Ein Recht auf heile Welt – wieso ich meinen Kindern nicht alle Nachrichten erzähle

Bombenangriff hier, Mann erschlägt Frau dort, danach noch ein Busunfall mit fünf Toten und der misshandelte Säugling und zum Abschluss noch das Auto, das in die Menschenmenge gerast ist: Wenn man heutzutage die Nachrichten im Radio hört, dann will man eigentlich gar nicht hinhören. Und schon gar nicht, möchte ich, dass meine Kinder es hören. Also bin ich dazu übergegangen, das Radio zur vollen Stunde leiser zu drehen. Seit mein Großer lesen kann, öffne ich die Zeitung morgens auch nicht mehr unbefangen, sondern drehe die Seiten so, dass er sie nicht einfach mitlesen kann. Weil ja fast jeden Morgen etwas drinsteht, das ich meinen Kindern nicht zumuten will. Weil auf dieser Welt zu viele Dinge geschehen, die ich noch nicht einmal verstehe. Die ich mir gar nicht vorstellen will. Und mich dennoch damit auseinandersetze – weil man gar nicht drum herum kommt (und ich als Journalistin auch eine gewisse Kenntnis der Nachrichtenlage haben sollte). Aber meine Kinder, die möchte ich so lange es geht, in ihrer heilen Welt lassen. In der keine Verrückten mit ihrem Auto in ein Straßencafé fahren, in der niemand seinen neugeborenen Säugling einfach aussetzt, in der es keine Giftgasangriffe oder Atombomben gibt.

Bin ich naiv?

Weil ich meine Kinder vor diesen Nachrichten bewahren möchte?

Weil ich sie in einer Art Blase aufwachsen lasse? In einer heilen Welt, die nur wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat?

Ja, vielleicht bin ich naiv.

Vielleicht behüte ich meine Kinder zu sehr.

Aber ich bin der festen Überzeugung: Kinder haben ein Anrecht auf eine heile Welt. Und je kleiner sie sind, desto heiler darf diese Welt sein.

Wie sollte man  mit Kindern über Nachrichten, Krieg und Terror sprechen? Unsere Lösung und meine Überzeugung, dass kleine Kinder an Recht auf heile Welt und unbeschwerte Kindheit haben #erziehung

Je kleiner die Kinder, umso weniger lasse ich sie wissen

Dieses Anrecht konkurriert natürlich direkt mit dem Anrecht auf die Wahrheit, das ist mir klar. Aber, ganz ehrlich: Muss ein Dreijähriger wissen, was Krieg ist? Muss man sich mit einem Vierjährigen darüber unterhalten, wieso Menschen andere Menschen umbringen? Muss man mit Fünfjährigen Gespräche über um sich schießende Attentäter in Diskotheken führen? Ich finde: Nein. Das muss man nicht. Meine Kinder sollen in ihrer heilen Welt aufwachsen, ohne Angst. Eine kuschelige heile Welt, die sich frühe Kindheit nennt. In der der schlimmste Kriminalfall, den die Polizei übernimmt, der Diebstahl von sehr viel Gold ist. Wir lieben hier in einer Luxussituation, in der unsere Kinder ohne Krieg und ständige Bedrohung aufwachsen. Wieso sollte ich diesen Luxus zerstören?

Nein. Nicht so lange meine Kinder klein sind.

Was konkret bedeutet: Solange sie im Kindergartenalter sind. Je älter sie werden, umso mehr lasse ich sie am Weltgeschehen teilhaben. Umso mehr erzähle ich ihnen von dem, was in der Welt passiert. Immer ans Alter angepasst, häppchenweise, auf Nachfrage. Ich möchte sie nicht überfrachten – und deshalb antworte ich nur auf die Fragen, die sie stellen. Und lasse ihnen Zeit, darüber nachzudenken. Sie selber entscheiden dann, ob sie mir wissen wollen. Oder ob es erst einmal reicht. Denn Nachrichten wollen verdaut werden. Mir ist es ja selbst manchmal zu viel – und ich verstehe die Welt selbst nicht. Wieso sollte ich also meine Kinder mit all den komplexen Dingen, mit all den Grausamkeiten zu konfrontieren?

