Wutzwerg zu Besuch: Willkommen in der Trotzphase!

Die Trotzphase ist ja auch so eine Sache, die man schnell verdrängt und vergisst, wenn das Kind größer ist. Und so habe ich die Trotzanfälle meines Großen schon fast vergessen. Jetzt legt sein kleiner Bruder nach – und ich hatte völlig verdrängt, wie anstrengend es sein kann, einem von Null auf 100 von einer Minute zur anderen schreienden und um sich schlagenden Wüterich gegenüber zu stehen. Mein Kleiner ist nun mittendrin in dem, was man auch pädagogisch korrekt gerne Automiephase nennt. Der Begriff macht es aber keinen Deut besser. Und eines ist klar: Die Wutanfälle meines Großen waren total harmlos im Vergleich zu dem, was sein kleiner Bruder vorzeigen kann.

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Mein süßes kleines Männchen wird groß. Und autonom: Die Trotzphase ist da!

So ein niedlicher Junge! Dieses schelmische Lachen! Die Grübchen! Wie er schäkert und Quatsch macht und dabei übers ganze pausbäckige Gesicht grinst! Dieses süße Kind kann sich Nullkommanix in einen tobenden Wutzwerg verwandeln, der, wenn man nicht schnell genug ist, Gläser vom Tisch fegt, Teller hinterherwirft und mit dem Füßen aufstampft, dass Rumpelstilzchen noch was lernen könnte.

Ganz banale Dinge können einen Trotzanfall auslösen

Die Gründe für einen Trotzanfall sind nicht immer klar ersichtlich. Es kann was ganz Banales sein. Dass Mama nicht versteht, dass er die linke Pommes und nicht die rechte Pommes vom Teller wollte. Dass er das Wasser ohne Strohhalm wollte. Oder wahlweise mit. Dass ich ihm einen Löffel statt eine Gabel für den Milchreis in die Hand drücke. Dass der Milchreis von der Gabel gerutscht ist. Dass es den Nachtisch nach dem Essen gibtr.

Es können auch tiefgreiferende Gründe sein. Weil wir nicht gleich verstehen, dass er heute die Sandalen anziehen will – bei strömenden Regen, na und?! Weil er nicht mit der Nagelschere spielen darf. Weil ich nach dem zehnten Mal „Aufladen, Abfahren“-Vorlesen das Buch zuklappe. Dass er das Spielzeugauto im Supermarkt nicht einfach mitnehmen kann.

Oder dass sein Bruder es wagte, seinen Bagger fünf Millimeter nach rechts zu schieben. Achja, sein großer Bruder löst gerne mal Trotzanfälle aus. Weil er ihm ein Spielzeug wegnimmt. Oder die Eisenbahnschiene in eine Linkskurve legt statt in die Rechtskurve.

Oder er ärgert sich über sich selbst. Weil das Sockenausziehen nicht gleich klappt. Weil er den Reißverschluss der Jacke nicht hochgezogen bekommt. Weil er beim Milcheinschenken die Hälfte daneben gekippt hat. Weil die zwei Puzzleteile nicht zusammenpassen – in diesem Fall verfährt er bevorzugt nach dem Prinzip: Was nicht passt, wird passend gemacht. Und wenn das nicht klappt, dann wird er noch wütender und zerstört alles.

Oft genug kommt es auch vor, dass einfach gar kein Grund für den Wutausbruch ersichtlich ist. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Da wird aus dem gerade noch so lustigen, süßen Männchen urplötzlich ein tobender Zwerg, der um sich schlägt und nicht mehr zu beruhigen ist. Er brüllt, dass jeder Fußballtrainer neidisch wird, heult lauter als jedes Martinshorn und entwickelt Bärenkräfte, dass selbst mein Mann Schwierigkeiten hat, ihn hochzuheben.

Kind krabbelt weg

In der Autonomiephase werden die Kinder selbständig.

Beim Trotzanfall hilft meistens Humor, Abwarten und in den Arm nehmen

Hach ja. Und dann, wenn man ihn so eine Weile toben lässt und dann, wenn die erste Wut verraucht ist, in den Arm nimmt und übers Haar streicht, dann ist er auf einmal wieder der kleine Sonnenschein mit den Grübchen. Noch ein bisschen kaputt, denn so ein Trotzanfall strengt ja auch an, aber schon wieder ganz der Alte.

Uns strengt so ein Wutanfall übrigens auch an… denn er entwickelt sich urplötzlich aus der besten Laune heraus, ohne Vorwarnung. Ein Glück verraucht die Wut meistens auch so schnell wie sie kam.

Besonders schön sind übrigens die Momente, in denen beide Jungs gleichzeitig einen Trotzanfall bekommen . Der Große ist ja eigentlich aus der Trotzphase raus, aber manchmal kommen noch so Rückfälle. Synchrone Wutanfälle, diese Disziplin beherrschen sie super. Ich frage mich, ob sie sich da eigentlich absprechen: Komm, wir ärgern Mama mal und flippen beide mal aus.

