Urteilt nicht über andere Mütter, bevor Ihr alle Hintergründe kennt…

Kennt Ihr das? Euch kommt eine Mutter entgegen, sie zieht ihr Kind an der Hand hinter sich her, motzt, was das Zeug hält, das Kind heult Rotz und Wasser. „Wie behandelt die denn ihr Kind?“ schießt mir durch den Kopf. Aber halt! Wer bin ich denn, dass ich über diese Mutter urteile? Ohne die Vorgeschichte zu kennen, ohne zu wissen, ob die Mutter nicht vielleicht schon zehn Mal das Kind gebeten hat, endlich mitzukommen, weil ein Kinderarzttermin/der Bus/anderer wichtiger Termin wartet und das Kind sich weigerte und sich Wutanfall an Wutanfall reihte? Und was ist mit der Mutter, die ihr Baby im Kinderwagen vor sich herschiebt und dabei aufs Handy starrt statt mit dem Baby zu flirten? Stopp, kein Urteilen. Wir kennen nicht alle Hintergründe, vielleicht schreibt sie grad dem Ehemann eine Nachricht, was er zu Essen kaufen soll, vielleicht schaut sie nur auf die Uhr, was wissen wir schon über die Hintergründe?!

Der Mensch ist schnell im Urteilen. Blitzschnell erfasst das Gehirn Situationen, ordnet Dinge ein – und fügt sie leider meistens schnell in Schubladen. Das verdanken wir der Evolution, es hat unseren Vorfahren in der Steinzeit ein ums andere Mal das Leben gerettet. Säbelzahntiger? Gefahr! Das Einordnen in Schubladen spart Zeit und Energie. Es erleichtert uns das Leben, erleichtert unserem Gehirn die Arbeit. Wir können schneller denken, schneller reagieren, im Gehirn bleibt Platz für das Wesentliche. Aber leider führt diese Errungenschaft der Evolution auch zu Vorurteilen. Zum vorschnellen Verurteilen.

Weshalb wir uns häufiger einfach mal bewusst daran erinnern sollten. Und uns selbst ein „Stopp“ zurufen sollten. Denn nicht immer, ist alles so wie es scheint. Wir sollten uns immer wieder fragen: Kennen wir die Hintergründe? Und oft kennen wir sie nicht. Was unserem Gehirn total egal ist, wenn grad so schön in Fahrt ist und alle Eindrücke in Schubladen einsortiert.

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Was wissen wir schon über die Mutter, die resigniert ein Überraschungsei aufs Band im Supermarkt legt? Mangelnde Konsequenz, verwöhntes Kind oder einfach nur erkaufte Ruhe? Was wissen wir über die Mutter, die ihr tobendes Kind auf dem Boden liegen lässt und seelenruhig weitergeht? Was wissen wir über die Mutter, die einen riesigen Rotzfleck auf der Bluse hat? Was wissen wir über die Mutter, die ihrem Kind kein „toll gemacht“ auf dem Spielplatz zuruft? Vielleicht ist das Kind schon das zehnte Mal in Folge aufs Klettergerüst geklettert.

Was wissen wir über die Mutter, die in Tränen ausbricht, nur weil ihr Kind im Kindergarten nicht alleine die Schuhe anziehen will? Wisst Ihr, wie ihr Tag war, wisst Ihr, ob sie Stress auf der Arbeit hatte, was auch immer? Was wissen wir über die Mutter, die die selbst gemalten Bilder des Kindes nicht anschaut, sondern ihm nur wortlos die Jacke anzieht? Vielleicht hat sie gerade ihren Job verloren, vielleicht liegt die Oma im Krankenhaus?! Was wissen wir über die Mutter, die ihrem Kind beim Bäcker einen Berliner mit dreimal Zuckerguss kauft? Ist ihr die Gesundheit ihres Kindes egal oder gibt es vielleicht einfach einen Grund zu feiern?

