Astrid Lindgrens Kindheit und Elternhaus: Die Näs im Vimmerby

Das Smaland rund um Vimmerby taucht immer wieder in Astrid Lindgrens Büchern auf. Sie hat viele ihrer Kindheitserinnerungen in ihren Geschichten verarbeitet -und wie ihre Kindheit aussah, wie überraschend modern die Erziehungsansichten ihrer Eltern Anfang des 20. Jahrhunderts schon waren (Stichwort: Familienbett!), darüber erfährt man eine ganze Menge, wenn man das Elternhaus Astrid Lindgrens Näs in Vimmerby besucht (es ist nicht ihr Geburtshaus, auch wenn es oft so bezeichnet wird). Diesen idyllischen Platz plus zwei Astrid Lindgren Bücher, die sich nicht an Kinder, sondern uns Erwachsene richten und ein ganz neues Bild auf die Schriftstellerin werfen, möchte ich Euch heute in meinen Schweden-Wochen vorstellen.

Astrid Lindgren Näs, Elternhaus, Astrid Lindgren, Ausflugstipp

Astrid Lindgren ließ ihr Elternhaus in den 60er Jahren so herrichten wie zu ihrer Kindheit. Man kann es im Rahmen von Führungen besichtigen – es lohnt sich! Doch die Näs bietet noch viel mehr…

Dort, wo heute Wohnblocks stehen, waren früher Wiesen und Wälder. Ein weites Land, in dem die kleine Astrid Lindgren mit ihren drei Geschwistern tobte, das sich an den Pachthof anschloss, das Astrids Vater Samuel August vom Pfarrer pachtete. „Es war schön, dort Kind zu sein, und schön, Kind von Samuel August und Hanna zu sein“, schreibt Astrid Lindgren in ihrem wundervollen Kindheitserinnerungenbuch „Das entschwundene Land“ und gibt einen Einblick, wie frei und glücklich ihre Kindheit dort auf Näs in Vimmerby war:

„Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit. Wir fühlten uns geborgen bei diesen Eltern, die einander so zugetan waren und stets Zeit für uns hatten, wenn wir sie brauchten, uns im Übrigen aber frei und unbeschwert auf dem wunderbaren Spielplatz, den wir in dem Näs unserer Kindheit besaßen, herumtollen ließen.“

astridlindgrennas

Astrid Lindgren nahm ihre eigene Kindheit zum Vorbild für ihre Bücher

Astrid Lindgren beschreibt in „Das Entschwundene Land“ ihre sorgenfreie Kindheit, über die man bei einem Besuch der Astrid Lindgrens Näs in Vimmerby so viel Spannendes und Inspirierendes lernt.

„Wir spielten und spielten und spielten, sodass es das reine Wunder ist, dass wir uns nicht totgespielt haben.“

Wünschen wir uns nicht genauso so eine Kindeit für unsere Kinder?!

Limonadenbaum, Eiche, Astrid Lindgren Näs

Der Limonadenbaum: Diese alte Eiche auf dem Gelände der Näs diente als Inspiration für den Baum im Pippi-Buch.

Astrid Lindgrens Eltern: Geborgenheit stand im Mittelpunkt

Astrid Lindgrens Eltern waren für die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts ungewöhnlich modern und ließ ihren Kindern viele Freiheiten. Wenn man sich durch das Elternhaus auf der Näs führen lässt – was man unbedingt tun sollte, es gibt tolle Führungen auch auf Deutsch – dann erfährt man, wie die Eltern Wert darauf legten, dass immer das jüngste Kind bei der Mutter im Bett schlafen durfte. Um Nähe und Bindung zu erfahren. Die älteren Kinder durften beim Vater im Bett schlafen, im selben Raum, um ebenfalls diese Bindung zu erhalten. Familienbett! Im Hause Lindgren! Vieles erinnert an das, was man heute neudeutsch Attachment Parenting nennt.

Bei der Führung durch das kleine rote Haus, das Elternhaus, wo Astrid ihre ersten Lebensjahre verbrachte und das sie in den 60er Jahren zurückkaufte und genauso einrichtete wie es in ihrer Kindheit war, steht man ganz dicht neben dem Sessel, wo ihr Vater ihrer Mutter jeden Abend versicherte, wie sehr er sie liebte. Man steht im Schlafzimmer in diesem kleinen Elternhaus, wo die Geschwister so viel „Nicht den Boden berühren“ spielen durften wie sie wollten, selbst wenn sie dabei nach dem Beklettern des Ofens ihre rußigen Finger an den Möbeln abwischten. Astrid Lindgrens Mutter Hanna schimpfte nur wenig mit ihren Kindern, in einer Zeit, in der Zucht und Ordnung in den Familien verbreitet war. Es gab keine Vorhaltungen, wenn die Kinder mit zerrissenen Kleidern nach Hause kamen, sie ließ die Kinder toben, ihnen ihre Freiheit- was aber nicht hieß, dass die Kinder immer frei hatten, wie sich Astrid Lindgren selbst erinnert: „Schon mit sechs Jahren mussten wir beim Rübenverziehen und beim Rupfen der Brennesseln für die Hühner helfen.“

Astrid Lindgrens Näs, Gärten

Spaziergang durch Wildblumenbeete: Einer der Gärten in der Astrid Lindgrens Näs.

