Wann sind Kinder zu alt fürs Spielen?

„Stell dir vor, Mama, die spielen nicht mehr. Spielen tun nur Babys, sagen die.“ Der Satz meines Großen kurz vorm Schlafengehen, machte mich traurig. Acht Jahre ist er alt. Und besucht die zweite Klasse. Die Kinder, über die er sprach, sind genauso alt wie er. Und in seiner Klasse. Spielen die denn kein Lego? Nein. Noch nicht  mal Lego Technic? Nein, das sei auch Babykram. Selbst die Bausätze ab 8, 9 oder 11 Jahren? Ja. Alles Spielzeug ist Babykram, finden die Jungs aus seiner Klasse. Mein Sohn ein Glück nicht. Er konnte es einfach nicht verstehen. Dass ein Kind nicht mehr spielt. Für ihn ist es ein Glück noch das Größte, im Spiel zu versinken. Sich eigene Welten aufzubauen, wahlweise als Polizist oder Lokführer durchs Wohnzimmer zu hüpfen oder Verstecken im Garten zu spielen. Da wird der alte Auto-Verbandskasten benutzt, um alle Kuscheltiere zu verarzten, eine Tierklinik im Wohnzimmer, mit Spätdienst bis kurz vorm Schlafengehen. Klar, er liest viel, er mag Malen und Rätsel lösen, er liebt es, sich mit seinem Bruder verrückte Experimente auszudenken. Aber den Großteil der Zeit spielt er einfach.

Was für mich das Beste, das Wichtigste an der Kindheit ist. Im Spiel zu versinken. Seine eigenen Fantasiewelten zu kreieren. Den ganzen Nachmittag an einer Legostadt zu bauen. Bis zum Dunkelwerden Verstecken zu spielen. Wenn ich an meine Kindheit denke, dann denke ich an all die Nachmittag, an denen ich gleich nach dem Hausaufgabenmachen mit Freunden in die Gärten verschwand und wir spielten, bis es dunkel wurde und wir – ganz ohne Handy- irgendwie automatisch wussten, wann es Abendessen gibt. Wir spielten Verstecken, wir spielten Gummitwist, „Fischer, Fischer ,wie tief ist das Wasser“, bauten Burgen in der Sandkiste, Baumhäuser im Wald oder bei schlechtem Wetter Höhlen im Kinderzimmer, in denen wir „Vater, Mutter, Kind“, Schule oder Tierarzt spielten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das mit dem Spielen jemals aufhören könnte. Es kam mir gar nicht in den Kopf, dass man etwas anderes als Spielen machen könnte in seiner Freizeit.

Und ich kann auch nicht mehr sagen, wann eigentlich der Tag kam, an dem ich nicht mehr spielte. Ich weiß, dass ich zu den Mädchen in meiner Klasse gehörte, die auch dann noch spielten, als andere sich schon zu alt dafür fühlten. Ich kann mich erinnern, dass ich mit einer Freundin im Wald auf einem Baum saß und ein Baumhaus baute und wir beide am nächsten Tag dafür ausgelacht wurden. Weil das doch was für Babys ist. Aber da war ich 12. In der sechsten Klasse.. Mein Sohn ist acht und in der zweiten Klasse!

Was die Jungs aus seiner Klasse machen, wenn sie nicht spielen, fragte ich meinen Sohn. „Zocken“. Sagte er. Die sitzen tatsächlich den ganzen Nachmittag im Zimmer und zocken am Handy. Wenn sie sich mal mit anderen treffen, zocken sie zusammen. 

Wann hören Kinder auf zu spielen? Und wieso hören sie auf einmal auf? Und: Was machen sie dann, wenn sie sich zu alt zum Spielen halten? Und: Wieso hören Kinder immer früher auf zu Spielen?

Letztens las ich in einem sozialen Netzwerk die Frage in einem Forum: „Was spielen eure neunjährigen  Kinder? Meine Tochter ist neun und möchte nicht mehr spielen.“ Neun! Und möchte nicht mehr spielen! Und ein Großteil der Antworten war tatsächlich: „In dem Alter hat meine Tochter auch nicht mehr gespielt, sondern mit Freundinnen auf dem Bett gesessen und sich unterhalten.“ Oder: „Meine Tochter trifft sich mit ihren Freundinnen zum Eis essen.“ Erleichtert war ich, dass zumindest ein paar Mütter noch aufzählten, dass ihre Töchter Puppen spielen, im Garten Verstecken oder gerne basteln. Worauf wieder andere schrieben „meine Tochter spielt schon seit sie sieben ist nicht mehr mit ihren Puppen.“

Wird die Kindheit immer kürzer? Was passiert da mit unseren Kindern?