Erst jetzt, wo mein Großer in der Schule ist, lasse ich ihn häppchenweise an diese komplexe Welt heran. Denn in der Schule wird viel geredet. Und er erfährt dort andere Dinge als im Kindergarten. Und natürlich ist es gut so. Denn je älter sie werden, umso besser können sie auch einordnen, was passiert und ob die Dinge sie unmittelbar betreffen. In der Klasse meine Großen ist ein Mädchen, das aus Afghanistan vor dem Krieg geflohen ist – und so weiß er jetzt, was Krieg ist und dass es nicht allen Kindern und Menschen auf der Welt so gut geht wie uns.

Aber ich werde einen Teufel tun, ihm alles zu erzählen – all die Grausamkeiten, die ein Krieg mit sich bringt!

Wie sollte man mit Kindern über Nachrichten, Krieg und Terror sprechen? Unsere Lösung und meine Überzeugung, dass kleine Kinder an Recht auf heile Welt und unbeschwerte Kindheit haben #erziehung

Ich will meine Kinder beschützen, ihn ihr kleines Bullerbü ermöglichen – zumindest bis zum Schulbeginn.

Wie viel Nachrichten dürfen Kinder sehen?

Ich habe auf meinen beruflichen Reisen in Entwicklungsländer Lebensumstände gesehen, die mich erschüttert haben. Ich habe über Kinderarbeit recherchiert, mit Kindern gesprochen, denen ihre Kindheit geraubt wurde. Ich habe in ihre viel zu erwachsenen Augen geblickt. Kinderrechte waren ein Schwerpunkt meiner Reportagen – das Recht auf Bildung, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Recht auf Mitbestimmung – und das Recht auf eine Kindheit, das Recht darauf, Kind zu sein.

Hier bei uns haben Kinder viele der Kinderrechte, ganz selbstverständlich, von denen andere Kinder nur träumen können. Wieso sollten wir ihnen also auch noch das Recht auf eine unbeschwerte Kindheit nehmen?

Und deshalb lasse ich meine Kinder in unserer kleinen Blase, in unserem Bullerbü aufwachsen.

Vielleicht ist es naiv. Aber wieso sollen wir ihnen diese Unbeschwertheit in den ersten Jahren nehmen? Nur damit sie informiert sind? Worüber denn informiert?! Über Dinge, die wir selbst nicht verstehen?! Die uns Eltern ebenso bis ins Mark erschüttern?! Dinge, die uns Angst machen – wieviel Angst machen sie denn dann erst unseren Kindern?! Meine Kinder sollen sich sicher fühlen, aufgehoben, sie sollen optimistisch, mit Vertrauen durch diese Welt kommen. Die Informationen, wie es auf dieser Welt wirklich zugeht, kommen noch früh genug, das Wissen kommt noch früh genug. In kindgerechten, altersgerechten Dosen. Mit Schulbeginn, Stück für Stück, sachte, sachte.

Und deshalb drehe ich das Radio leiser, wenn die Nachrichten kommen. Deshalb drehe ich die Zeitung morgens um, wenn die Titelseite zu viel verrät.

 

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10 Kommentare zu “Ein Recht auf heile Welt – wieso ich meinen Kindern nicht alle Nachrichten erzähle

  1. Wenn die Kids dann so 4, 5 Jahre alt sind, würde ich die Logo-Kindernachrichten auf Kika empfehlen. Es kommen die harten Sachen – auch. Aber nicht ungeschminkt.

  2. Ein schwieriges Thema, vor dem ich bisher verschont wurde. Aber mein Großer ist nun bald 4 1/2 Jahre und bekommt immer mehr mit. Somit auch vor ein paar Tagen den Aufruf einer Spendenaktion (Kinder im Kongo) in der Werbepause im TV (den ich mir ausnahmsweise mal angemacht hatte). Hätte ich es nur gelassen. Er saß mit einem ganz seltsamen Gesicht da und starrte in den Fernseh. Habe ausgemacht und ihm dann erklärt, dass es manchen auf dieser großen Welt nicht so gut geht wie uns. Er hat mir konzentriert zugehört und ich bin froh, dass er nicht weiter gefragt hat. Denn auch ich möchte, dass meine Kinder, so lange es möglich ist, eine unbeschwerte Kinderheit haben und in (wie nanntest du es) „einer Blase, in unserem Bullerbü aufwachsen“.

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