Interview zur Vereinbarkeit: Wenn die Mutter Vollzeit arbeitet

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ja immer so eine Sache… es gibt viele verschiedene Modelle – die oft aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus gewählt werden. Und nicht immer haben die Eltern die Wahl – mal ist es der Arbeitgeber, der nichts anderes zulässt (allen gesetzlichen Rechten auf Teilzeit zum Trotz), mal ist es die finanzielle Situation. So unterschiedlich wie die Vereinbarkeitsmodelle sind auch die Familien, die dahinterstecken. Was als einzelnes Interview mit einer Mutter begann, die mir in einer Mail davon berichtete, dass ihr Mann und sie beide Teilzeit arbeiten und sich alles 50:50 aufteilen, ist nun eine kleine Miniserie geworden, über die ich mich sehr freue! Auf das erste Interview mit den Teilzeit-arbeitenden-Eltern kamen so viele Emails, über die ich mich sehr gefreut habe – und so kamen tatsächlich auch die anderen Interviews zustande: die Hausfrau, die mir von ihrer Entscheidung und ihrem Alltag berichtete, der Hausmann, der von seinen Erfahrungen erzählte und heute nun die fast Vollzeit arbeitende Mutter, die noch einmal ganz andere Einblicke bringt.  
Meine Interviewpartnerin ist 36 Jahre alt und wohnt in der Nähe von Ulm. Ihre Kinder sind sechs und zwei Jahre alt und gehen in die Schule und in die Krippe. Sie arbeitet als Projektingenieurin bei einem größeren Familienunternehmen, ihr Mann ist Laborleiter.

Wir sind deine Arbeitszeiten und wie lange sind die Kinder in der
Betreuung?

Ich habe keine fixen Arbeitszeiten. Im Regelfall arbeitet ich von 8 Uhr/9 Uhr  bis 15 Uhr/ 16 Uhr und einmal die Woche bis 18 Uhr/ 19 Uhr. Das kann aber durchaus auch variieren je nach Terminen. Mein Mann und ich sprechen eigentlich jede Woche neu ab, aber es kann durchaus sein, dass am Tag selbst nochmal umgeplant wird. Wir haben Betreuungsplatze bis 17 Uhr. Diese nutzen wir nicht immer voll aus. Da ich aber eine gewisse Fahrzeit zwischen Arbeit und zu Hause/
Betreuungsorte habe, gibt es eine gewisse Sicherheit.

Wieso hast Du dich für das Modell entschieden?

Ich bin nach beiden Kinder relativ schnell wieder in den Beruf und auf meiner Position wieder eingestiegen. Mit deutlich weniger Prozenten wäre es eher unrealistisch gewesen. Aktuell arbeite ich 80% + Überstunden. Diese ermöglichen mir gerade auch
bei kranken Kindern flexibel zu reagieren. 100% + Überstunden wäre nicht mit Familie, Betreuung, Fahrzeiten etc.  vereinbar gewesen. Ich bin befristet mit 80 % wieder eingestiegen und habe dies jetzt auch  nochmal verlängern können.

Wie teilt Ihr Euch den Haushalt auf?

Wir haben gerade länger überlegt, aber das ist echt schwierig zu beschreiben. Einen großen Teil des Haushaltes haben wir vergeben.  Einkaufen und Wäsche hält sich die Waage. Die Küche macht eher mein Mann, da es ihm mehr Spaß macht. Deine leckeren Kuchenrezepte gebe ich immer weiter :-). Alles Logistische/Organisatorische mache ich, da mir das mehr Spaß macht.

Was macht Ihr, wenn eines der Kinder krank wird – wer von Euch springt
dann ein?

Wenn die Kinder unter Tage krank werden, springt meist mein Mann erstmal ein, da er näher an den Betreuungsplätzen arbeitet und ich löse ihn gegebenenfalls ab. Wenn es sich nachts schon abzeichnet oder längerfristig ist, machen wir das meist von Terminen und Tagen abhängig. Oft läuft es auf ein Schichten hinaus. Einer arbeitet dann zum eispiel von 6-13 Uhr und der andere dann entsprechend bis abends. Das ist aber was, was nach mehreren Tagen sehr schlaucht. Da ich selber keine Personalverantwortung habe, kann ich durchaus auch Tage von daheim arbeiten. Das kann dann bei Krankheit eben auch heißen von 6-8 Uhr und 20-22 Uhr.