Ich gestehe: Ich wurde ganz melancholisch, als ich es las. Und traurig, als mein Sohn mir von seinen Klassenkameraden erzählte. Mit acht Jahren aufhören zu spielen? Mit neun Jahren sich allenfalls zum Eisessen mit den Freundinnen zu treffen? Und die Puppen in die Ecke zu verbannen?

Halt, stopp, das ist zu früh!

Mit acht, neun Jahren sollten die Kinder auf dem Höhepunkt der Kindheit sein, die Tage mit Spielen verbringen, bis ihnen die Augen zufallen. Sie sollen ohne Grenzen toben, auf Entdeckungstouren gehen, auch ohne die Eltern, immer mehr ohne die Eltern. Mit Gleichaltrigen in Fantasiewelten zu schlüpfen. Wir haben doch nur eine Kindheit – und die wird einfach immer kürzer? Ich wusste ja, dass die Kinder immer früher in die Pubertät kommen – aber so früh? Wo führt uns das hin?

Bald ist die Kindheit so kurz, dass die Erwachsenen der Zukunft keine Erinnerungen mehr an sie haben. Was macht das mit den zukünftigen Erwachsenen?

Ich hoffe, dass meine Kinder noch lange spielen. Dass sie ihre Fantasie nicht verlieren. Dass sie sich noch einige Jahre lang nachmittagelang ins Kinderzimmer zurückziehen und Städte aus ihren Bauklötzen bauen und sich mit ihren Walkie-Talkies im Kleiderschrank verstecken. Und so hoffentlich als Erwachsene so wie ich, mit ihrer Kindheit diese langen, unbeschwerten Nachmittage verbinden, an denen man einfach spielte und spielte und spielte, bis man abends ins Bett fiel, um dann am nächsten Tag weiterzuspielen und zu spielen. Und ich glaube, ja, ich bin fest überzeugt davon, der beste Weg, unsere Kinder zum Spielen zu bringen, ist sie einfach zu lassen. Ihnen keine Spiele vorzuschreiben, ihnen kein Spiel vorzuspielen, keine fertigen Lösungen zu präsentieren, ihren Tag nicht mit Terminen und Kursen vollzuknallen sondern ihnen einfach die Freiheit zu lassen, zu spielen, bis das Abendessen auf dem Tisch steht. Für all das andere, dafür ist später noch Zeit genug.

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6 Kommentare zu “Wann sind Kinder zu alt fürs Spielen?

  1. Leon ist ja – wie du weißt – ein Jahr jünger als dein ältester Sohn. Ich finde es spannend, Jungs aus seiner Klasse einzuladen. Da gibt es welche, die stundenlang spielen können. Und andere, die nach 10 Minuten nach Fernsehen oder Tablets fragen, weil sie nicht spielen können!!!! Traurig, oder? Alles andere wäre ihnen zu „langweilig“ …. zu den Kindern, die spielen können, fördere ich den Kontakt … noch geht das!

  2. Ich glaube, ich habe bis heute nicht aufgehört zu spielen und seit einiger Zeit „darf“ ich auch wieder Lego spielen mit unserem Sohn :-) Die Spiele wurden mit zunehmendem Alter einfach anders. Es kamen diverseste Geschicklichkeitsspiele und vor allem Gesellschaftsspiele/Brettspiele dazu. Natürlich gab es auch mal den GameBoy oder das Wurmspiel am PC, aber trotzdem war und bin ich am liebsten Draussen und spiele irgendwas in der Natur, im Wald. Und das versuchen wir auch unserem Sohn weiter zu geben in der Hoffnung, dass auch er in gleichem Masse aktiv bleiben wird.
    Liebe Grüsse, Stefan

  3. Ich wünsche mir auch das mein Sohn solange wie möglich spielen wird. Ich spiele heute noch gerne und ich möchte es nicht verlieren. esmacht viel zu viel Spaß.

  4. Wenn die Alternative Fernsehen, Handy, Zocken ist, ist es ja nicht verwunderlich… Würden Eltern diese Zeiten einschränken, spielen die Kinder von ganz alleine wieder – schon aus Langeweile. In meiner Kindheit eröffnete sich mit 8 Jahren eher eine neue Spielwelt, so erinnere ich mich. Man war alt genug, ganz alleine rumzustromern. Im Wald, auf Feldern, durch die Stadt. Wir bauten Staudämme, fingen Kaulquappen, bauten Buden, gründeten Kinderbanden und ja, wir „kämpften“ auch mit anderen Banden.

  5. Ich denke meine Sohn war ca. 13 od. 14 als er aufgehört hat zu spielen…wobei er sich heute mit fast 23 durchaus immer noch für LegoTechnik oder Domino (Dominoday nachstellen) begeistern kann.
    Ich bin nun 48 und habe nie aufgehört zu spielen. Ich begeistere mich heute noch für alles was mit Lego und Playmobil zu tun hat. Ich hüpfe Hinkelkästchen und Kletter auch manchmal noch auf Bäume. Ich mag das.

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