Premieren, die Mütter nicht brauchen: Arm gebrochen, Krankenhaus und OP

Es gibt Premieren, die braucht man einfach nicht. Dinge, die man nicht in einem Satz nennen möchte. Kinder und Krankenhaus ist sowas. Kind mit Vollnarkose im OP ist sowas. Es gibt Situationen, die öffnen einem die Augen. Und man ist verwundert über sich selbst – wie man auf einmal funktioniert, wie man es trotz allem schafft, die Dinge irgendwie doch positiv zu sehen. Mein Sohn hat sich den Arm gebrochen. 1000 mal ist er von der Schaukel gesprungen. 1000 mal ist nix passiert. Bis auf vorgestern. Das Ergebnis: ein weinendes, aber überraschend tapferer Junge, ein Arm, der merkwürdig abstand und ich, die alle drei Kinder ins Auto packte, ins Krankenhaus fuhr und dabei funktionierte. Überraschend souverän. Autopilot. Natürlich war der Mann gerade unterwegs -Murphys Gesetz lässt grüßen. Natürlich passierte es kurz vor Schluss unseres Freibadbesuches, als ich sagte „noch fünf Minuten, dann geht es nach Hause.“ Das Resultat: Arm gebrochen und zwar so, dass operiert werden musste.

Wenn ich mir vorher so eine Situation ausgemalt hätte, dann hätte ich erwartet, mich selbst aufgelöst zu sehen.

Stattdessen musste ich funktionieren, die Kinder beruhigen, dem Großen gut zureden, dem Mittleren seine 1000 Fragen erklären, das Baby stillen und im Arm halten. Es ist gut, wenn man in solchen Momenten viel zu tun hat. Denn dann kann das Gedankenkarussell im Kopf gar nicht erst anlaufen. Es gibt Wichtigeres zu tun, als sich Vorwürfe zu machen oder das Schlimmste auszumalen. Man hat eine Aufgabe. Deshalb war es doch wieder gut, dass ich meine beiden anderen Kinder nicht einfach „wegdelegieren“ konnte, sondern mitnehmen musste ins Krankenhaus.

Wir wohnen ein Glück nicht weit weg vom Krankenhaus und waren nach zehn Minuten da. Mein Großer war so tapfer und ging sogar zu Fuß den Kilometer vom Parkhaus zur Notaufnahme. Muss ich erwähnen, dass die Parkplätz an der Notaufnahme alle belegt waren? Und dass der Rollstuhlverleih am Parkhaus gerade zugemacht hatte? Wir mussten aber ein Glück nicht lange warten – der abstehende Arm meines Sohnes überzeugte sofort, das Kind mit der Bindehautentzündung musste warten und wir kamen gleich dran. Röntgen und dann war klar: Das kann nur eine OP richten. Mit Vollnarkose. Der Gatte war informiert und unterwegs. Und ich funktionierte. Stillte das Baby, während meinem tapferen Großen der Zugang gelegt wurde und ich ihm übers Haar strich und nebenher dem Mittleren die x. Warum-Frage beantwortete. Als mein persönlicher Albtraum eintrat (das Kind wird in den OP geschoben) blieb mir keine Zeit, mir Sorgen zu machen. Das Baby wollte Milch, der Mittlere rutschte auf dem Krankenhausspielplatz und hatte viel zu erzählen – das Gedankenkarussell konnte sich gar nicht in Gang setzen.

Und als mein Mann kam, war die Warterei fast vorbei. Statt angesagten 3 Stunden keine 2 Stunden und wir durften in den Aufwachraum. Da machte mein noch ein wenig weggetretener Großer schon die ersten Witze über unsere OP-Hauben und ich konnte aufatmen, bevor sich überhaupt Panik breitgemacht hatte.

Erstaunlich, wie man auf Autopilot funktioniert

Ist es nicht erstaunlich, wie wir Menschen dazu gemacht sind zu funktionieren? Auf eine Art Autopilot zu schalten? Eine Art Notprogramm abzuspulen? Die Erfahrung war auf merkwürdige Art und Weise beruhigend. Wir können viel. Mehr als wir denken.