Wir sollten genauer hinschauen, bevor wir Urteile fällen. Uns auch mal verkneifen, Urteile zu fällen, wenn wir nur die halbe Geschichte kennen. Ganz abgesehen davon, dass wir immer davon ausgehen sollte, dass andere genauso vorschnell über uns urteilen, ohne unsere ganze Geschichte zu kennen. Jede von uns hat ihr eigenes Leben mit ihren eigenen guten Gründen. Und vieles ist nicht so wie wir denken. Statt also gleich loszumeckern, uns aufzuregen, die Augen zu verdrehen oder uns lustig zu machen, sollten wir viel häufiger aufeinander zu gehen und fragen „können wir helfen?“ oder ein aufmunterndes Lächeln schenken.

(was ich hiermit ausdrücklich nicht meine, ist, sich einzumischen, wenn Gefahr fürs Kind besteht – also etwa jemand sein Baby im überhitzten Auto zurücklässt…)

Urteilt nicht über andere Mütter bevor Ihr alle Hintergründe kennt - eine Kolume mit Plädoyer für mehr Toleranz und Unterstützung unter Müttern #mama #kinder

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5 Kommentare zu “Urteilt nicht über andere Mütter, bevor Ihr alle Hintergründe kennt…

  1. Da hast du so Recht! Mein Lieblingsspruch ist „Man kann den anderen nur bis vor den Kopp gucken“. Und das trifft alles so sehr. Deine Worte haben es wirklich perfekt verpackt. Vielen Dank dafür, das ist wirklich toll zusammengefasst!

    Wenn das nur mehr Leute beherzigen würden!

  2. Wie immer wunderbar, was Du da schreibst. Ich denke auch immer, dass man immer einen fehlenden Kontext bedenken sollte. Also das aber mal in einem Mama-Bashing bei Insta schrieb (da ging es um eine Momentaufnahme, die eine Mutter beobachtet hatte und beschrieb), habe ich den Hass abbekommen. (es ging nicht um Gewalt). Jede von uns hat mal einen schlechten Tag oder wie Du sagst, manche Termine sind eilig. Ich muss mein Kind pünktlich abholen und da muss ein Geschwisterkind eben mit. Ich hatte keine Schwangerschaftsübelkeit, aber stelle mir vor, dass die Geduldsschnur dann auch sehr kurz ist. Oder werden meine Aufforderungen auch mit jeder Wiederholung unfreundlicher, wenn keiner reagiert. Wenn jemand nur die 5. Aufforderung mitbekommt, klingt das anders als beim 1. Mal. Da hilft ein freundliches „doofer Tag“ bestimmt besser. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass manche das brauchen, andere nieder machen, um sich selbst zu beweihräuchern, wie toll sie selbst sind. Bestimmt gibt es auch Mütter, die bei finanziellen Sorgen, Krankheit, Trennung oder einem Trauerfall immer trotzdem das richtige tun und nie Fehler machen. Die meisten von uns sind aber Menschen, die sich nicht immer richtig verhalten.

  3. Wow, das spricht mir so aus der Seele… Ja, man ist schnell darin zu urteilen. Und merkt es oft erst wenn man selbst mit Vorurteilen bedeckt wird. Es ist genau wie beschrieben, man weiss nicht, welches Päckchen jemand mit sich trägt, welche Sorgen. Ich versuche mich immer wieder zu ermahnen, nicht zu schnell zu urteilen, einer gestressten oder scheinbar genervten Mama ein Lächeln zu schenken. Ich glaube nämlich, das zeigt, daß man selbst solche Situationen kennt. Das kann im Gegensatz zu vorwurfsvollen, empörten blicken nämlich ein wenig aufmuntern. Und Aufmunterung können wir alle immer wieder dringend brauchen!

      • Ich habe vor 2 Tagen erst wieder so eine Situationen erlebt… Trotziges Kind Mutti am schimpfen … Da muss ich oft schmunzeln und sage… Gut, das es überall das gleiche ich… Meist kann die Mama dann auch zurücklächeln und man hat das Gefühl sie ist dann gleich entspannter… Herrlich war das Kind .. Da hielt dann inne… Im vorbeigehen hörte es Fragen warum wir gelacht haben… Es hat sein Problem scheinbar vergessen

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