Mein Mann und der Krebs: Wie unser Leben auf den Kopf gestellt wurde

Alles begann mit geschwollenen Mandeln. Einem Hals, der immer  weiter zuschwoll. Man denkt sich nichts dabei. Wieder so ein Infekt halt. Es war August, die Schulferien waren vorbei, aber es war immer noch Sommer, dieser schöne, nicht enden wollende Sommer. Mein Mann ging mit seinen geschwollenen Mandeln zum Arzt, bekam Blut abgenommen und am nächsten Tag eine Überweisung zum Onkologen. Verdacht auf malignes Lymphom stand auf der Überweisung. So saßen wir also da im Wartezimmer bei einem Arzt einer Fachrichtung, bei dem Du nie sitzen möchtest. Und befasst Dich mit Dingen wie Lymphknotenentnahme, Biopsie, Knochenmarkentnahme und CT. Eine Woche später saßen wir erneut in diesem Wartezimmer. Und bekamen schwarz auf weiß, was wir eigentlich schon ahnten, fast sicher wussten: Lymphdrüsenkrebs. Von eben noch eigentlich gesund mit eigentlich nur geschwollenen Mandeln und dicken Lymphknoten hineinkatapultiert in: schwerkrank, sterbenskrank. Eine Woche später schon begann die Chemo und irgendwie war es gut, dass es losging. Dass das Warten ein Ende hatte.

Der wunderschöne, nicht enden wollende Sommer nahm kein gutes Ende für uns. Die Leichtigkeit sie flog mit einem Mal davon. Manchmal fühlte ich mich wie in einer Rolle im Film. Drei Kinder, davon ein Baby und dann aus heiterem Himmel eine Krebsdiagnose, ohne irgendwelche Risikofaktoren – das liest Du doch sonst immer nur in Zeitschriftenartikeln. Und auf einmal waren wir mitten drin und Teil eben so einer Geschichte. Es trifft eben nicht immer nur die anderen.

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Hinter uns liegen Monate, die alles andere als einfach waren. Monate, in denen ich funktioniert habe. Und nicht weiß wie. Monate, in denen es auf und ab ging. Nun haben wir unser vorweggenommenes Weihnachtsgeschenk erhalten. Und es gibt kein besseres Weihnachtsgeschenk. Mein Mann ist in Vollremission, das heißt, es sind aktuell keine Krebszellen mehr nachweisbar. Seine Lymphknoten haben wieder ihre Originalgröße. Als geheilt gilt man bei Krebs ja erst nach fünf Jahren.

Der Weg dahin war steinig. Am Anfang freuten wir uns, dass mein Mann die Chemo verhältnismäßig gut vertrug. Die Haare, seine schönen langen Haare fielen aus. Aber das ist ein kleines Übel. Das nimmt man in Kauf. Schwieriger war es, mit der Infektionsgefahr umzugehen, besonders an den Tagen nach der Chemo, wenn die weißen Blutkörperchen reduziert waren. Das Haus keimarm halten mit drei Kindern. Der Duft von Desinfektionsspray begleitete uns in diesen Monaten und ich konnte es bald schon nicht mehr riechen. Topfpflanzen flogen raus – Schimmel und Keime in der Blumenerde könnten ein Infektionsherd sein. Der Esszimmerteppich flog raus. Auch in ihm könnten Keime sein. Besuche anderer Kinder? Wurden ausgelagert. Aber wir waren optimistisch, die Mandeln schwollen ab, die Prognosen bei dieser Krebsart sahen gut aus und es gab keinen Plan B. Es musste gut ausgehen.

Bis zu diesem sonnigen Tag in den Herbstferien. Beide Kinder zuhause, noch mal 20 Grad, für den Nachmittag war ein Strandspaziergang geplant. Mein Mann hatte Halbzeit bei der Chemo, eigentlich ein Grund zu feiern. Und dann das: Die Chemo schlug nicht an wie sie sollte. Alles drehte sich im Kreis. Wie es weitergehen sollte? War zwei Tage unklar. Eine andere Chemo mit eventueller Stammzellentransplantation stand im Raum, verbunden mit eher nicht so guten Aussichten. Wir fuhren an den Strand. Die Kinder spielten im Sand, es badeten noch Leute in der Ostsee, genossen ihre Ferien und wir wussten nicht, wie es weitergeht. Zwei Tage wussten wir nicht, was auf uns zukommt. Googelten Prozentzahlen, die man lieber nicht lesen wollte. Dann hatte der Onkologe eine Alternative gefunden.

Und die wirkte.

Nun, kurz vor Weihnachten erhielt mein Mann die frohe Botschaft, wurde ihm ein zweites Leben geschenkt. Eine Riesenlast fiel von uns. Aber man macht nicht einfach dort weiter, wo man vor der Diagnose aufgehört hat. Das Leben ist nicht mehr dasselbe. Die Leichtigkeit ist fort. Was bleibt, ist die Angst vor einem Rückfall. Die ist bei dieser Krebsart sehr hoch. Sie schwebt über uns. Sie lässt uns nicht los. Ich weiß nicht, ob die Angst uns je loslassen wird, ich glaube, sie wird zu einem Begleiter, an den man sich irgendwann gewöhnt, notgedrungen, weil er sich nicht abschütteln lässt.