Wie reagiert Dein Umfeld auf Eurer Vereinbarkeitsmodell?

Mein direktes Umfeld, Familie und Freunde kommt damit gut klar bzw. akzeptieren es. Vielleicht haben sie sich einfach daran gewöhnt. Sie machen es zum Teil ähnlich, aber sie wissen einfach auch, dass ich ihnen nie reinreden würde, wenn sie es anders machen. Dafür erwarte ich aber auch, dass mir niemand reinredet. Auf gut gemeinte Ratschläge, aber nicht erfragte Ratschläge reagiere allergisch. Wenn ich Hilfe oder Ratschläge brauche, dann frage ich. Genauso reagiere ich auch nur, wenn jemand frägt, was ich davon halte.

Gab es auch blöde Kommentare?

Blöde Kommentare weniger auf mich bezogen, als auf meinen Mann. Mein Mann ist beim 1. Kind deutlich länger in Elternzeit gewesen. Da kamen Fragen, ob er seinen Job gekündigt hat. In seiner Elternzeit war er öfters mit einem befreundeten Papa ( damals
auch in Elternzeit) unterwegs. Da sind sie schon aufgefallen: “ Schau mal zwei Papas ALLEINE mit Kinderwagen“. Das ich nach dem ersten Kind so früh wieder zurück in den Beruf gehe, haben damals glaube auch nicht alle geglaubt. Anderes Beispiel im Restaurant: Jetzt muss der arme Papa das Kind wickeln und kann nicht zu Ende essen. Einen anderen blöden Kommentar, der für uns eher indirekt als Kompliment
gedacht war, habe ich neulich gesagt bekommen: Schön, dass auch kooperative und kompetente Kinder in der Ganztagesschulbetreuung sind….?

Was entgegnest Du solchen Kommentaren?

Wenn ich direkt was parat habe, mit Sarkasmus, aber das gelingt natürlich nicht immer.
Mir fällt leider auch viel zu oft erst fünf Minuten später der passende Konter ein! Welche Tipps kannst Du anderen Müttern geben, die mehr als  Teilzeit arbeiten wollen?

Ich glaube da muss man erstmal zwischen „arbeiten müssen“ und “ arbeiten wollen“ unterscheiden. Wer mehr arbeiten will, sollte sich überlegen, ob er Kinder, Arbeit und
Haushalt schafft. Die Frage haben wir uns gestellt und es hat dazu geführt, dass wir den Haushalt vergeben haben. Ansonsten geht es nicht ohne Hilfe des Partners. Der muss das mittragen und es bedeutet sehr viele Absprachen…. Die Möglichkeit des Homeoffice ermöglicht natürlich eine gewisse Flexiblität birgt aber auch seine Gefahren…Wem sage ich das…

Ohja, das mit dem Home Office kann ich so bestätigen! Über das tägliche Dilemma das tägliche Dilemma habe ich ja auch schon mehrmals geschrieben...

Ansonsten kann ich nur sagen Mütter, Eltern unterstützt Euch gegenseitig und sucht Euch Betreungsmöglichkeiten, die für Euch passen und schaut/ beobachtet Eure Kinder. Vielleicht ist es ja auch möglich kleinere Schritte zu gehen. Ansonsten hört auf „EUER“ Gefühl: Möchte ich mehr arbeiten oder doch nicht? Weil egal für was man sich entscheidet…Kommentare gibt es immer….Wenn man dann mit sich im Reinen ist, kann man am besten damit leben.

Aber egal, wie überzeugt man von seinem Weg ist, viele Mütter berichten mir, dass sie trotzdem ab und an ein schlechtes Gewissen habe, weil sie so wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen. Geht Dir das auch so?

Natürlich habe auch ich Tage mit schlechten Gewissen. Ich stell mir oft die Frage sind wir auf dem richtigen Weg? Was kann,  was müssen wir verändern? Bin ich trotzdem eine gute Mutter, auch wenn wir vieles vielleicht anders machen? Allerdings komme ich immer zu dem Schluss es ist für uns der richtige Weg. Ich bin mir durchaus bewusst, dass wir Glück mit unseren Arbeitgebern/ Vorgesetzten haben, aber da muss man ansonsten vielleicht auch mal einen Neustart/ Veränderung wagen.

