Vorkindvorsätze und was daraus geworden ist: Ein Gastbeitrag

Bevor ich Mutter wurde, habe ich mir so einiges vorgenommen. Was ich über Mütter dachte, bevor ich selbst eine wurde, hatte ich hier auf dem Blog ja bereits einmal aufgeschrieben. Doch nicht nur die Ansichten übers Muttersein ändern sich, wenn man selbst Mutter wird – auch die guten Vorsätze, die man sich in der Prä-Kind-Ära macht, lösen sich ziemlich schnell in Luft auf, sobald sie auf die Realität treffen. Bei mir war es ja der Vorsatz, nicht zu schimpfen und auch noch mit Baby das absolute Unverständnis, wie Eltern mit ihren Kindern schimpfen können. Nun, sobald mein erstes Kind größer wurde, konnte ich das mit dem Schimpfen vollkommen nachvollziehen! Ähnliche Vorkindvorsätze hat Tanja in einem Gastbeitrag beleuchtet, aber lest selbst:

„Ich sag euch! Bevor ich selbst welche hatte, da hatte ich noch Ahnung von Kindern und Erziehung.

Ich sag’s euch! Da wusste ich auf alles eine Antwort und wenn ich in der Stadt ein Kind sah, das bockig oder wütend war, dann war ganz klar: Die Mutter ist schuld! Wohl zu inkonsequent. Hat das Kind nicht im Griff.

Und wie die aussieht! Mit dem angesabberten Pulli und zwei unterschiedlichen Socken… Bisschen Schminke hätte auch nicht geschadet. Ganz schlimm sowas… Wird mir ja nicht passieren!

Dann bekam ich meinen ersten Sohn und musste Teile meiner Haltung überdenken. Zum Glück für mich war Locke aber sehr pflegeleicht: Durfte er etwas nicht anfassen, tat er das nach kurzer „Diskussion“ auch nicht. Ein bis zwei scharfe NEINs genügten und die Sache war erledigt. Das klappt zumeist auch heute noch.

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Tanja über ihre Vorkindvorsätze. (Foto Julia Neubauer, www.julia-neubauer.net)

Und dann kam Zwockel…

Tja. Und dann kam das zweite Kind und das schubste mich sehr unsanft von meinem hochmütigen Thron.

Leider – das gebe ich zu – war ich mit ihm viel ungeduldiger, schneller genervt, verlor leichter den Überblick. Während ich bei Locke jeden kleinen Krabbler, jeden Schritt genießen und ihn einfach stundenlang beobachten konnte, hatte ich nun nicht mehr die Zeit und Muße dazu. Mit zwei Kindern verdoppelte sich unser Chaos nicht etwa, es potenzierte sich um ein Vielfaches!

Dabei half es auch nicht, dass für den Zwockel sowas wie NEIN eher optional ist. Er darf etwas nicht, Mama schimpft, er tut sich weh – alles egal, er weint kurz, meist wütend, und steht dann wieder auf um genau da weiter zu machen, wo er aufgehört hat.

Man hat das Gefühl, dass er völlig angstfrei ist. Das waren nicht immer nur ungefährliche Situationen. In Nullkommanix hatte das Kind so gut wie jeden Steckdosenschutz herausmontiert und hielt es für eine Top-Idee, sich direkt neben einem rückwärtsfahrenden Lieferwagen loszureißen und sich dahinter auf die Straße zu werfen.

Woran liegt es?

Puuuuh. Ich sag euch… Von wem hat er das? Sind die Zweiten so? Ist er der King of Kompromisslosigkeit? Der Star der Sturheit? Der Warlord of Wutanfall? Der dunkle Fürst des „Neins“?

Liegt es an seinem starken Willen oder bin ich tatsächlich inkonsequenter geworden? Der Spagat zwischen Fairness und Erziehung, zwischen dem Großen und dem Kleinen und auch noch meinen eigenen Bedürfnissen ist für mich extrem schwierig geworden. Und müde bin ich auch ständig.

Oft erlaubte ich ihm Dinge, die früher für den Großen nicht mal ansatzweise in Frage kamen. Fernsehen zum Beispiel.

