Thema Stressprävention. Hab ja sogar ein Buch zu dem Thema geschrieben. Hab ja sogar Workshops darüber gehalten. Kenne mich super aus mit der ganzen Theorie, Zeitmanagement, Paretoprinzip, predige immer wieder, dass man Prioritäten setzen soll, im Haushalt Fünfe grade sein lassen soll und im Notfall einfach mal über sich selbst lachen soll. Ich gebe immer wieder gerne den Tipp, dass man Probleme notfalls auch einfach aussitzen soll, weil sie sich erstaunlich oft von alleine in Luft auflösen. Oh, ich kenne mich übrigens auch super aus mit Entspannungstechniken, kenne die vielen kleinen Tricks, wie man Auszeiten in den Alltag integriert. Aber: Irgendwann geht auch der beste Autopilot nicht mehr. Irgendwann reicht Prioritäten setzen einfach nicht mehr aus – weil es einfach zu viele Prioritäten gibt. Und weniger als nichts kann man im Haushalt auch nicht machen. Der Urlaub liegt eigentlich auch gerade erst eine Woche zurück – der Akku sollte eigentlich voll sein. Aber irgendwann ist auch der beste Akku leer und lässt sich einfach nicht mehr aufladen.

Und da sitze ich und wollte eigentlich einen ganz anderen Text schreiben. Aber stattdessen: Schreibblockade. Einen Satz geschrieben, einen Satz gelöscht. Überschrift gelöscht. Neben den zu schreibenden Texten stapelt sich die Buchhaltung und blickt einen vorwurfsvoll an. Im Drucker liegen Formulare, die eigentlich schon lange ausgefüllt sein müssten. Und die Kinder haben auch noch Ferien und wollen Kakerlakak spielen. Oder Tischkicker. Oder sie hauen sich die Köpfe ein und bewerfen sich mit Legosteinen. Während ich den nächsten Satz schreibe und dabei so lange brauche wie sonst für einen ganzen Text, schreit der leere Kühlschrank danach, aufgefüllt zu werden und im Wäschekorb ist auch schon lange kein Platz mehr.

Seufzend lösche ich den Satz, den ich gerade geschrieben habe und schaue auf den leeren Bildschirm. Die Meute hat Hunger und Durst und überhaupt. Und während ich schnell das Müsli auf den Tisch stelle, feststelle, dass es kein sauberes Geschirr mehr gibt, weil ich vergessen habe, den Geschirrspüler einzustellen, trudeln schon wieder 7 Emails ein, die alle dringend und sofort beantwortet werden müssen. Eigentlich wollte ich auch duschen, aber wisst Ich was: Wenn man nur lange genug nicht die Haare wäscht, dann fetten sie gar nicht mehr so schnell nach, dann löst  sich zumindest dieses Problem von selbst.

Einfach immer weiter machen? Zähne zusammenbeißen? So wie immer? Irgendwann sind die Zähne abgeschliffen. Irgendwann geht es nicht mehr so wie immer, kann man nicht mehr weiter machen. Es wird schon wieder? Ab irgendeinem Punkt ist Aussitzen nicht mehr möglich. Weil es Dinge gibt, die sich nicht in Luft auflösen, wenn man lange genug warten.

Wenn einfach nicht mal mehr Minuten für Me-Time drin sind, dann kann ich mir all meine guten Tipps für kleine Auszeiten, entschuldigt den Ausdruck, sonst wo hinstecken. Wenn die einzige Me-Time die 3 Minuten auf dem Klo sind, bevor irgendeins der Kinder krähenderweise vor der Tür steht, dann läuft irgendwas schief. Gewaltig schief. Das schlaflose Wachliegen am Abend mal nicht dazugerechnet, die ein, zwei Stunden, wenn die Kinder endlich schlafen, die ich mit Lesen verbringe – aber fragt mich nicht, wovon das Buch handelt, das ich auf dem Nachttisch liegen habe. Immerhin hilft es, das Gedankenkarussell zu ignorieren.