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Aber wisst Ihr, was das Erstaunliche ist? Und irgendwie auch Beruhigende? Wie gut man trotz allem funktioniert. Wie man auf Autopilot schalten kann und dieser einen sicher durch die Zeit bringt. Wie man zusammenwächst und wie man es schafft, trotzdem auch zu lachen, schöne Momente zu erleben, sich zu freuen. Die erste Zeit hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mit meinen Kindern fröhlich war, ja, gute Laune hatte. „Darf ich das jetzt, mein Mann ist schwerkrank“, schoss mir durch den Kopf. Aber es geht ja nicht anders. Nein, gerade weil es so ist, muss man das Leben genießen. Und weitermachen. Schon allein der Kinder wegen. Ja und ich gebe es zu: Manchmal, wenn ich beim Einkaufen sah, wie jemand Zigaretten, Alkohol und Wurst aufs Band packte, packte mich die Wur auf diese Ungerechtigkeit – wieso mein Mann, der nie rauchte, nie viel trank oder Wurst zu sich nahm? Aber was weiß ich schon über das Leben der anderen. Das Leben ist nicht gerecht und Krebs schon mal gar nicht.

Tagsüber funktionierte ich gut. Die Arbeit, die Jungs, das Baby, das Leben ging seinen Gang und der war meistens gut. Wir machten Ausflüge, wir lasen vor, kuschelten, bastelten, kochten und machten es uns gemütlich. Aber dann waren da auch die Nächte, in denen die Gedanken kamen. Und nicht gingen. Nein, es lässt einen nicht los, auch wenn der Autopilot gute Arbeit leistete. Ihr wisst, ich bin chronische Optimistin und ich wollte dran glauben, dass alles gut wird. Ich musste dran glauben, schon allein aus purem Selbstschutz, um nicht verrückt zu werden. Ich habe den Drang, die Zügel immer selbst in den Händen zu halten, die Kontrolle zu haben übers Leben. Und auf einmal lag es nicht mehr in meiner Hand. Reicht es nicht, einen warmen Tee zu kochen und Orangensaft zu pressen. Gab es Dinge, die nicht in meiner Macht standen – für mich eine neue Erfahrung, die ich nicht immer so wahrhaben wollte. Meine nerven lagen blanker als sonst und ich bin immer noch dünnhäutig.

Was wir den Kindern sagten? Nicht Zuviel und nicht zu wenig. Dass ihr Papa schwer krank ist und deshalb mehrere Monate lang Medikamente nehmen muss. Dass er sich nicht bei ihren Schnupfennasen und Kindergartenviren anstecken darf. Wir wollten ihnen keine Angst machen. Aber es auch nicht verharmlosen. Vor allem aber wollten wir, dass das Leben für sie so normal wie möglich weitergeht. Und das tat es. Kinder sind flexibel. Sie akzeptieren Dinge leichter als wir ahnen. Wie sehr zeigte die Reaktion meines Großen, als wir ihm von der Genesung erzählten: „Dann kannst du Mama jetzt wieder mehr im Haushalt helfen?“

Jetzt freuen wir uns über unser größtes Weihnachtsgeschenk. Das zeigt, was wirklich wichtig ist, worauf es wirklich ankommt im Leben. Deshalb nehmt Eure Lieben, drückt sie, kuschelt sie und freut über jeden gesunden Tag. Man weiß nie, was einem das Leben bringt, also genießt die guten Dinge, die es bringt! Wir sind zusammengerückt. Es gibt Dinge, die sind wichtig. Und Dinge, die sind unwichtig. Investiert in die wichtigen Dinge.

Was sowas Wichtiges ist und worüber ich mich freuen würde? Wenn Ihr Euch bei der DKMS registrieren lasst. Mein Mann kam um eine Stammzellentransplantation herum, aber sie stand zeitweise als einzige Alternative im Raum. Und im Falle eines Rezidivs könnte sie die einzige Alternative sein. Es gibt so viele Menschen, für die eine Stammzellentransplantation die einzige Chance ist.  Hier findet Ihr Informationen, wie Ihr Euch registrieren lassen könnt. Noch immer findet jeder zehnte Patient in Deutschland keinen passenden Spender.

 

Ein kleiner Nachtrag: Leider kam der Krebs nur zwei Wochen nach der guten Nachricht zurück. Der steinige Weg ist noch nicht beendet, wird wohl noch steiniger werden und die nächsten Monate wird uns die Krankheit weiter begleiten. Ich weigere mich, den Mut und die Hoffnung zu verlieren.

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Und wusstet Ihr, dass mein neues Buch Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein: Das Selbsthilfebuch für gerade noch nicht ausgebrannte Mütter auf dem Markt ist?  Und natürlich immer noch erhältlich ist mein Ratgeber zum Thema zweites Kind: „Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder

 

 

 

24 Kommentare zu “Mein Mann und der Krebs: Wie unser Leben auf den Kopf gestellt wurde

  1. Beim Lesen hatte ich Tränen in den Augen. Auf dem Blogger Treffen habe ich eure ganze Familie getroffen. Alle so mega sympathisch. Ich habe auch gedacht: Schöne schwarze Haare. ;-) Ich wünsche euch sooo sehr, dass alles gut ausgeht. Wir haben enge Freunde, wo beide Eltern (Mitte 30) Krebs hatten – das ist 10 Jahre her und die sind beide gesund. Die müssen nur ein wenig darauf achten sich nicht zu viel zuzumuten, aber generell geht es ihnen heute gut. Ich wünsche euch von Herzen alles alles Gute!!!! Und viel viel Kraft!!!!

  2. Ich wünsche euch von ganzem Herzen, dass das zweite Leben noch viele, viele Jahre dauern wird. Danke, dass du du darüber geschrieben hast. Liebe Grüße Dagmar

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