Die Trotzphase kann nerven. Und anstrengend sein. Aber manchmal und eigentlich gar nicht so selten, ist es auch ganz schön niedlich. Oder wie geht es Euch? Im Nachhinein sind die meisten Situationen ja auch ziemlich lustig. Nur in dem Moment selbst ist mir nicht wirklich immer zu lachen zumute…

Kann man von der Trotzphase auf die Pubertät schließen?

Ich weiß, wie wichtig diese Phase ist und welche Veränderungen und Fortschritte das Kind in diesem Alter macht. Aber wenn es so richtig heiß hergeht, dann ist es, ganz ehrlich, mir ziemlich wurscht, was das jetzt für die Entwicklung bedeutet. Geholfen hat es mir, mal zu lesen, dass sehr intelligente Kinder eine stark ausgeprägte Trotzphase haben! Weniger geholfe hat es, zu lesen, dass eine starke Trotzphase auf eine ähnlich ausgeprägte Wutphase in der Pubertät schließen lässt. Ach, ich nehme einfach die Statistiken, die mir gefallen und lasse die anderen unter den Tisch fallen 🙂

Mein süßer, hilfloser kleiner Mann, ich habe dich so unglaublich lieb, egal wie wütend du bist, wie sehr du brüllst, dich auf den Boden wirfst oder mit den Füßen aufstampfst. Aber versteh bitte, dass es mich auch anstrengt und ich manchmal einfach mal leise vor mich hin bis 10 zählen muss. Und dir nicht immer helfen kann – oft genug weiß ich auch gar nicht, was dir in diesem Moment überhaupt helfen könnte. Aber du kannst dir sicher sein, ich bin immer da und egal wie laut du schimpfst: Ich habe dich immer lieb!

Was habt Ihr für Trotzanfall-Highlights? Und wie geht Ihr mit der Trotzphase um? Ich bin der festen Überzeugung, dass Humor meistens die beste Lösung ist. Und einfach tief durchatmen, wenn der kleine Mann es zulässt, ihn in den Arm nehmen und warten, bis der Vulkan fertig ist mit explodieren. Naja, ich gebe es auch zu: Oft bin ich faul und umgehe brenzlige Situationen. Nicht immer konsequent, aber um das Allgemeinwohl bemüht 🙂 Und mal ganz ehrlich: Dann gibt es halt die Gummibärchen vorm Abendbrot, geht davon die Welt unter? Nee. Aber besser als wenn der Teller mit dem Abendessen an die Wand geworfen wird.

 

 

4 Kommentare zu “Wutzwerg zu Besuch: Willkommen in der Trotzphase!

  1. Ein toller Beitrag, da bin ich ganz bei dir!
    Ich bin vom Beruf Erzieherin und zertifizierte Elternbegleiterin und habe tag täglich mit trotzenden Kinder zu tun. Neulich wollte ein Kind die Suppe mit der Gabel trinken. Nachdem es gemerkt hat, dass es nicht funktioniert, hat das Kind geschrien und gesagt „Das geht nicht, das ist kaputt“. Kurz darauf habe ich das Besteck fliegen sehen und somit fing es an… Ich habe es auch mit Humor aufgenommen. Nach einer Kuschelrunde war die Welt wieder in Ordnung 🙂 …

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  2. Schön geschrieben. Hast fast unseren Zwerg beschrieben. Er hatte mal eine Zeit da hat er vor Wut mit den Zähnen auf den Fliesenboden geklopft 😨 Inzwischen ist es aber schon besser bzw. dauert meist nicht mehr so lange.
    LG Rebecca

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  3. Oh ja, diese Phase…
    Ich kann den Beitrag eins zu eins für mich übernehmen. Die kleinsten Sachen bringen den dreijährigen Vulkan zum Ausbruch.
    Und der letzte Absatz passt auch auf mich. Manchmal hat man keine Lust auf „Theater“ und lässt Regeln außen vor. 🙂

    Liebe Grüße, Valentina.

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  4. So, so geil!!!! Ich habe mich gerade schlapp gelacht bei diesem Beitrag. Treffender hättest du es nicht schrieben können!!! Ich habe auch zwei solcher Zwerge und gerade diese Disziplin in synchronem Trotzen sind sie meister… Hilfe!!! Fast täglicher Pralleltrotzanfall bei uns ist an der Tür vor der Kita. Und zwar rennt der Große immer vor und drückt schon auf den Summer, dass ich die Tür aufmachen kann. Der Kleine kommt aber seit Neustem auch da dran und brüllt was das Zeug hält, weil er diesen Summer nun betätigen wollte… nun lasse ich den Großen rein und lasse den Kleinen den Summer noch einmal betätigen und in dem Moment fängt der Große wie von Sinnen an zu schreien, weil ER doch die Tür aufmachen wollte… *lach* Sehr herrlich und amüsant dieses Spiel. Wie du siehst, ich sehe es wie du, es ist wirklich am einfachsten mit viel Humor zu überstehen. 🙂 Achso, und auch mal fünfe gerade sein lassen, kann auch gut helfen. :;)

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