Der Stapel ungelesener Zeitschriften im Wohnzimmer mahnt mich täglich, mir mal wieder  fünf Minuten Zeit zu nehmen, um zumindest die bunten Bilder anzuschauen. Immerhin, ich freue mich über kleine Dinge: Wenn ich es schaffe, den Kaffee mal lauwarm statt kalt zu trinken. Sei es auch nur der erste Kaffeeschluck.

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To-Do-Listen habe ich übrigens aufgegeben. Damit auch das Prioritätensetzen. Denn alles hat Priorität eins. Status: bis vorgestern abgeben. Wer braucht eine To-Do-Liste, deren Punkte schneller nachwachsen als sie abgehakt sind?!

Mein Autopilot, der seit einem Jahr aus Gründen bis aufs Heftigste gefordert ist, (und nein, es ist leider noch nicht ausgestanden, ganz im Gegenteil, und wird uns noch lange begleiten) ist scheinbar in die Pilotengewerkschaft eingetreten und hat beschlossen zu streiken. Die Forderung: mehr Selbstliebe, mehr warme Kaffees und einfach mal ein paar Minuten Ruhe, in denen nicht irgendjemand etwas will.

Was mich durch den Tag bringt? Die Aussicht auf den Schulstart. Dann ist vormittags nur noch ein Kind im Haus. Und Ende August kommt auch dieses dritte Kind in den Kindergarten. Dann habe ich wieder Zeit zum Arbeiten, vier, fünf Stunden, die nur mir und meinem Schreibtisch gehören. Bis es soweit ist? Beiße ich die Zähne zusammen und schließe mich hin und wieder auf dem Klo ein. Der Akku läuft auf Notstromaggregat. Und lädt nachts sogar ein bisschen nach.

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9 Kommentare zu “Wenn Prioritäten setzen nicht mehr ausreicht und selbst der Autopilot streikt

  1. Das tut mir so leid für dich. Den Grund dafür vor Augen, kommen mir überhautp die Tränen. Das muss so anstrengend sein. :(
    Aber ganz ehrlich, du hast doch allen Anrecht auf Hilfe? Warum nicht eine Babysitterin besorgen, die ab und zu mit den Kids mal auf den Spielplatz oder ins Eiscafé verschwindet? Und wenn es nur eine oder zwei Stunden sind?
    Und warum keine Haushaltshilfe, die vielleicht mal einmal die Woche alles in Ordnung bringt oder auch nur die Bäder oder die Küche putzt oder auch nur bügelt oder so… also je nach dem was dich am meisten stört?
    Ich verstehe nicht warum so viele Frauen Probleme damit haben sich Hilfe zu holen? Es gibt doch soooo viele Möglichkeiten… und in deiner Situation müsstest du doch sogar von der Krankenkasse etwas bezahlt bekommen, oder?

  2. Kind Nummer drei im Kindergarten … das wird mächtig helfen!!
    Auf den Tag warte ich auch noch!
    Aber im Gegensatz zu dir dauert es bei mir noch n Jahr.
    Halte durch! Du hast es ganz bald geschafft!!

  3. Liebe Nathalie,
    Ich kann dich so gut verstehen! Wir bauen seit mehreren Monaten mit sehr viel Eigenarbeit ein Haus um, wobei sich mal größere, mal kleinere Katastrophen ereignen. Dazu der normale Job, das Kind, das gerne zu den unpassendsten Momenten einen Virus einfängt… langsam reicht es. Ich freue mich schon sehr, wenn wir bald umgezogen sind, das Ende der Mehrfachbelastung ist bei uns also zum Glück absehbar. Drücke dir ganz fest die Daumen, dass es bei euch auch bald wieder bergauf geht! Liebe Grüße aus dem Ruhrgebiet, Daniela

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