Schlimm war der Abschied, der einfach nur weh tat. Ihn da liegen zu sehen. Ihn beim Schlafen nicht im Arm halten zu können. Mein Mann blieb über Nacht, ich konnte nicht  – da ist ja unser vollgestilltes Baby. Also fuhr ich um elf mit dem Mittleren und dem Baby nach Hause. Erst als die beiden schliefen, ratterten die Gedanken in meinem Kopf. Was hätte alles passieren können! Einmal nicht aufgepasst. War es meine Schuld? Hätte ich was anders machen sollen? Nein, wir können unsere Kinder nicht in Watte packen. Es kann immer und überall passieren. Oder wie der Anästhesist vor der OP zu mir sagte: „Es ist doch gut, wenn die Kinder toben. Besser als wenn sie den ganzen Tag vorm Computer sitzen. Und wenn Kinder toben, passiert so etwas.“ Und zwar zurzeit täglich – es ist Hochkonjunktur bei Kinder-Knochenbrüchen. Aber natürlich machte ich mir Vorwürfe. Hätte ich was ändern können? Und mir wurde klar, wie schnell es gehen kann. Wie schnell ein Unfall passiert. Ich sah auf einmal überall Gefahren. Es hätte ja auch etwas Schlimmeres passieren können.

Und genau der Gedanke rettete mich davor, völlig im Gedankenkarussell zu herumzurasen.

Es ist ja noch mal gut ausgegangen.

Ihr wisst, ich bin sowas wie eine notorische Optimistin. Ganz schlimm wäre der Kopf gewesen. Ein gebrochenes Bein wäre auch ziemlich blöd gewesen. Oder der rechte Arm. Er ist ja in der ersten Klasse – er lernt ja noch Schreiben. Aber es ist der linke Arm. Und es ging leichter zu reparieren als es erst hieß. Und: Rechtzeitig vor den Sommerferien darf der Gips ab. Diese Gedanken helfen mir – so komisch es klingt – doch irgendwie sogar noch dankbar zu sein. Dass es nicht schlimmer kam.

Am nächsten Morgen machte mein Sohn übrigens schon Witze, als ich ins Krankenzimmer kam. Und hatte tierischen Hunger. Und klagte übers Jucken unterm Gips. Der Abschied zur Nacht war wieder die Hölle. Aber ich musste ja funktionieren. Ein Glück musste er nur 2 Nächte im Krankenhaus bleibt und ist nun wieder zuhause. Es ist natürlich alles ungewohnt und nicht so einfach mit so einem Riesengips, der auch sehr schwer  Ist, aber es wird besser in kleinen Schritten. Wer Tipps hat, wie der Alltag mit Gips leichter von statten geht – her damit!

Jetzt bin ich erst mal froh, meinen Kleinen Großen bei mir zu haben. Und dass nichts Schlimmeres passiert ist. Denn eins hat mir der Unfall gezeigt: Es kann so schnell etwas passieren. Gesundheit ist wirklich das Allerwichtigste.

In diesem Sinne: Passt auf Euch auf, Ihr Lieben!

Wie man als Mutter funktioniert wenn das Kind operiert werden muss

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4 Kommentare zu “Premieren, die Mütter nicht brauchen: Arm gebrochen, Krankenhaus und OP

  1. Pingback: Schmerzhafte Liebe – MamaWege

  2. Gute Besserung! Ja es ist ein Graus das Kind im OP zu wissen und nichts tun zu können. ist nicht einfach – aber an funktioniert. Man muss ja. Denn der Rest der Familie muss auch versorgt werden, der Alltag läuft weiter. Und man muss auch stark sein fürs Kind.

  3. Oh weh! Gute Besserung für den jungen Mann.
    Ja, in Notsituationen funktioniert man einfach. So ein automatisiertes Programm kann sogar über Jahre hinweg anhalten, sofern nötig.
    Mit meinen Großen habe ich auch schon längst eine Krankenhaus-Flatrate und OPs hat er auch so einige hinter sich. Bei den ersten zwei OPs bin ich fast vor Sorge gestorben, aber dass ebbt etwas ab. Ja, wie schon im Artikel erwähnt, man kann nicht alles verhindern. Das ist einfach so.
    Mein Kleiner ist jetzt 11 Monate und mit ihm war ich das erste Mal am Sonntag im Krankenhaus wegen einer Platzwunde. Zwar auch mit Schuldgefühlen ( da kurz nicht aufgepasst) und Mitleid, aber bei weitem abgeklärter als beim Großen. Ich habe darüber gebloggt.
    Bei Jungs ist einfach das Risiko höher und ich erwarte schon fast immer eine Katastrophe.
    Alles Gute und LG Schokodil

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