Fragen vor dem Einschlafen – Philosophie mit Kindern

„Mama“, sagte mein Großer plötzlich vor dem Einschlafen. „Mama, wenn du ein anderes Kind hättest, würdest du dem auch sagen, dass du es so lieb hast, oder?“ Und bevor ich etwas antworten konnte, fuhr er fort: „Denn dann wüsstest du ja gar nichts von uns.“ Siebenjährige laufen kurz vor dem Einschlafen zur Höchstform auf. Philosophie um 20 Uhr, wenn eigentlich auf dem Sofa eine Zeitschrift auf einen wartet. 

Seine Fragen zeigten mir, wie unser Leben vom Zufall abhängt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kurz bevor ich mit meinem Großen schwanger wurde, war ich zu Recherchen für eine Reportage bei der Fußball-WM in Südafrika. Was, wenn diese Reise eine Woche später gewesen wäre? Bevor ich mit meinem Mittleren schwanger wurde, war ich in Tansania, wieder zum Arbeiten. Was, wenn ich den Flug zurück verpasst hätte? Und es fängt ja schon viel früher an – was wäre, wenn ich damals nicht auf diese Erstsemesterparty gegangen wäre und meinen Mann dort getroffen hätte? Es sind diese vielen kleinen Zufälle, die unser Leben prägen – ohne dass wir es in dem Augenblick wirklich merken, uns wirklich dessen bewusst sind. Nur einmal war ich mir der Ausmaße eines Zufalls bewusst: Das war der 11. September 2001, als ich in New York war und der Wecker nicht klingelte. Sonst wäre ich morgens um 10 Uhr aus der U-Bahn-Station World Trade Center gestiegen, um dort wie all die Tage zuvor in einem Café zu frühstücken.

Ich schweife ab.

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Das Leben als Aneinanderreihung vieler Zufälle – der Gedanke meines Sohnes lässt mich irgendwie sehr klein fühlen.

Zufall reiht sich an Zufall und meistens merken wir es gar nicht.

Aber als mein Sohn das so sagte, schon fast im Schlaf, nahm ich ihn fester in den Arm. Ja, wenn meine Kinder nicht auf die Welt gekommen wären und statt ihnen andere Kinder – natürlich hätte ich die genauso lieb. Und natürlich würde ich meine jetzigen Kinder nicht vermissen. Denn ich wüsste ja gar nicht, dass es sie hätte geben können. Wenn mein Leben irgendwann eine andere Wendung genommen hätte, dann würde ich das Leben von heute nicht vermissen – weil ich es gar nicht kennen würde.

Ist das nicht irgendwie unheimlich?

Und irgendwie ließ mich dieser Gedanke, den mein Siebenjähriger so frei in den Raum gesagt hatte, wie es nur Kinder können, so klein fühlen, fast schon demütig. Ich kam mir so klein vor in dem Riesenmeer von Zufällen, durch das wir Tag für Tag schwimmen – diese vielen Zufälle, die wir gar nicht bemerken und als solche wahrnehmen. Und gleichzeitig machte mich dieser Gedanke so froh, dass es alles so gekommen war, wie es gekommen war. Dass ich hier im Bett liegen darf mit drei kleinen Kindern, die für mich die besten Kinder der Welt sind, die ich gegen nichts eintauschen möchte – und die richtig sind, so wie sie sind.

Genau wie der Rest richtig ist, so wie er ist. Eintauschen möchte ich nichts. Überhaupt nichts, nicht ansatzweise.

Alles fügt sich und von vielem verstehe ich erst rückblickend den Sinn – das Wissen hilft, wenn mal grad alles nicht so rund läuft. Und mein Großer hat diese Erkenntnis einfach mal so abends im Bett vorm Einschlafen vor sich hingemurmelt. Kinder sind einfach großartig und die besseren Philosophen als wir Erwachsenen. Wir sollten ihnen viel häufiger zuhören.

Kolumne, Nachdenkliches: Wie unser Leben aus einer Aneinanderreihung von Zufällen besteht. Gedanken über das Leben mit kindern und das Leben an sich

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4 Kommentare zu “Fragen vor dem Einschlafen – Philosophie mit Kindern

  1. Komisch.. Ich hab Gänsehaut und Pipi in den Augen.. (Die Gänsehaut ging tatsächlich los wegen des Glücks mit deinem Wecker!!) Aber vor allem, weil ich irgendwie diese Demut auch empfinde, wenn ich mal drüber nachdenke. Wie schön, dass alles so gekommen ist , wie es gekommen ist – auch ich bin dankbar über meine Zufälle, die mir mein heutiges Leben beschert haben!

    Ich hab mich letztens auch schon so über deinen Text, was du eben doch alles geschafft hast gefreut!

    Liebe Grüße !

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