Das Geschwisterkind ist da

Da sind sie nun, die zwei Brüder. Der große ist kein Einzelkind mehr. Ich hatte ja bereits vor der Geburt des Kleinen über meine Gedanken und Befürchtungen geschrieben, beiden Kindern gleichermaßen gerecht zu werden. In der Theorie ist man denn auch gut gewappnet gegen eventuelle Eifersuchtsanfälle beim großen Kind, hat sich vorbereitet auf allerhand schwierige Situationen und durchgespielt, wie man beiden Kindern gerecht werden kann. Man hat das große Kind vorbereitet auf das Geschwisterkind, all die Bücher gelesen und die Bilderbücher angeschaut. Man hat ihn an der Schwangerschaft teilhaben lassen und den Ratschlag beachtet, keine falschen Versprechungen zu machen. Mein großer Sohn wusste: Da kommt ein Baby auf die Welt und das kann am Anfang nur schreien, schlafen, trinken und zwar an Mamas Brust. Es dauert eine Weile, bis der kleine Bruder Duplos bauen kann.

Soweit  die Theorie. Und dann wird man in die Praxis geworfen.

Babyhände, zwei Kindern gerecht werden

Egal, wie gut man sich auf die Geburt des zweiten Kindes vorbereitet: Das Gefühl, zwei Kindern nicht gerecht zu werden, zerreißt einen doch.

2 Kindern gerecht werden ist so schwer

Eifersuchtsanfälle des großen Bruders blieben aus. Bisher. Der Große macht es sehr gut! Er hält die Hand seines kleinen Bruders, wenn er weint, zeigt ihm stolz, wie man Zähne putzt und will auf seine etwas ungestüme Art mit ihm kuscheln. Rückfälle ins Babyalter gab es auch nicht. Die Windel braucht er weiterhin nicht und beim Essen muss er auch nicht wieder gefüttert werden. Aber er will wieder häufiger im Buggy sitzen, viel kuscheln – und hat plötzlich Bauchweh. Das sich in Luft auflöst, wenn er auf  den Schoß genommen wird oder ein Buch vorgelesen bekommt. Nur abends beim Einschlafen, wenn ich nicht mit ihm im Liegen kuscheln kann, weil der Kleine ausgerechnet in diesen zwanzig Minuten Hunger bekommt und gestillt werden muss, dann kommen traurige Blicke und ab und zu ein „Mein Bruder soll zu Papa.“

Das sind die Momente, die es einem als Mama nicht leicht machen. Man kann einfach nicht immer beiden Kindern gerecht werden. Es gibt diese Situationen, in denen es einen fast zerreißt. Diese traurigen Blicke, dieser eine Satz – er zieht einem das Herz zusammen und man fragt sich: „Werde ich es jemals schaffen, beiden Kindern gerecht zu werden?“

Ja, ich werde es schaffen. Man kann es nicht immer, nicht zu 100 Prozent beiden Kindern gerecht werden. Aber man ihnen genug gerecht werden. Das muss ich mir immer wieder sagen in diesen Momenten, in denen das Ding mit dem Geschwisterkind so schwer ist. Eifersucht unter Geschwistern lässt sich nicht immer vermeiden. Ich denke, man muss diese Eifersucht einfach akzeptieren und sie in dem Moment zulassen.

Rituale beibehalten helfen dem großen Geschwisterkind

Was ein großer Vorteil ist in Sachen zwei Kindern gerecht werden und das Ganze sehr erleichtert: Der Große ist fünf Stunden am Tag bei der Tagesmutter, eine kleine Gruppe, in der er sich wohlfühlt – seine kleine Welt. In den Weihnachtsferin hat er es sogar so vermisst, dass wir jeden Tag mit ihm Tagsmuttergruppe spielen mussten, im Kreis sitzen, Mittagsschlaf halten, Aufräumen inklusive. So habe ich den Vormittag Zeit, dem Kleinen ein bisschen Einzelkindgefühl zu vermitteln, Babymassage, Singen, Spazierengehen, kuscheln, lustige Geräusche machen, was man so macht. Und der Große hat seine Rituale, die er schon vor der Geburt seines kleinen Bruders kannte. Rituale, die ihm  Halt geben und zeigen, nicht alles hat sich geändert, seit das Geschwisterkind auf der Welt ist. Es gibt Dinge, die bleiben gleich. Die Liebe der Eltern. Das abendliche Vorlesen. Das Frühstück bei der Tagesmutter.

Und trotzdem. Obwohl alles gut klappt. Habe ich das Gefühl, manchmal den einen oder den anderen zu vernachlässigen. Das Gefühl, sich zu zerreißen, den beiden Kindern nicht so gerecht zu werden, wie ich es eigentlich will, lässt sich nicht wegdiskutieren.