Die Sache mit den Vorsätzen

Niemals würde ich sagen, dass meine Kinder mich nerven. Nie würde ich ihnen etwas kaufen, was Geräusche macht – quietscht, piepst, pupst, klimpert, bimmelt, hupt oder gar singt. Kein Plastikspielzeug. Selbstverständlich werde ich nur selbst kochen und niemals Fertigessen servieren. Na gut, vielleicht Fischstäbchen. Und die Kinder vor den Fernseher setzen? Never ever, wer macht denn sowas!

Ja, das waren ein paar meiner Vorsätze. Habt ihr auch so gelacht? Einige habe ich durchgehalten. Bei uns ist beispielsweise die abendliche Bettgehzeit nicht verhandelbar, ebenso das Zähneputzen morgens und abends. Und hinter Lieferwagen werfen wir uns auch nicht mehr.

Aber manchmal bleibt mir nichts anderes übrig, als die lieben Kleinen vorm Fernseher zu parken. Sei es, wenn ich selber krank bin oder dringend etwas erledigen muss. Am Computer, im Homeoffice – oder wenn ich einfach verflucht nochmal eine einzige Sache zuende bringen will, ohne alle zwei Minuten unterbrochen zu werden von Mamadursthungerpipikaltlaaaaaangweilig…

Butter bei die Fische

Jetzt mal ehrlich. Ja, sie nerven mich. Ja, sie können furchtbar anstrengend sein.

Sie schaffen es, mich mit der bloßen zig-fachen Frage „Können wir heute Abend baden?“ an den Rande des Wahnsinns zu bringen. Sie können so laut sein, dass ich mich in einem Experiment wähne, in dem getestet wird, was das mütterliche Ohr alles erträgt.

Ich habe das Elternsein unterschätzt. Und noch mehr habe ich das Elternsein von zwei Kindern unterschätzt. Und wenn erst Gastkinder hier sind – die hatte ich völlig vergessen!!!

Wir und die Liebe

Aber dann.

Dann kommt nachts ein kleiner, warmer Mensch ins Bett gekrabbelt (mit den weltkältesten Füßen), kuschelt sich an dich und flüstert leise „Hab diss lieb, Mami!“ – und klaut dir dann die Decke.

Oder der Große kommt aus dem Kindergarten und ruft mit Inbrunst „Ich hab deine Liebe vermisst, Mama.“ Oder sie drücken dich ganz spontan ganz feste an sich und du hörst das kleine Herzchen schlagen. Oder sie lachen das fetteste und glücklichste Kinderlachen, das die Welt je gehört hat und dein Herz lacht mit und möchte platzen vor lauter Liebe.

Und dann blickst du zurück auf dein altes Ich, auf all die gebrochenen Vorsätze, auf all die Fehler, die du gemacht hast und denkst: Es ist okay, so wie es ist. Wir sind okay. Wir sind so.

Und das ist Liebe.“

Ich verstehe ganz genau, was Tanja meint. Ihr findet sie übrigens bei Twitter unter @kruemelbude, wenn Ihr mehr von ihr lesen wollt! Danke für Deinen Text und Deine ehrlichen Worte, liebe Tanja!

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Und wusstet Ihr, dass mein neues Buch Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein: Das Selbsthilfebuch für gerade noch nicht ausgebrannte Mütter auf dem Markt ist?  Und natürlich immer noch erhältlich ist mein Ratgeber zum Thema zweites Kind: „Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder

 

Ein Kommentar zu “Vorkindvorsätze und was daraus geworden ist: Ein Gastbeitrag

  1. Ein schöner Beitrag – danke für die Einsicht und Offenheit! Ich glaube inzwischen, dass man gar nichts pauschalisieren kann. Alle Kinder sind anders. Alle Eltern sind anders. Mich z.B. bringt zu viel Lärm völlig aus der Ruhe, Chaos eigentlich nicht, aber bei lautem Chaos werd ich aggressiv und dann bin ich auch nicht mehr pädagogisch. Und jedes Kind stellt andere Herausforderungen. Leider haben viele Leute, die von aussen drauf blicken, immer noch eine ganze Fülle überheblicher Tipps, die nicht zu mit meinem konkreten Alltag und meinem Charakter passen. Deswegen versuche ich auch, andere Eltern nicht zu kritisch zu beurteilen.
    Viele Grüsse, Marlene

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