Ich bewundere Astrid Lindgren sehr, liebe ihre Bücher, ihre klugen Worte in vielen Interviews, ihre Fantasie und die schöne Welt, die sie zeichnet, diese schönen Landschaftsbeschreibungen, die sie findet, die starken Figuren, die sie für ihre Geschichten erfand. Wer mehr über diese Ausnahme-Schriftstellerin erfahren will, die Hintergründe für ihre Werke, der sollte unbedingt die Näs in Vimmerby besuchen! Neben dem Elternhaus (was manche auch als Geburtshaus bezeichnen) gibt es dort auch eine sehenswerte Ausstellung, in dem man noch viel mehr Details aus dem Leben Astrid Lindgrens erfährt und auch lernt, ihre Bücher zeitlich zu verstehen und einzuordnen.

Astrid Lindgrens Näs: Auch mit Kindern einen Besuch wert

Die Astrid Lindgrens Näs ist nicht nur ein Museum, es ist ein typisch schwedischer Raum der Begegnung. Und deshalb auch typisch schwedisch ein tolles Ausflugsziel mit Kindern. Ein kleiner Park, durch den man wandert. Vorbei an dem Limonadenbaum, einer alten knorrigen Eiche, in der der Limonadenmann der örtlichen Brauerei einst die Limonadenkästen stellte, wenn er sie brachte und niemand da war im Hause Lindgren. Man kann in einem typisch schwedischem Café mitten im Park der Astrid Lindgrens Näs einkehren. Man kann im Restaurant gleich neben den vielen Büchern im Museumsshop ein typisch smaländisch (und sehr leckeres!) Essen vom Buffet genießen – gleich neben einer kleinen Spielecke für die Kleinen.

Patrick Dougherty, Astrid Lindgrens Näs

Begehbare Kunst von Patrick Dougherty im Park der Astrid Lindgrens Näs, in den Gärten ihres Elternhauses, wo sie ihre Kindheit verbrachte.

Ein kleiner naturbelassener Spielplatz hält die Kinder bei Laune, die auch ihren Spaß dabei haben werden, durch die kleinen Themengärten der Astrid Lindgren Näs zu spazieren. Denn die Gärten  sind nach drei Themen angepflanzt: Themen, die in Astrid Lindgrens Büchern eine wichtige Rolle spielen, wie Freiheit, Mut, Melancholie und Lebensfreude. Die liebevoll angelegten Gärten der Astrid Lindgrens Näs sollen Rückzugsorte sein – denn solche Orte tauchen auch immer wieder in den Werken Astrid Lindgrens auf, Michels Tischlerschuppen etwa, Orte, die für die Kindheit nach Astrids Auffassung immens wichtig sind. Man spaziert auf diesem Gelände  durch ein kleines Wäldchen, an einem kleinen Fluss entlang, durch Wildblumenbeete und vorbei an Kunstwerken – alles auf kleinem Raum, aber nie überlaufen.

AStrid Lindgrens Näs, Spiellpatz

Kein Hightech, sondern sehr naturverbunden: der kleine Spielplatz auf der Näs.

Ein sehr inspirierender Besuch in einer kleinen Oase, die früher am Waldrand und heute mitten in Vimmerby liegt, nur einen Steinwurf vom Kinderparadies  Astrid Lindgren Welt entfernt, über die ich nächste Woche für Euch schreibe. Die Astrid Lindgrens Näs ist definitiv einen Besucht wert, wenn man mehr über die Schriftstellerin und ihr Leben erfahren will – und dank ihrer Kinderfreundlichkeit ist die Näs in Vimmerby und auch das Elternhaus auch für Kinder ein lebendiges Museum! (um meine Recherchen zu unterstützen, hat die Näs für mich als Journalistin den Eintritt übernommen, herzlichen Dank dafür!)

Buchtipp: Astrid Lindgrens Kindheitserinnerungen

Wer mehr über die Kindheit und das Leben auf dem Lande in Schweden Anfang des 20. Jahrhunderts erfahren möchte, dem möchte ich unbedingt Das entschwundene Land (Affiliate Link) ans Herz legen, ein kleines Taschenbuch, das zauberhaft geschrieben ist und uns Erwachsenen verstehen lässt, woher Astrid ihre Inspirationen für die Bücher hernahm. Und wieso sie so schrieb wie sie schrieb:

„Ich glaube, dass man mit Kindern über fast alles sprechen sollte und auch sprechen kann, doch dabei kommt es nicht zuletzt darauf an, wie man sie spricht, damit sie einem auch zuhören.“