Eifersucht unter Geschwistern ist normal

Dieses Gefühl, dass es einen zerreißt, weil man beiden Kindern einfach nicht gerecht werden kann, es kommt immer mal wieder. Mehrmals täglich. Wenn der Kleine mal etwas länger warten muss, an die Brust zu kommen, weil ich den Großen grad mit aufs Klo begleite. Wenn der Große ein Buch vorgelesen bekommt statt wild mit mir Verstecken zu spielen, weil der Kleine gestillt werden muss. Es sind viele kleine Situationen, wo der eine zurückstecken muss. Und jedes Mal habe ich ein schlechtes Gewissen, dem anderen gegenüber. Blödsinn, ich weiß, damit müssen sie klarkommen und das machen andere Kinder auch durch. Trotzdem gehen mir die enttäuschten Blicke unseres Großen nahe. Und der Satz „Ich habe Bauchweh“. Der schießt mir direkt ins Herz! Das tut weh, da ist auch bei mir ein dicker Kloß im Bauch.

Man will als Mama nicht, dass sich eines der beiden Kinder zurückgesetzt fühlt. Beide sollen die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Gleichermaßen. Keiner soll traurig sein. Eifersucht sollen meine Kinder einfach noch nicht kennenlernen in ihrem Alter, auch wenn ich weiß: Eifersucht unter Geschwistern ist ganz normal. Man will sie ja vor allem beschützen, diese süßen Kleinen, sie sollen keine negativen Gefühle kennen. Und so zerreißt es einen das eine ums andere Mal. Trotz aller guter Vorsätze, beiden irgendwie gerecht zu werden.

Es ist einfach verdammt schwer, zwei Kindern gerecht zu werden!

Ich hoffe, es wird besser mit der Zeit. Manchmal frage ich mich, ob sich eigentlich alle soviele Gedanken machen oder ob ich einfach zu viel nachdenke… Ich freue mich jedenfalls darauf, wenn sie beide so alt und so weit sind, dass sie miteinander spielen und Unsinn machen. Auch wenn es dann sicher manchmal anstrengend sein wird – wenn dann sogar noch eine Tasse Tee und eine Viertelstunde Lesen für Mama bei rausspringt, während die zwei wie die dicksten Kumpel Duplotürme bauen – umso besser!

Und ich weiß, ich glaube fest daran, dass es leichter wird. Man wird nicht beiden Kindern immer gerecht – es geht gar nicht. Aber: Man lernt, es zu akzeptieren. Zu sehen, dass es den Kindern nicht schadet, wenn sie mal nicht 100 Prozent Aufmerksamkeit an 24 Stunden am Tag bekommen. Wenn sie lernen, auch mal kurz zu warten, bis die Mama wieder eine Hand frei hat. Wir lernen alle dadurch in der Familie.
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4 Kommentare zu “Das Geschwisterkind ist da

  1. das habt ihr beide so schoen beschrieben (siehe antwort oben)… mein stoepsel ist noch einzelkind, aber mein wunsch waere schon noch ein zweites baby. aber wenn mir das durchlese, tuts mir ein bisschen weh, mir diese neue situation vorzustellen. andererseits ist da diese verantwortung bei einem einzelkind, fuer genuegend sozialkontakte zu sorgen. schwierige situation.

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    • Bei allen Gedanken, die man sich macht: Es lohnt sich, zwei Kinder zu haben. Eines kann ich auf jeden Fall sagen: Man teilt die Liebe nicht einfach auf. Sondern sie wird einfach mehr. Man hat einfach noch mehr Mutterliebe als vorher.

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  2. Toller Artikel….ich glaube, Du machst das schon ganz großartig! Meine Motte ist ja noch ein Einzelkind und daher kenne ich diese Sorge noch nicht. Aber trotzdem zweifelt man ja auch in vielen anderen Situationen daran, ob man alles richtig macht, ob man eine gute Mami ist!
    Ich glaube, Deine Jungs wissen schon genau, dass Du sie beide lieb hast und merken sicher wie viel Mühe Du Dir mit beiden gibst 🙂

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  3. Mir geht es genauso! Ich denke auch so viel darüber nach, wie ich beiden gerecht werden kann. Ich bin auch schon besorgt, ob ich unserer „Großen“ gerecht werde, weil sie so viele Wutanfälle bekommt – gut sie ist auch 3 Jahre alt – hätte sie vielleicht auch ohne neues Geschwisterchen bekommen, aber weiß ich das??
    Und unser Baby – was soll ich sagen, er ist ein Schatz, aber muss auch des öfteren warten und somit mehr weinen, wie seine Schwester als sie ein Baby (und noch Einzelkind) war.
    Wenn ich sie dann aber zusammen kuscheln sehe, wie die Große versucht dem Kleinen ein Buch zu zeigen. Oder wie der Kleine sie mit großen Augen anschaut und sie anlächelt. Oder wenn die Große den Kleinen tröstet und damit auch noch Erfolg hat, dann weiß ich trotz allen Sorgen machen – dass es gut ist, so wie es ist, auch wenn beide nicht mehr meine alleinige Aufmerksamkeit bekommen können.

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