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Danke für Deine offenen Worte! Was ich bei allen Interviews so bemerkenswert (und irgendwie auch typisch für unsere Gesellschaft finde: Jede dieser Mütter genauso wie der Vater bekommt blöde Kommentare zu hören und ungefragte Ratschläge. Bei allen Vereinbarkeitsmodellen gibt es Kritik von anderen. Das ist mal wieder typisch: Wir können es einfach nie allen recht machen. Egal, wie man es macht, man macht es falsch.

Und deshalb bin ich auch so fest davon überzeugt: Wir müssen unseren eigenen Weg gehen. Es geht nicht darum, was andere über uns sagen – sondern darum, dass wir und unsere Familie glücklich sind und den für uns besten Weg finden! Und Argumentieren ist oft leider vergebliche Liebesmüh. Und verschwendete Energie, die wir Eltern so viel nötiger für andere Dinge brauchen. Deshalb habe ich mir angewöhnt,  meistens nur unverbindlich zu lächeln oder ein „Guck an“ oder „Siehste mal“ zu sagen. Mehr wollen die Leute gar nicht hören. Auch ein „ah ja, ja, mmm, ja, mmm“ kommt immer gut und wir sind schnell raus aus der Affäre :-)

Wenn Ihr ein noch anderes Modell fahrt als meine  Interviewpartnerinnen und – Partner – dann freue ich mich über Eure Emails – vielleicht habt  Ihr ja Lust auf ein Interview über Euer Vereinbarkeitsmodell? Umso besser können wir zeigen, dass es so viele verschiedene Lösungen zur Vereinbarkeit gibt!

Willkommen bei der ganznormalenMama! Wollt Ihr  familienfreundliche Reisetipps? Oder kinderleichte Rezepte? Oder Lustiges, Nachdenkliches aus dem Mamaalltag? Dann stöbert im Archiv und folgt mir per Email,  auf Facebook, bei Instagram oder Pinterest – ich freue mich auf Euch!

Und wusstet Ihr, dass mein neues Buch Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein: Das Selbsthilfebuch für gerade noch nicht ausgebrannte Mütter auf dem Markt ist?  Und natürlich immer noch erhältlich ist mein Ratgeber zum Thema zweites Kind: „Willkommen Geschwisterchen: Entspannte Eltern und glückliche Kinder

2 Kommentare zu “Interview zur Vereinbarkeit: Wenn die Mutter Vollzeit arbeitet

  1. Hmm… Ich habe mir nun ein paar Beiträge bzw Interviews über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch gelesen. Mir ist aufgefallen, dass immer mindestens ein Partner auf Gleitzeit etc zurück greifen kann.
    Mich würde mal interessieren, wie Eltern das machen, die eben mit ihrer Arbeitszeit nicht spielen können! Und wo Betreuungszeiten eben niemals mit einer Kinderbetreuungseinrichtung kompatibel sind!?

    Selbst wenn ich in meinen Beruf zurück gehen wollen würde (was ich allein um des Berufes willen nicht tue), würde es hinten und vorne nicht hinhauen. Mein Mann hat einen 9 Stunden Arbeitstag, bei dem die Arbeitszeiten fix sind plus Überstunden je nach Auftragslage.

    Wir würden gerne in späterer Zukunft jeder auf Teilzeit arbeiten und haben jedes mögliche Szenario schon durchgespielt, da mein Mann dem gegenüber auch absolut nicht abgeneigt ist. Im Gegenteil, er würde liebend gern mehr Zeit mit unsern Kindern verbringen wollen!

    Für unsere Situation ist Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Mythos und ich kenne viele, viele Paare, bei denen das auch so ist.

  2. Hallo, eine tolle Seite hast du. 😊 Es macht sehr viel Spaß die Beiträge zu lesen.
Meine Freundin und ich sind gerade frisch als Blogger eingestiegen und berichten von der ersten Entscheidung einen Camper zu kaufen, bis hin zu den Reisen die wir unternehmen.
Wir würden uns sehr freuen, wenn du uns auch folgen würdest. 😉
Gerne können natürlich auch alle anderen Reisehungrigen vorbei schauen und uns folgen: https://campingliebe.blog
    Wir würden uns sehr freuen. 😊 Tascha & Gerrit

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