Aus ihren Worten spricht dieses tiefe Verständnis für die Kinder: „Schreibe möglichst etwas, das nur für Kinder lustig ist, für Erwachsene aber überhaupt nicht; schreibe möglichst auch etwas, das für Kinder und Erwachsene lustig ist, schreibe aber in einem Kinderbuch niemals etwas, von dem du genau weißt, dass es nur für Erwachsene lustig ist.“ Schließlich schreibe man für Kinder und nicht dafür, damit einen die Rezensenten lustig und geistreich halten! Weise Worte, die sich so mancher Kinderbuchautor einmal durch den Kopf gehen lassen sollte…

Buchtipp 2: Die Kriegstagebücher Astrid Lindgrens

Und wer noch eine ganz andere Seite der Autorin kennenlernen möchte, dem möchte ich die in diesem Jahr erschienenen Kriegstagebücher von Astrid Lindgren empfehlen: Die Menschheit hat den Verstand verloren: Tagebücher 1939-1945 (Affiliate Link). Ein dicker Wälzer, den ich als Geburtstagsgeschenk bekam und den ich ruckzuck durchhatte und das bei meiner knappen Lesezeit! Astrid Lindgren beschreibt in ihren Kriegstagebüchern, wie sie den Zweiten Weltkrieg erlebte, was man in Schweden mitbekam, wie der Alltag war, mit vielen übersetzten Zeitungsartikeln und Briefen. In diesen Jahren schrieb sie übrigens auch „Pippi Langstrumpf“, auch über die Entstehung des Buches erfährt man einiges. Dieses fröhliche Buch, was so im Kontrast zu den Jahren seiner Entstehung steht. Wahnsinn. Die Kriegstagebücher: Spannend geschrieben, sehr fesselnd. Was mich besonders interessierte: Ihre Außensicht auf das, was ich nur aus dem Geschichtsunterricht kannte. Ein tolles Buch, was ich nicht aus der Hand legen konnte.

Ich hoffe, ich konnte Euch Lust darauf machen, diese großartige, für mich eine der größten Kinderbuchautorin, ihre Kindheit und ihr Elternhaus, die Näs in Vimmerby, näher kennenzulernen. Sie gehört zu einem Urlaub in Schweden einfach dazu, vor allem zu einem Urlaub mit Kindern!

Nächste Woche nehme ich Euch mit in die famose Astrid Lindgren Welt, ein Freizeitpark, der ganz anders daherkommt als andere Freizeitparks, etwas ganz Eigenes, Besonderes ist.

SONY DSC

Unter anderem die Bewohnerin dieses zauberhaften Hauses habe ich in der Astrid Lindgren Welt getroffen!

Habt Ihr schon meine anderen Schweden-Wochen-Folgen angeschaut? Ich hatte Euch mit an den Asnen-See in Smaland genommen, mit der Fähre über die Ostsee, mit zu den Drehorten der Bullerbü- und Michelfilme, in die Gegend rund um Vimmerby und habe Euch einen schwedischen Onlineshop vorgestellt. Lasst Euch für Euren Urlaub in Schweden inspirieren und folgt mir doch, gerne auch auf Facebook und Instagram Instagram, wo ich viele, viele Schwedenfotos teile.

 

 

 

 

11 Kommentare zu “Astrid Lindgrens Kindheit und Elternhaus: Die Näs im Vimmerby

  1. Pingback: Vimmerby – Astrid Lindgren, kinderkleine Häuser, buntes Schweden – Schwedenlichter

  2. Hallo Nathalie! 🙂 Dein Blog ist frisch und so herrlich ehrlich, Mama sein ist doch toll! 🙂 Insbesonder interessieren mich deine Schwedenbeitrage. Sehr gelungen! Wir sind seit einem Jahr in Östergötland. Bist du nur auf Urlauben oder auch dauerhaft hier?
    Dieser Beitrag lockt mich auch zu Lidngrens Geburtshaus! Und der Spielplatz sieht sehr einladend aus. Am nächsten Wochenende werden wir auch in Vimmerby „einfallen“. Ich werde dann davon auch berichten. Ist denn das Geburtshaus in der Nähe? LG von Lovisa

    schwedenlichter.wordpress.com

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  3. Ich liebe deine Schwedenreihe! Wir planen nächstes Jahr einen Urlaub in Smaland und ich speicherer mir jeddn Text ab. Danke für die tollen Beschreibungen, Fotos und Tipps! Und ich freue mich, auf deinen Blog gestoßen zu sein: Er ist einer meiner Lieblingsblogs geworden!

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  4. Liebe Nathalie,
    was für ein wunderwunderschöner Ort! Ich liebe Pippi Langstrumpf und Michel, sowie deren Verfilmungen (Michel in der Suppenschüssel gehört an Weihnachten bei uns zum Pflichtprogramm). Jetzt habe ich auf jeden Fall noch einen Grund mehr, mal nach Schweden zu fahren.
    Alles Liebe,
    Natalie 🙂

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  5. Das klingt nach einem ganz besonders schönem Urlaubsziel. Es ist immer wieder spannend, wenn man die Schriftsteller, die die eigene Kindheit und die der Kinder prägten und prägen, vom Sockel holt und Einblicke in ihr Leben erhält. Und siehe da, es sind (oder in dem Falle waren) auch nur Menschen!

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